Neulich ….. bei einer Ü30-Party

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn diejenigen von Ihnen, die dieses Alter überschritten haben, zu einer Ü30 Party eingeladen werden. Um ehrlich zu sein, mir ist der Besuch einer solchen Veranstaltung unheimlich. Plötzlich wird einem doch schlagartig bewusst, dass man ja schon seit geraumer Zeit potentiell zur Klientel solcher Events gehört. An sich nichts gefährliches, im Gegenteil, ich möchte bitte nicht mehr so alt wie Anna (die beste Tochter von allen) sein. Aber die soziale Gettoisierung, die mit dieser magischen Grenze einhergeht, kann auch jemand unbedarften wie mich erschrecken: ‚Ausweis bitte! So, und jetzt Klappe halten und Abmarsch im Sauseschritt aufs betreute Wohnen zu.‘

In den Zeiten des sogenannten ‚demographischen Wandels‘ gehört man also ab dem Grenzübertritt zur meist schweigenden Mehrheit der Bevölkerung. Wahrscheinlich ist so auch der, seit zwei Jahrzehnten andauernde, ungebrochene Jugendwahn zu erklären, der solche kulturellen Kolateralschäden wie sechzehn- bis siebzehnjährige Bestsellerautoren (Benjamin Lebert und Helene Hegemann), Berufsjugendliche wie Sarah Kuttner, ‚Germanys next Topmodel‘ oder ‚DSDS-Kids‘ verursacht hat. 
Das Nichterwachsenwerdenwollen wurde darüber hinaus als Broterwerb von diversen, mit 25 schon zu alt gewordenen VIVA-Moderatoren entdeckt und viele andere sind dabei es nachzuahmen – von Joko & Klaas über Daniela Katzenberger bis zu Collien Fernandez und Gülcan Kamps, geborene Karahancı. 
Frauen feiern plötzlich 4 bis 5 Jahre nacheinander ihren 29. Geburtstag, Männer in diesem Alter laufen plötzlich in Hosen herum, deren Schritt weit unter den Kniekehlen verortet ist. Eine ganze Industrie hat sich um dieses Phänomen herum etabliert, die die Ü30-Generation sowohl medial als auch materiell mit den entsprechenden Ausstattungen versorgt und die Illusion, dass ’30‘ die neue ’20‘ ist, kräftig nährt. Dieser Logik folgend, müsste ’20‘ die neue ’10‘ sein. Und, wenn man mal ehrlich ist, viele in diesem Alter gebärden sich auch so. Selbst Kreditkarteninstitute appellieren an das Jugendbewusstsein ihrer Kunden: „Jungsein … unbezahlbar, für alles andere gibt es MASTERCARD“, und schon hat man das Gefühl, durch die Hintertür einer Kreditkarte könne man zur ewigen Jugend gelangen. 

Mein, Ihnen schon bekannter Nachbar mit Migrationshintergrund, Mahmut, den ich meistens an den Mülltonnen treffe, lud mich zu einer Ü30-Party in den Club ein, bei dem er als Türsteher jobbt: „Eh, Alder, kommst du zu Ü30-Party morgen in Club? Kannst du dich mal konkret amuserieren. Immer nur so an dein Schreibtisch ist nix gesund für hier.“
Er tippte sich mit einer Hand an seine Stirn und mit der anderen fasste er sich in seinen Schritt.
„Aha, was veranlasst dich denn dazu, anzunehmen, ich würde mich da amüsieren?“
Mahmut pfiff durch die Zähne: „Seh ich niemals nix Frauen bei dir und schwul bist du nich, sieht Mahmut gleich. Wirst du noch Opfer sonst von deine Fantasie oder so. Also, du kommst und bin ich krass sicher, du triffst viele hungrige Frauen.“
„Wie jetzt, hungrig? Ich dachte es ist eine Party und kein Galadinner.“
Mahmut lachte so laut über den Hof, dass das Baby im dritten Stock aufwachte und schrie: „Alder, du bist krass lustig. Kennst du die Spruch“, er senkte diskret seinen sonoren Bass, „‚behandle sie wie eine Prinzessin, fick sie wie eine Hure‘. Kannst du konkret morgen mal abchecken.“
Mahmut zwinkerte mir verschwörerisch zu und legte mir seine Pranke auf die Schulter, ich gab mich halb geschlagen: „Okay, ich schau mal.“

Am nächsten Nachmittag, ich hatte den Vorfall schon wieder vergessen, erreichte mich eine SMS von Mahmut: „alder, du kommst zu u30, mahmut wartet auf dich.“ Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich annehmen können, Mahmut wolle mich anbaggern. 
Ich duschte, salbte, parfümierte und rasierte mich, gurgelte lange mit scharfem Mundwasser, wählte Schwarz als bestimmende Farbe meiner Kleidung aus und putzte meine Schuhe. Zehn Minuten vor dem annoncierten Einlass machte ich mich auf den Weg. 

Vor dem Club drängte sich bereits ein Menschenauflauf in freudiger Erregung wie damals, als es noch die offiziellen Schlussverkäufe in den Kaufhäusern gab. Mir fiel eine Textzeile aus einem Couplet von Ulrich Roski ein: „…eine Hausfrau geht vorüber und siniert, ob man ‚Menschenauflauf‘ wohl mit Speckstreifen garniert“.
Geschnatter und übertriebenes Lachen der Damen und besonders zur Schau gestellte Coolness der Herren verbreiteten eine gespannte Erwartung. Sobald Mahmut mich gesehen hatte, winkte er mich nach vorne und flüsterte: „Alder, ist krass dunkel da unten in diese Schwarz sieht dich doch kein Prinzessin.“ 
Ich stupste ihn in sein Sixpack, das sich deutlich unter seinem krass engen Shirt abzeichnete: „Wenn nicht die, dann die anderen.“
Mahmut brauchte einen Augenblick, bis der Witz bei ihm ankam, aber dann lachte er so laut, dass das Geschnatter verstummte.
Er pappte mir noch einen hellblauen Aufkleber mit meinem Namen auf die Brust und schleuste mich dann in die Katakomben seiner Wirkungsstätte, nicht ohne mir einzuschärfen, dass ich mich ‚konkret amuserieren‘ soll. 

Die dröhnenden Bässe von MC HAMMER’s ‚U can’t touch this‘ aus den tiefen 90-zigern waberten mir entgegen, als ich den Ort des Geschehens betrat. Wer von Ihnen diesen Song kennt, wird verstehen, dass mich in derselben Sekunde ein fast nicht zu unterdrückender Brechreiz anfiel. Aber, um es mal mit einem Spruch ‚der besten Tochter von allen‘ zu sagen, „es kann ja nicht jeder auf deinen Indiequatsch stehen.“ 

Der DJ, soweit ich das durch die zuckenden Stroboeffekte erkennen konnte, gehörte auch zu den Ü30 und trug einen weißen Roger-Cicero-Hut zu einem weißen T-Shirt, beides leuchtete im Schwarzlicht lila auf.
Die Tanzfläche war noch leer, dafür drängte man sich an der Bar und wieder sah es so aus wie beim Schlussverkauf. Wie ich jetzt feststellte, trugen die Frauen rosa Namensschilder – was für eine ausgesprochen lustige Idee: blau für die Männer, rosa für die Frauen. Augenblicklich kamen mir die unzähligen Babymärkte in Erinnerung, durch die ich mit Annas Mutter während der Schwangerschaft gestreift war. Sollte das hier auch so eine Art Babymarkt sein? 
Es fiel mir auf, dass die anwesenden Frauen ständig laut lachten, was aber wegen der lauten, schlechten Musik nicht zu hören war, sondern nur als Pantomime bei mir ankam, sehr grotesk, aber, gut, man war ja hier, um sich zu amüsieren.

Ich orderte bei dem U(nter)30-Barkeeper per Zeichensprache einen Wodka-Redbull und begab mich zu einem, der im Raum verteilten orangen Würfel, die als Sitzgelegenheit dienten. Ich hielt mich an meinem Getränk fest und beobachtete das Treiben um mich herum. Die meisten der Ü30-Gäste waren offensichtlich in Gruppen erschienen, deren Mitglieder sich kannten. Es gab Damengruppen, Herrengruppen und gemischte Doppel, ein bisschen wie beim Tennis oder Badminton. Einzelne Frauen oder Männer schienen, von mir abgesehen, nicht anwesend zu sein. 

Der DJ brüllte einen unverständlichen Witz in die PA und da ihn niemand verstand, lachte nur er selbst, was aber gar nichts machte, da auch sonst weiterhin gelacht wurde. Dann kippte er das Intro von ‚Geh zu ihr‘ der Phudys in den Saal (klar, man war im Ostteil der Stadt) und ich den Rest meines Getränks hinunter. 

Was machte ich hier eigentlich? Ich überlegte, was ich hätte in der Zeit alles mit mir anstellen können. Sport machen zum Beispiel oder Lesen oder Kommunikation mit Menschen pflegen, die ich schon kenne. Stattdessen stand ich zwischen lauter Fremden und wusste nicht mal warum. Ja, na gut, Mahmut hätte es persönlich genommen, wäre ich nicht erschienen, aber rechtfertigte das diesen Krampf? Definitiv nicht. Ich lehnte mich an den Tresen und beschloss, nach dem Drink einen ‚Polnischen‘ zu machen, also unauffällig zu verschwinden – für allem für Mahmut unauffällig.

Es kam nicht dazu. Denn Begegnungen mit Jasmina, Sandra, Sandy und noch einigen anderen kamen mir dazwischen. Brav beantwortete ich jede, in mein Ohr geschriene Frage. Es war, als hätten sich die Frauen abgesprochen, aber vielleicht wurde auch nur ein Repertoire, das man sich für Ü30-Partybefragungen zurechtgelegt hatte, abgespult. 
„Bist du alleine hier“, kam auf Platz 3 in den Fragencharts.
Antwort: „Naja, mit mir sind schätzungsweise noch 150 andere hier.“
Vizemeister wurde: „Und, was kannst du besonderes?“ 
Antwort: „Ich wandle permanent Sauerstoff in Kohlenstoff um!“
Die Topplatzierung ereichte schließlich: „Und, welche Macken hast du so?“
Antwort: „Ich hab keine Macken, bei mir sind das alles Specialeffects.“

Die Frauen brachen alle in schallendes Gelächter aus und jetzt schafften es sogar ein paar Gluckser gegen die anhaltend dröhnende Musik in meine Gehörgänge. So witzig waren die Antworten nun auch wieder nicht, wie ich fand. Ich fragte mich, ob dieses laute Lachen irgendein Code sein sollte, und wenn ja, wie die Entschlüsselung vor sich ging. Sollte dieses Mundaufreißen eine Art Zurschaustellung sein – sieh mal, ich bin Ü30, hab aber noch alle Zähne, Pferdemarkt statt Babymarkt? Oder zog das eine zwangsläufig das andere nach sich? Oder hatte das mit der, von Mahmut angekündigten ‚Hungrigkeit‘ zu tun?

Irgendwann tauchte dann Mammut auch selbst auf und zwinkerte mir verschwörerisch zu, als ich mich gerade mit Marie-Lisa anschrie. Er machte verstohlen eine obszöne Geste in meine Richtung und zwinkerte mir verschwörerisch zu, bevor er wieder verschwand. 

Je weiter der Abend und der Alkoholkonsum fortschritt, desto voller wurde die Tanzfläche und die Musik noch lauter. Ja, klar, so wurde mir bewusst, Ü30 beinhaltet geradezu zwangsläufig Schwerhörigkeit. Ich überlegte, ob der Deutsche Verband der Hörakustiger den DJ vielleicht sponsert. Zumindest mühte er sich redlich jeden noch so ausgefallenen Musikwunsch zu erfüllen, angefangen bei Garry Glitter bis hin zu Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen.“ Als ich mir jedoch Jennie Abrahamson wünschte, musste der gute Mann allerdings passen: „Das ist Ü30 hier, Kumpel.“
War man mit Ü30 tatsächlich dazu verurteilt, nur noch ‚Berliner Rundfunk‘ oder ‚Antenne Brandenburg‘ zu hören, wo Musik aus den 70zigern, 80zigern und ausgewähltes Material aus den 90zigern fröhlich weiterlebte?

Tatsächlich fanden sich einige Pärchen im Laufe des Abends, die begannen, nebeneinandersitzend, sich mittels ihres Smartphones und ‚Whats Up‘ zu unterhalten.
Zwei Mal war ich schon auf dem Weg aus dem Labyrinth, fand mich jedoch immer auf dem Klo wieder, an dessen Tür tatsächlich ‚Notausgang‘ stand. Bei genauerem Überlegen, ja, irgendwie stimmt das ja auch. 
Ich half einigen Ü30-Männern beim Kotzen und fand auf dem Fußboden ein verloren gegangenes iPhone. Die Besitzerin, eine Ü30-Helene, als die sie das babyrosa Namensschild auswies, konnte sich nicht genug bei mir bedanken und orderte mehrere Doppelte für mich.
Ich gewann das ausgeschriebene Ü30-Quiz. Die Fragen befanden sich durchgängig auf dem Niveau der 50-Euro-Stufe bei ‚Wer wird Millionär‘: „Welches ist eines beliebtesten Küchenkräuter in Deutschland? A: Thomassilie, B: Rolandsilie, C: Berndsilie, D: Petersilie.“ 
Mein erster Preis bestand aus einem Gutschein in Höhe von 80 Euro für das Luxuspinieölbodytreatment eines ortsansässigen Schönheitssalons um die Ecke. 

Um mal wieder eine längere Geschichte kurz zu machen, am Ende des Abends hatte ich einen ganzen Haufen neuer Facebook-Kontakte, einen dicken Kopf und war heiser, aber nach Hause begleitete mich nur ein CD-Paket, bestehend aus mehreren Kompilationen mit Hits des vorigen Jahrtausends, das Nadine als dritten Preis gewonnen und das ich gegen den Schönheitsgutschein eingetauscht hatte.

Am nächsten Tag traf ich Mahmut bei den Mülltonnen.
„Und, Alder, hast du?“
Ich nickte, was ich hätte lieber nicht tun sollen, denn der Kater in meinem Kopf erwachte und begann augenblicklich seine Krallen an der Innenseite meines Schädels zu schärfen: „Ja, ich hab‘ – beim Quiz gewonnen.“
„Allah, Alder, dich kriegen wir nix mehr unter Haube.“

Tja, wenn Mahmut das sagt, wird es wohl stimmen, zumindest nicht bei einer Ü30-Party.