DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. beim Arbeitsessen

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie zu einem Arbeitsessen eingeladen werden, das auch gleichzeitig ein Verkaufsgespräch sein wird. Man versucht sich selbst an den Mann oder die Frau zubringen. Man bietet sich an wie Sauerbier und meistens wird man dann auch genauso ausgespuckt. Daher wird mir immer ganz flau im Magen vor solchen Terminen. Die Bezeichnung ist eigentlich natürlich völlig irreführend. Man sollte Arbeit und Essen nicht kreuzen, damit dann eine solche Chimäre dabei herauskommt, von professionellen Sumõ-Ringern vielleicht mal abgesehen.

Ich habe mir angewöhnt, nicht hungrig zu so einem Termin zu erscheinen. Es macht bestimmt keinen guten Eindruck, sich den Bauch vollzuschlagen, während der zukünftige Geschäftspartner versucht, ein Angebot zu machen. Andererseits darf man aber auch nicht gesättigt erscheinen. Die Unhöflichkeit, nähme man nur wenig zu sich, könnte einem schnell als Arroganz auslegt werden – und schon ist es Essig mit der Partnerschaft. Am besten, man befindet sich in einem Zustand des latenten Bereitseins zur Nahrungsaufnahme und, je nachdem, was man über die Herrschaften am Tisch weiß, sollte man sich trinkfest machen. Dazu reicht ein Stück Weißbrot, dass man in Olivenöl taucht und 34 Mal kaut, bevor man es hinunterschluckt.

In jüngster Vergangenheit sind die Einladungen zu solchen Essen etwas spärlicher gesät. Das mag an der Wirtschaftskrise liegen oder am Gebaren des Finanzamtes oder daran, dass es Trilliarden andere, willigere (man könnte auch sagen: hungrigere) Autoren gibt, die für einen Schreibauftrag sogar gerne die Rechnung übernehmen würden, auch wenn sie dafür im Lager eines Lebensmitteldiscounters Frondienste ableisten müssten. Oder es liegt am System, oder an den Restaurantpreisen, oder daran, dass man inzwischen bemerkt hat, dass Germanistikstudenten, die als Praktikanten auf einen Berufseinstieg hoffen, bedeutend besser gar zu kochen sind, als so ein Stück abgehangenes Fleisch wie ich, oder, oder, oder….

Die Szene, die ich Ihnen schildern möchte, spielte sich vor zwei Tagen ab. Der Anruf der Junior Assistent Producerin, eine euphemistische Umschreibung der Tätigkeit einer Sekretärin, erreichte mich im Morgengrauen, also genauer gesagt kurz vor 11.00 Uhr.

Eine einschmeichelnde Stimme, deren leichte Färbung verriet, dass man im Großraum Berlin aufgewachsen war, meldete sich: „Schönen juten Tach, Herr Anderson, die Firma ‚Schwarzer-Entertainment‘ hier, Nadine am Apparat.“

Irgendwie heißen die alle Nadine oder Nicole oder Sandra. An sich prächtige Namen, nichts dagegen zu sagen.

„Ja.“

„Wobei störe ich Sie jerade?“

Das willst du nicht wirklich wissen, du Hühnchen: „Sie stören nicht, ganz und gar nicht. Worum geht es denn?“

Gekicher: „Na, Sie sind aber direkt.“

Ja, was denn sonst, du…, du… Nadine, du: „Sagt Ihr Boss nicht immer: ‚Bloß keine Zeit verschwenden‘?“

Gekicher in höherer Tonlage: „Ja, jenau, das sagt er immer.“

Ich warte, bis es ausgekichert hat: „Also, was gibt’s?“

„Unser Produzent, Kai-Uwe Schwarzer, würde Sie gerne zu einem Arbeitsessen bitten, morjen 20.30 Uhr im ‚Vier Jahreszeiten‘, passt Ihnen das?“

Ach du Scheiße, mir schwant schreckliches, aber da mein Kontostand mich zunehmend uneitel hat werden lassen, lege ich meine ganze, mir im Augenblick zur Verfügung stehende Wachheit in meine Antwort: „Ja, das passt, glaube ich, Moment, ich schaue mal in mein Outlook…“

Ich haue ein paar Mal überdeutlich auf die Tasten meines Radioweckers: „Ja, doch, das sollte gelingen.“

„Wie schön, Kai-Uwe Schwarzer wird sich sehr freuen.“

Und ich mich erst, wenn ich mich für die paar Kröten den ganzen Abend zulabern lassen und über jeden 1000 Jahre alten Kalauer lachen muss: „Ich freu mich auch außerordentlich, Nicole …“

„Nadine.“

„Nadine, sorry, und richten Sie bitte Herrn Schwarzer aus, dass ich mich für die Einladung bedanke.“

„Das mache ich sehr jerne, Herr Anderson, einen schönen Tag noch.“

„Ihnen auch, Nadine.“

Zumindest ist jetzt sicher gestellt, das Schwarzer zahlt, das Wort ‚Einladung‘ ist nicht dementiert worden.

Mein Gott, was ist nur aus mir geworden? War ich nicht mal ein hoffnungsvoller, begabter Schreiberling, der eigentlich nur mal so aus Jux und Tollerei schauen wollte, wie die das so beim Fernsehen machen? Was ich jetzt bin, dürfen Sie sich gerne selbst zusammenreimen.

Am nächsten Abend sitze ich pünktlich am verabredeten Treffpunkt. Meine Erscheinung zieht trotz aller meiner Bemühungen die abfälligen, wenig schmeichelhaften Blicke des Personals auf sich. Wahrscheinlich verdient hier der kurdische Tellerwäscher mehr als ich. Kai-Uwe Schwarzer kommt natürlich zu spät. Typisch. Als er schließlich nach 30 Minuten seine Körpermassen durch die Tür schiebt, er würde bei einem „look a like contest“ die Goldmedaille in der Kategorie ‚Rainer Calmund‘ oder ‚Michelin-Männchen‘ erringen, hellen sich die Minen der Kellner deutlichst auf – wahrscheinlich hatten sie vermutet, ich würde die Rechnung nicht zahlen können. Die 12 Euro für das stille Wasser hätte ich wohl gerade noch so zusammen gekratzt, vielleicht.

Schwarzer walzt auf den Tisch zu, schon vier, fünf Meter, bevor er mich erreicht, breitet er seine zu kurz geratenen Arme aus und dröhnt: „Anderson, alter Schwede! Was macht die Kunst? Immer noch hinterm Nobelpreis her, hahaha….“

Da war er schon, der erste Kalauer. Ich falle dümmlich in das Lachen ein und gleich darauf in seine Arme: „Für Nobelpreise ist es nie zu spät.“

Man setzt sich und schon umwuseln uns zwei dienstbare Geister, schlagen in Rindsleder gefasste und mit Goldschnitt ausgestatte Speisekarten auf und halten sie uns vor die Nasen.

„Ach, komm schon, Anderson, das wird doch nix. Schuster bleib bei deinen Leisten, sag ich immer,“ er schiebt die Speisekarte weg, „und wir bleiben bei der Schweinskopfsülze, die passt zu meinem Kopf, hahaha….“

Sehr gut, das ist eine Vorlage: „…und Eisbein zum Rest.“

Schwarzer lacht so laut, dass die anderen Gäste sich umdrehen: „Anderson, du bist unbezahlbar!“

Wenn es so ist, schieb den Vertrag rüber und wir reden noch mal über Unbezahlbarkeit.
Ich frage mich, wieso wir in diesem Schuppen sitzen und Schweinskopfsülze für 28 Euro pro Portion fressen. Das hätten wir im „Leierkasten“ bei mir um die Ecke im Wedding billiger haben können.
Die Kellner klappen enttäuscht die Karten zu.

Schwarzer ruft ihnen nach: „Und zwei Helle dabei nicht vergessen.“

Man schüttelt kaum merklich den Kopf. Schwarzer ist bestens gelaunt, offensichtlich hat er einen großen Fisch an der Angel, er weiß nur noch nicht, wie er ihn an Land, filetiert und gebraten bekommt.

„Also, bloß keine Zeit verschwenden, Anderson, hör mal zu, das bleibt aber erstmal unter uns, klar?“

Ich nicke artig und mutiere augenblicklich zum Arschkriecher, als mich eine eingehende SMS darüber informiert, dass mein Handy ab sofort wegen nicht ausgeglichener Rechnung gesperrt ist.

Alles, was du willst, du Fettsack: „Natürlich, das versteht sich vollinhaltlich von selbst!“

Schwarzer, so laut, als würde der ‚1. FC Union Berlin‘ das Champions-league-Finale gewinnen: „Anderson, du bist echt ’ne Marke, ‚vollinhaltlich‘. Du redest eine Scheiße daher, hahaha, kann man drei Eimer volllachen und keiner schafft sie raus, was?“

Warte, Schwarzer, die Toten werden am Schluss gezählt.

Das Bier kommt: „Prost, Anderson, du alte Plotsau.“

Ja, ‚Plotsau‘ passt zur Schweinskopfsülze: „Prost, Kai-Uwe.“

Schwarzer beugt sich über den Tisch, eine Geste, die Vertraulichkeit signalisieren soll: „Also, hör druff, die da beim Sender wollen mal wieder alles umstrukturieren, die Trottel, kenn‘ wir ja, die denken immer noch, sie kriegen die zwischen 14 und 29 wieder vor die Glotze, Zielgruppe, haben solange draufgezielt, bis sie die mit Getöse abgeschossen haben, hahaha….“
Schwarzer trinkt sein Helles in einem Zug leer und ruft nach hinten: „Noch mal das Gleiche, aber dalli!“

Ich sehe die Kellner angewidert das Gesicht verziehen und zucke entschuldigend mit den Achseln.

„So, und da kommst du ins Spiel“, fährt Kai-Uwe fort, „oder an den Herd, hahaha, du rührst mir eine schöne Suppe an, maximal 4 Seiten, Liebe, Intrige, bisschen Sex, Religion nur am Rande, das Ganze ordentlich verpackt, Geldadel, irgendwas mit Reederei oder von mir aus Gestüt, Gärtnerei, Schlössern, Architekturbüro, Anwaltskanzlei auf Malle, Tauchschule auf Sylt, wir machen das ganze im Studio vor Blau, machen wir Landschaft drauf, nicht so ville Personal, keine Kinder dabei, ….“

Die Schweinskopfsülze unterbricht seinen Redeschwall. Schwarzer ist schockiert, als er auf den großen Teller blickt, in dessen Rund sich eine lächerlich kleine Portion seiner Leibspeise verliert. Die maximal 50 Gramm werden von einer, wie Babykotze aussehenden Soße umspült und von einer halben Tomatenscheibe nebst einem Schnittlauchhalm flankiert.

„Hatten wir Kinderportionen bestellt? Was ist das denn, meine Herren?“

„Das ist die Schweinskopfsülze nach Art des Hauses.“

„Dann holen Sie mir mal den Chef,“ Kai-Uwes Schweinskopf droht selbst zur Sülze zu werden, „und zwar auch nach Art des Hauses.“

Die Kellner ziehen sich mühsam beherrscht zurück.

Schwarzer schäumt: „Ja, leck mich doch am Arsch.“

Ich versuche einen Kalauer, um ihn ein bisschen runterzukochen: „Aber doch nicht hier.“

Es funktioniert, aus Kai-Uwes Körpermassen steigt langsam ein Kichern an die Oberfläche, das dem Nadines, Nicoles, Sandras alle Ehre gemacht hätte: „Anderson, du bist mein Mann.“

Nein, bitte nicht auch noch das, reicht, wenn ich dir deinen Mist aufschreibe: „Oh, zuviel der Ehre. Danke für den Antrag, aber das kann ich gar nicht annehmen.“

Schwarzer lacht noch lauter. Jetzt kommt der Restaurantchef an den Tisch. Er trägt selbst zwei Portionen Schweinskopfsülze vor sich her, die denen im ‚Leierkasten‘ in nichts nachstehen. Ein zweiter Lakai folgt mit noch zwei Glas Bier. Der Chef entschuldigt sich wortreich und serviert.
Schwarzer grummelt, ist es aber zufrieden und langt zu.

Er deutet mit dem Messer auf mich: „Hau rein, Anderson, wer weiß, wann es wieder was gibt, was? An dir is ja nix dran, hahaha…, wo waren wir stehen geblieben?“
Ich beginne die Schweinskopfsülze hinunter zu würgen. Wenn ich hier raus bin, gehört die nächste Currywurstbude mir: „…keine Kinder dabei.“

„Richtig, Anderson, keine Kinder dabei. Wir holen uns die Dings hier, na, du weißt schon, hier, die Geheimwaffe des Fernsehens, die, warte mal…“

Schwarzer zottelt aus der Innentasche seiner Jacke einen zerknüllten Zettel und faltet ihn auseinander: „Hier, die Ferres, wir holen uns die Veronica, hat mir hier schon schriftlich zugesagt, die muss mal wieder raus aus ihrem trauten Heim, würde mir auch nicht gefallen, immer diesen Pornobalken von ihrem Typen anzugucken jeden Tag, hahaha….“

„Er hat sich den Bart abrasiert.“

„Wie, der Maschmeyer ist blank? Hahaha….“

Schwarzer fällt vor Lachen der Zettel aus der Hand und in die Babykotze: „Ach, verdammt, egal, scheiß drauf, Anderson, du machst das schon, Hauptsache lustig, du verstehst mich schon. Krimi würde auch gehen, Krimi geht immer, nehmen wir den Dings, hier, na sag schon, den … den Müller, Richy, genau, den holen wir uns dazu als Bulle mit Alkoholproblemen, geschieden, lebt in einem Loch von einer Wohnung, seine halberwachsenen Kinder verachten ihn, seine Kollegin ist die Ferres und die will ihn immer retten aus seinem Scheißleben, sein Chef ist ein Arschloch und will ihn ständig feuern, aber seine Quote ist sensationell – so wie unsere wird, aber nicht vergessen, das muss lustig werden das ganze, was, Anderson, alter Fahrensmann, hahaha….“

Schwarzer schiebt den leergegessenen Teller von sich und stößt auf: „Und jetzt, keine Zeit verschwenden, Anderson, Abgabe Ende der Woche, nächsten Montag hab ich Termin beim Sender.“

Er schluckt den Rest von seinem Hellen.

Ich gehe zum Angriff über: „Was ist mit einem Vertrag?“

Schwarzer rülpst noch mal: „Wie, Vertrag? Nu mal nicht frech werden, Anderson, schreib das auf, ich hab dir doch jetzt schon alles vorgesagt, was muuste denn da noch groß dichten? Kannst froh sein, dass ich so gute Ideen habe, was, hahaha … und jetzt trinken wir noch einen auf meine Kosten.“

Nun sitze ich wieder in meiner Hinterhofwohnung an meinem Schreibtisch, vor mir die Reste der Schweinskopfsülze, die ich habe mitgehen lassen, schau aus dem Fenster auf eine Brandmauer und träume weiter vom Nobelpreis.