DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. beim Abiballkleidkauf

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie mal Gelegenheit haben, mit Ihrer Tochter ein Abiballkleid kaufen zu gehen. Für mich war es ein weiteres Ereignis in einer achtzehn Jahre langen Reihe sehr schöner, groß- und einzigartiger Ereignisse als Vater.

Wir gingen in ein kleines Maßatelier auf der Bismarckstraße in Berlin-Charlottenburg. Anna hat seit ungefähr zwei Jahren ein ausgesprochenes Faible für Mode der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Dort hingen sie, die Träume der Mädchen von vor 60 Jahren und jedes dieser Kleider hätte Conny Froboess und Audrey Hepburn in die Figuren verwandelt, die für meine Mutter Idole waren. Die Geräusche in dem kleinen Laden waren eine Mixtur aus Oldies, Nähmaschinengerassel und Rascheln edler Stoffe. Es roch nach Bügelstärke und Weichspüler.

Anna gingen die Augen über. Es gab Kreationen in rot, schwarz, grün, lila und blau, im Matrosenstyle, verspielte Kirsch-, Erdbeer-, Marienkäfer- und Totenkopfprints, blaue Kleider mit weißen Punkten, weiße Kleider mit blauen Punkten, karierte und gestreifte Modelle, trägerlose, Neckholder, Spaghettiträgerkleider und eine erkleckliche Auswahl an Petticoats und Accessoires – Haarreifen, Spangen, Taschen, Bänder und Hüte.

Unter den Augen einer eher missgelaunten Verkäuferin, die meiner abgeranzten Lederjacke skeptische Aufmerksamkeit schenkte, durchforsteten wir das Angebot. Überflüssig zu betonen, dass ich mit meinen Vorschlägen immer daneben lag. Aber das beeinträchtigte die Freude, die ich hatte, Annas Freude zu beobachten, nicht im geringsten. Irgendwann fungierte ich nur noch als Kleiderhalter, während wir darauf warten mussten, dass eine der beiden Umkleidekabinen frei wurde. Aus denen walzte sich in regelmäßigen Abständen eine stark übergewichtige Dame in der Mitte der 40er, die die Reißverschlüsse nicht mal ansatzweise schließen konnte und der die Petticoats die Erscheinung eines Walrosses auf einer Karnevalssitzung verliehen. Der dazugehörige Mann, ein Hungerharken in mausgrauem Mantel, kommentierte die Auftritte seiner Gattin mit immer denselben Worten: „Bissken zu klein das ganze, wa?“
Die Verkäuferin wurde nicht müde zu betonen, dass man alles gegen einen geringen Aufpreis ändern könne. Jetzt verstand ich auch die schlechte Laune.

Aus der anderen Kabine trat im Wechsel eine hoch aufgeschossene Frau, deren Arme und Beine mit Tattoos übersät waren – Tribals, florale Muster, bildliche Darstellungen von Raubtieren und blutenden Herzen. Bei manchen Kleidern, vor allem dem mit den Totenkopfprints, zeigte der Spiegel im Verkaufsraum dann eine wahre Orgie aus Mustern und Farben. Ihrer Meinung, dass ja dann niemand mehr auf ihre Tattoos sehen würde, konnte ich nur zustimmen. Sie entschied sich schließlich doch für ein schlichtes, schwarzes Modell ohne Träger mit weißer Bordüre, das die Tattoos optimal zur Geltung brachte.

Anna verschwand mit ihren sechs Favoriten in die frei gewordene Kabine und überlies mich meinen Gedanken.
Ich erinnerte mich an ihre ersten Schritte, an die ersten Worte, den ersten Schultag, unseren 3-wöchigen Urlaub in einem Club auf Fuerteventura, wo sie unbedingt das Angeln erlernen wollte und jeden Abend eine sogenannte Minidisco stattfand.
Mir fielen die stundenlangen Telefonate mit ihr ein, die ich auf der nächtlichen Autobahn mit ihr führte, als sie vom ersten großen Liebeskummer gequält wurde.
Mir kamen mein Stolz und ihre leuchtenden Augen in den Sinn, als sie vor 5 Jahren ihre erste professionelle Theaterpremiere hatte, die Pubertätskrisen, die Reisen zu DSDS nach Köln und wie sie auf der nächtlichen Rückfahrt nach Berlin in dem improvisierten Bett, dass wir zusammen auf den umgeklappten Rücksitzen gebaut hatten, glücklich und zufrieden schlief.
Ich dachte an die Übernachtungspartys anlässlich von Kindergeburtstagen, die Reitstunden, die jahrelang jedem Sonntagnachmittag den Rhythmus vorgaben und die nicht enden wollenden Tränen, als ihr Chihuahua überfahren wurde.
In meinem Kopf lief die „Sweet-little-Sixteenparty-Party“ noch mal ab, die wir im ‚Underground‘ in Kreuzberg gefeiert hatten und ich erinnerte mich an die Nächte, in denen ihre Asthmaanfälle uns ins Krankenhaus trieben.
Und schließlich: das ungeheure, nicht zu beschreibende Glücksgefühl ihrer Geburt, nachdem ihre Mutter 36 Stunden gekämpft hatte und der Ohnmacht nahe war. Und die Worte der Hebamme, als Annas Kopf erschien: „Eine Blondine“. Später stellte sich heraus, dass sie mitnichten blond war, sondern nur eine Strähne an ihrem Hinterkopf. Der Vermutung der Kinderärztin zufolge, sei das ein Zeichen für den Geburtsstress. Jahre später folgte auch ich dieser Theorie, als ich den Schluss von ‚X-MEN 1‘ sah, bei dem Rogue auf Magnetos Mutationsmaschine festgeschnallt ist und ihr der emotionale Stress eine weiße Strähne in die dunklen Haare ‚zaubert‘.

Mit diesen Gedanken verging die Parade der Kleider bis nur noch zwei übrig blieben – keins davon war grün, was mich sehr wunderte, denn Grün ist im Leben meiner Tochter der festeste Bestandteil, den man sich vorstellen kann. Das, welches schließlich das Rennen gewann, war natürlich mit Abstand das teuerste. Dazu wurde noch ein Petticoat und Haarreifen ausgesucht, nur farblich passende Schuhe waren nicht aufzutreiben, aber die sollten wir sicherlich noch woanders erstehen können.

Nachdem ich meine gesamte Barschaft an die nun nicht mehr ganz so schlecht gelaunte Verkäuferin losgeworden, das Kleid spritzwasserdicht in Zellophan verpackt, ich über die Pflegehinweise dezidiert aufgeklärt worden war, verließen wir das Atelier. Draußen ging gerade ein Wolkenbruch nieder, aber das Herz meiner Tochter lachte – jeder konnte es deutlich sehen.