DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. auf der Autobahn

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie auf der Autobahn unterwegs sind. Viele von Ihnen werden vielleicht gar kein Auto besitzen, entweder aus Prinzip nicht oder weil das nötige Kleingeld fehlt.

Nun ja, wie dem auch sei, für mich sind Autobahnfahrten, die man allerdings am besten allein unternimmt, das letzte große Abenteuer der Menschheit im 21.Jahrhundert – jedenfalls in Deutschland. Es ist der allerletzte, geistig freie Raum, den man sich erträumen kann, das letzte Refugium des Menschseins. Wo sonst kann man noch quasi öffentlich ungestört popeln oder rülpsen? Wo sonst, als in der Abgeschiedenheit einer Mineralöl verbrennenden Blech- oder Karbonkiste ist es möglich, Kette zu rauchen und dabei 190 Kilometer pro Stunde zurückzulegen, seit in den ICEs der Deutschen Bahn striktes Rauchverbot herrscht? An welchem Ort kann man sich so nachhaltig in sich selbst vertiefen und dabei den Rest der Welt hoffnungslos bedauern. Beispielsweise das Pärchen, das in seiner Nuckelpinne, vorzugsweise ein blaßroter FIAT-UNO, am ‚Elzer Berg‘ fast stehen bleibt und, weil SIE heute fährt und ER deswegen im zarten Alter von 21 einem Infarkt nahe ist. Oder den Wagenlenker, der von seiner Blase genötigt worden ist, in den Skiurlaub zu fahren. Die schreienden, sich langweilenden Gören treiben ihn spätestens 20 Minuten nach der Abfahrt zur Weißglut mit den immer gleichen Sätzen:
„Wann sind wir denn da? Wann machen wir Pause? Ich muss mal!“
Oder die Beifahrerin lässt so bedeutungsschwangere Aussagen durch das Innere des Automobils gleiten wie:
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Herd ausgemacht habe.“

Man kann so wunderbar und aus vollem Herzen fluchen, schreien, hupen, wie man gerade lustig ist. Wenn Opi mal wieder in seinem 180D ohne Kompressor mit 82 einen LKW überholt, der mit 80 auf der Mittelspur unterwegs ist und der seinerseits einen Kollegen mit Überlänge überholt, der mit 78 auf der rechten Spur fährt, kann man das HB-Männchen geben, dass es nur so eine Art hat. Unnötig zu betonen, dass solche Manöver unter Garantie an so neuralgischen Punkten wie dem Aichelberg auf der A8 oder auf der A2 am Bielefelder Berg stattfinden.

Ach, wie herrlich kann das Leben auf der Autobahn sein! Man sieht Dinge, denen man sonst niemals begegnet wäre. Aufkleber am Heck beispielsweise: „Achtung, Damen aufgepasst. Meiner ist 18 Meter lang“. Oder Eigenwerbung von Firmen auf ihren Lieferfahrzeugen: „Fa. Bäuerle liefert Wurstabbindemaschinen und Hackfleischportinierungslinien“. Bis man hinter den Sinn gekommen ist, vergehen mindestens 10 Kilometer. Großartig! Dem Einfallsreichtum sind schier keine Grenzen gesetzt, vor allem, wenn es um Internetadressen geht: „www.hundert-prozent-mann.com“ – jedem wird sich sofort erschließen, dass es sich hierbei um den diskreten Hinweis auf ein Potenzmittel handelt. Oder: „www.die-alten-säcke.org“, klare Sache, das ist eine Plattform für COUNTERSTRIKE-Spieler, die mindestens 10 Jahre älter sind als der Durchschnitt der Nerds, die dieses Spiel spielen.

Oder denken Sie an den reichhaltigen Fundus völlig überteuerter, abstruser Artikel, die man sonst nirgendwo findet – nur auf Rasthöfen. T-Shirts mit lustigen Aufdrucken („Bier ist wie Sex, nur nicht so schnell vorbei“), Namenstassen, Sternzeichentassen, Städtetassen. ‚Glückssteine‘, auf die die Mitglieder einer Behindertenwerkstatt kleine Marienkäfer gemalt haben, mit Milben und Dioxin verseuchte Plüschtiere (Made in China) für die lieben Kleinen, Feuerzeuge, die die Nationalhymne Frankreichs abspielen, wenn man sie betätigt, schreiend leuchtende Krawatten mit Donald-Duck-Motiven und, und, und.

Und: es gibt Menschen, die mögen Staus. Ja, man sollte es nicht für möglich halten, Jahr für Jahr begeben sich Menschen absichtlich zu Uhrzeiten hinter das Steuer, die ihnen garantiert das Erlebnis eines Staus bescheren. Das ist ein psychosoziales Phänomen, das sich noch niemand die Mühe gemacht hat, zu analysieren. Wer soviele Stunden auf Autobahnen verbringt wie ich, hat auch schon mal Zeit, darüber nachzudenken, vor allem im Stau. In einer Welt, in der doch immer alles schneller gehen muss, die immer effizienter werden soll, ist der Stau vielleicht das letzte Ereignis, bei dem einem niemand Vorwürfe machen kann, dass man sich nicht bewegt, nicht mit irgendetwas beschäftig ist, nichts Nützliches tut. Und man wird dafür sogar noch bemitleidet. Das muss man sich mal vorstellen. Man sitzt bequem, hört Musik, liest Zeitung, schreibt SMS, surft ein bisschen im Internet, trinkt etwas, kann sogar am helllichten Tag schlafen und erregt das Bedauern derer, die malochen müssen. Zu Hause, in den heimischen vier Wänden, käme niemand auf die Idee, geschweige denn in der Firma, Mitgefühl zu zeigen, ganz im Gegenteil. Entweder schaut einen die Freundin, Frau, der Mann, der Freund blöd von der Seite an, wenn man nicht in dem Augenblick den Müll rausbringt, die Wäsche aufhängt oder den seit Wochen versprochenen Dübel in die Wand appliziert, damit die Scheußlichkeit von einem Flohmarktspiegel endlich aufgehängt wird. Oder etwa die Kollegen:
„Herr Kasupke, ich warte seit 20 Minuten in der Registratur auf die Gegenzeichnung der Rechnungsstellungen und Sie schieben hier eine ausgesprochen ruhige Kugel!“
Und der Chef schreibt in Windeseile ein internes Memo oder verteilt Abmahnungen.

Möglicherweise ist der Stau aber auch einfach der Ersatz für den sonst so hierarchisch gegliederten Alltag. Hier sind letztendlich alle gleich, egal in welcher Art Auto sie sitzen, die Rostlaube, die nicht mal mehr Schrottwert hat oder der Sportwagen, dessen Besitzer sich zum Sklaven seines eigenen Gefährts macht, weil er die Hälfte des Monats nur für die Leasingraten schuftet. Der Stau begradigt das soziale Gefälle – die FIAT-UNO-Besitzer freuen sich darüber, dass die Zahnarztgattin im Cayenne genauso zur Geisel des Verkehrs geworden ist, wie sie selbst, der graumelierte Dandy im AUDI-TT belächelt die anderen, weil er bei voll aufgedrehter Aircondition auf seinem BOSE-Surroundsystems das Best-Of der Schlagerformation PUR hören kann. Mich beschleicht manchmal das Gefühl, so Verschwörungstheorie jetzt, dass das Max-Planck-Institut für Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaften dem Bundesverkehrsministerium rät, Staus künstlich zu initiieren. Einfach nur zu dem oben genannten Zweck. Würde mich nicht wundern.

Jeder kennt irgendjemandem, dem schon mal auf der Autobahn skurrile Begebenheiten untergekommen sind. Und hin und wieder sind einige davon wahr, sehr selten, aber immerhin. Es sind ewig schimmernde Legenden, die von Autofahrergeneration zu Autofahrergeneration weitergegeben werden, wie ein Staffelstab, wie ein Initiationsritus aus grauer Vorzeit. Das Rad, das den eigenen Wagen überholt, die Soziusfahrerin auf einem Trike, die die Vorrüberfahrenden damit schockiert, dass sie blankzieht, der LKW-Fahrer, der seine Ladung verliert, die aus 10-Cent-Münzen besteht und so eine kilometerlange Geldspur gelegt wird.

Meine Lieblingslegende ist die, die ich zärtlich „Der schnelle Zugriff“ nenne. Ein Paar ist im Hochsommer mit seinem VW-KÄFER unterwegs – wenn es ein Auto gibt, das das Sinnbild „Automobil“ mit Gegenständlichkeit auszufüllen vermag, dann ist es der KÄFER. Nach einigen Stunden des Unterwegsseins reißt der Heizungsbowdenzug. Eingeweihte unter Ihnen werden sich erinnern, dass es sich hierbei um das Seil handelt, welches die Klappen am Motor betätigt, die die Zufuhr von Warmluft in den Innenraum regeln. Im Nu wird es drückend heiß und man beschließt, auf der nächsten Raststätte anzuhalten. Der Mann, Mitglied eines arrivierten KÄFER-Clubs, hat selbstverständlich einen Ersatzbowdenzug dabei und es sollte ihn nicht mehr als 45 höchstens 60 Minuten kosten, diesen einzuziehen. Gesagt, getan. Der Wagen wird in einer etwas abseits liegenden Parkbucht aufgebockt, man will ja niemanden behindern. Der Mann zieht sich einen Blaumann über, denn er muss unter das Auto kriechen. Schließlich soll er nicht in öl- und dreckverschmierter Kleidung den Rest der Fahrt bestreiten. Die Frau geht unterdessen in die Raststätte, macht sich frisch, kauft etwas Kühles zu trinken, (vorzugsweise eine Capri-Sonne), eine Illustrierte (vorzugsweise eine BUNTE), die kulinarische Kostbarkeit einer über Stunden warmgehaltnen Bockwurst (vorzugsweise mit Senf und Ketchup) und eine dieser überaus modischen Sonnenbrillen, die immer in den Shops vorrätig sind. Langsam schlendert sie im weiten Bogen über das Areal der Raststätte, sieht den Kindern auf dem Spielplatz einen versonnenen Augenblick lang zu und wendet sich schließlich wieder in Richtung des KÄFERs. Sie sieht ihren Mann im Overall immer noch unter dem Auto liegen und einem plötzlichen Impuls nachgebend, fasst sie ihm mit einer schnellen Bewegung in den Schritt. Danach wendet sie sich wieder der Raststätte zu. Nach wenigen Metern kommt ihr ihr Mann entgegen. Die Frau ist schockiert, verwirrt, wem hat sie so beherzt ins Weiche gefasst? Es stellt sich heraus, dass es ein zufällig, ebenfalls rastender KÄFER-CLUB-Freund war, der ihren Mann abgelöst und dem dieser den Blaumann geliehen hat. Nichts Gutes ahnend geht man zusammen zu dem Auto und muss den Freund bewusstlos unter dem Wagen hervorziehen. Er wurde durch die Attacke derart erschreckt, dass er sich am Unterboden den Kopf blutig geschlagen hat.
Wenn Sie jetzt an dem Wahrheitsgehalt der Geschichte zweifeln, dann haben Sie völlig recht.

Gönnen Sie sich mal ein paar Autobahnkilometer, es dürfen auch ruhig ein paar mehr sein, es wird Sie begeistern.