DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. beim Gassigehen

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie mal die Gelegenheit haben, mit einem Hund ‚Gassi zu gehen‘. Wer hat eigentlich diese Redewendung erfunden? Ist natürlich relativ klar, woher das kommt. Wer aber das „e“ am Ende des Wortes „Gasse“ durch ein „i“ ausgetauscht hat, ist für mich nicht mehr zu ermitteln. Da wären jetzt mal die Klugscheißer unter Ihnen gefragt.

Wie dem auch sei, das ‚Gassigehen‘ gehört zum unumstößlichen Ritual jedes Hundehalters. Viele von Ihnen werden selbst dieser Disziplin des gesellschaftlichen Lebens frönen und werden daher wissen, was ich meine. Laut statistischem Bundesamt sind in Deutschland 5,4 Millionen Hunde registriert, die sich in 13,3 % der Haushalte konzentrieren. Die Gesamtzahl aller anderen Haustiere beträgt dagegen 26,6 Millionen. Hunde als Haustiere rangieren auf Platz 3 nach Katzen und anderen Kleintieren wie Hamstern, Mäuse, Ratten, Streifenhörnchen und ähnlich possierlichen Tieren. Man schätzt die Dunkelziffer allerdings wesentlich höher. Aber darauf wollte ich eigentlich gar nicht hinaus.

‚Die beste Tochter von allen‘ wünschte sich irgendwann, lange vor ihrer Teenagerzeit, einen Hund. Die Diskussionen darum wogten einige Wochen hin und her, bis sie schließlich ein Machtwort sprach: „Entweder, ich kriege zum Geburtstag einen Chihuahua, oder ich will keinen Geburtstag mehr, nie wieder.“
Diese, als „Paris-Hilton-Töle“ verschriene Rasse, hatte es Anna angetan. Wahrscheinlich gab die Nähe in Bezug auf Größe und Aussehen zu allerlei Nagetieren den Ausschlag. Chihuahuas kommen ja bekanntlich aus Mexiko (wo eine Provinz danach benannt ist – oder umgekehrt) und wurden dort zu Zeiten der Azteken zum Schutz der Getreidevorräte vor Schädlingen gehalten. Außerdem waren es die Lieblingstiere adliger Prinzessinnen in dieser untergegangenen Dynastie. Es wird für immer ein Rätsel bleiben, ob das eine etwas mit dem anderen zu tun hat.

Die Wohnung beherbergte zum Zeitpunkt von Annas Ansage bereits eine erkleckliche Anzahl von Haustieren (mehrere Hasen, die auf die schönen Namen „Pino“, „Nino“ und dergleichen mehr hörten, „Katja“ und „Marie“ – zwei weiße Katzen und noch ein paar temporäre Gäste), aber der Chihuahua schien die Krone der Wünsche zu sein. In jedem Elternratgeber steht, dass es für die psychosoziale Entwicklung des Kindes gut ist, wenn es mit einem Haustier aufwächst. Nirgendwo steht da etwas über die psychosozialen Defekte, die ein halber Zoo bei den Eltern auslöst.

Jeder, der mit einen Hund dauerhaft das Leben teilt, wird verstehen können, dass die Anschaffung eines solchen Tiers gut überlegt sein will. Und das liegt vor allem am „Gassigehen“ (mal nicht zu reden von Urlauben oder spontanen Einfällen übers Wochenende doch mal die Oma zu besuchen, denn lange Autobahnfahrten sind für Hunde und deren Halter nicht besonders angenehm).

Schließlich gab man dem Drängen nach, begab sich auf die Suche und wurde fündig. Das Tier trug den klangvollen Namen „Felix von Lärchental“, war also ein Rüde und gehörte zur langhaarigen Ausführung dieser Rasse. Das Leuchten in Annas Augen, als sie ihr Geburtstagsgeschenk auf die Arme hob, verdrängte für eine geraume Weile meine Befürchtungen. Man hatte zunächst viel Freude mit dieser, wie eine zu groß geratene Ratte aussehenden Kreatur. Die Kosten für die Tierarztbesuche, die Hundesteuer, das Fressen, die Hundehaftpflichtversicherung (ja, so was gibt es), verschiedene Leinen und Haufen von quietschendem Hundespielzeug überschritten schon nach einigen Wochen bei weitem den Anschaffungspreis. Felix wurde gebadet, gestriegelt, mit einem Flohhalsband versehen und man musste mindestens drei Mal am Tag ‚Gassigehen‘. Und genau hier nahm irgendwann, wie vorausgesagt, das Problem unter uns Platz und ließ sich nicht mehr vertreiben, wie ein unangenehmer Geruch sich durch Stoßlüftung vertreiben lässt. Denn die Akzeleration setzte mit Macht ein und Annas Pflichtbewusstsein außer Gefecht. „Hast du schon Hausaufgaben gemacht?“ wurde von Platz 1 der Standardfragen verdrängt, stattdessen führte „War Felix schon draußen?“ die Charts an.
Nun kam auch ich immer häufiger in den Genuss des ‚Gassigehens‘, denn Annas zunehmend stattfindenden Overnightpartys in der Clubszene der Bundeshauptstadt trieben Felix mehr und mehr in meine Arme. Vor allem an den Wochenenden machte er es sich auf meiner Couch gemütlich, während die ‚beste Tochter von allen‘ erste Erfahrungen mit Alkohol, Jungs und was weiß ich noch machte.

Also wurde eine zweite Ausstattung für Felix angeschafft – noch mal Spielzeuge, ein Epedemievorat an Hundetüten, diverse Fressnäpfe, Großpackungen Hundefutter (die Großpackungen für Chihuahua-Futter haben im Vergleich zum Tier die Ausmaße eine Supertankers) und Körbchen nebst Kuscheldecke. Die Fürsorge für Felix trieb mich nicht nur an etlichen Sonnabendmorgen (Oxymorongefahr) ungewöhnlich früh aus dem Bett, sondern ließ mich auch ganz neue soziale Erfahrungen machen. Man kennt das Klischee, dass sich zwei Hundebesitzer, die sich treffen und deren Tiere aneinander Gefallen finden, sich quasi nicht direkt, sondern durch den Hund unterhalten, also dem Hund Geist und Stimme leihen. Obwohl, Geist, na ja, das trifft es nicht so ganz, aber die Sache mit der Stimme auf jeden Fall.

Frauchen
(attraktive Brünette, verwuscheltes Haar, Hundtüte und Wohnungsschlüssel in der Hand, Mops an der Leine; mit Blick auf das sich beschnuppernde Hundepärchen):
„Na, wer bist du denn?“

Herrchen
(ich, völlig übermüdet, Hundetüte und Wohnungsschlüssel in der Hand; mit demselben Blick):
„Ich bin Felix und du?“

Frauchen
(mit erfreutem Gesichtsausdruck in Richtung der inzwischen raufenden Tiere):
„Oh, du bist aber ein hübscher. Ich bin Aida, wie das Schiff und die Oper, aber alle nennen mich nur Adi.“

Herrchen
(amüsiert und Aida leicht die Flanken tätschelnd):
„Na, das würde ich mir aber nicht gefallen lassen, hahaha, was, AIDA?“

Frauchen
(beginnt die verknäuelten Leinen des Mops‘ und des Chihuahuas zu entwirren):
„Ach ja, ich hab mich schon daran gewöhnt.“

Herrchen
(macht sich nun auch daran, das Leinenkäuel zu bearbeiten):
„Ja, das macht dir Spaß, so rumzutollen, was, Aida?“

Frauchen
(Gekicher):
„Ich tu gar nix, ich will immer nur spielen.“

Herrchen
(gütig)
„Das geht mir genauso.“

Frauchen
(Felix durchs Rutenfell wuschelnd):
„Und so eine schöne Rute hast du.“

Herrchen
(geschmeichelt)
„Ja, die wird mir auch jeden Tag ausgiebig gebürstet.“

Frauchen
(geht sich durch das verwuschelte Haar):
„Das könnte dem Frauchen auch gefallen.“

Und so weiter und so fort. Ohne die Anwesenheit der Hunde könnte das auch ein, Geschlechtsverkehr anbahnender Dialog aus einem pornographischen Film sein.

Ansonsten kommt man tatsächlich mit Menschen ins Gespräch, mit denen man sich ohne Hund niemals unterhalten hätte. Ein Mann mit sehr kleinem Hund ist offensichtlich Vertrauen einflößend, denn wer sich als Mann einen sehr kleinen Hund zulegt, kann, so scheint der Mann mit sehr kleinem Hund auszustrahlen, nicht böse zu Menschen sein. Tief im Inneren wissen wir allerdings, dass das ein Trugschluss ist. Aber die allermeisten von uns wollen das Bild sehen, das ihnen die Werbung für Tiernahrung und diverse Disneyfilme auf die Festplatte gezeichnet haben.

Menschen ohne Hund geht das Verhalten von Menschen mit Hund schon mal tierisch auf die Nerven und natürlich auch und vor allem umgekehrt. Ich denke da an die ausgesprochen zickigen Latte-Macchiato-Mütter, die in der letzten Ausgabe des Familienratgebers gelesen haben, welche Krankheiten auch von sehr kleinen Hunden auf sehr kleine Kinder übertragen werden können: „Kannste deine Dreckstöle nicht woanders scheißen lassen!“
Mein Hinweis, dass ich selbstverständlich mit Hundetüten ausgestattet sei, quittiert man mit der Bemerkung: „Plastikscheiße, das braucht Jahre, bis das Dreckszeug verrottet.“
„Ja, genau wie der Plastikbeissring, auf dem der kleine Mann da im Buggy so leidenschaftlich rumkaut.“

Oder die aggressive Spezies der Radfahrer, deren ultragrünes Bewusstsein sie zu frutarischen Misanthropen hat werden lassen. Radfahrer, so scheint es, haben auf dieser Welt nur Feinde, Autofahrer, Polizisten, Fußgänger, Ampeln, Verkehrsschilder, andere Radfahrer und natürlich sehr kleine Hunde. Ein besonderes Exemplar dieser Rasse provozierte einmal einen Zusammenstoß mit dem sehr kleinen Felix, indem der Strampler sich auf dem Bürgersteig fortbewegte und dabei telefonierte. Sein Vorderrad streifte die Hundeschnauze, wodurch er das Gleichgewicht verlor und gegen ein geparktes Auto krachte. Das Handy und der Mittelhandknochen des Radfahrers gingen zu Bruch, erhebliche Lackschäden an dem nagelneuen A4 würden dessen Besitzer eine Zeit lang an diesen Sonntagabend erinnern. Die Besatzung des herbeigerufenen Rettungswagens erstversorgte den, unablässig Flüche ausstoßenden Zeitgenossen: „Ihr mit euren Mistviechern, müsste man alle wegsperren und nie wieder rauslassen, Hundescheiße überall, Scheißdrecksgezocks, das wird richtig teuer, Scheiße, mein Handy und die Polizei tut mal wieder nichts gegen diese Plage, die ganze Stadt ist voll von Hundescheiße und Scheißautos…“
Der Besitzer des A4 stand, sich die wenigen Harre raufend, neben der eingedrückten, abgeschrammten Beifahrertür: „Der ist ja nur geleast, oh, mein Gott, das wird teuer.“
„Ja, aber nicht für mich, sondern für den mit seiner verkrüppelten Töle.“
Die inzwischen eingetroffenen Beamten forderten den Radfahrer auf, sich zu mäßigen und stellten in einem Nebensatz fest, dass man hoffe, er, der Radfahrer, habe eine gute Versicherung, denn er müsse sich auf „erhebliche Schadensersatzforderungen einstellen“, da „er den Unfall schuldhaft verursacht habe.“
„WAS? Die Dreckstöle ist MIR reingelaufen.“
„Sie haben verbotenerweise den Bürgersteig als Fahrweg genutzt und sind somit der Unfallverursacher, und jetzt ab und gute Besserung.“
Ich hatte außerordentlich großes Mitleid mit dem Rettungssani, der den verbalen Durchfall wahrscheinlich noch bis zum Krankenhaus ertragen musste. Felix winselte die ganze Zeit auf meinem Arm, denn er konnte die ganze Aufregung überhaupt nicht verstehen. Der Vorderreifen des Fahrrades hatte eine ordentlich blutende Blessur hinterlassen. Der tierärztliche Notdienst, zu dem ich mit Felix auf dem Schoß fuhr, versorgte die Wunde. Der Kratzkragen, den er nun die nächsten tage tragen musste, ließen ihn aussehen, als wäre er in die Grammophontüte geschlüpft. Sie kennen dieses weltberühmte Signet „His masters voice.“

Manchmal kann es sogar tatsächlich gefährlich werden, mit einem sehr kleinen Hund unterwegs zu sein. An einem Sonntagmorgen, es war erst 7.30 Uhr, kam ich auf einer Runde ‚Gassigehen‘ an einem Club in meiner Nähe vorbei, der unablässig Nachtgestalten in den anbrechenden Tag spuckte. Eine Gruppe Jungs, die offensichtlich ihr Geld in der vergangenen Nacht in Alkohol und diverse bewusstseinserweiternde Drogen investiert hatten, nahm mich ins Visier. Ich war dergleichen ja schon gewöhnt und hatte die Erfahrung gemacht, dass Ignorieren deeskalierend wirkt. Hier funktionierte das nicht.
„Eh, Schwulinski, schaff dir mal ’n Hund an“, war noch eine der harmloseren Verbalinjurien.
Der Türsteher, Mahmut (mein Nachbar mit Migrationshintergrund und so breit, dass ich mich mühelos hinter ihm umziehen könnte, ohne gesehen zu werden) rettete mich schließlich.
Er kam über die Straße geschlendert und legte mir seine Pranke auf die Schulter: „Hast du Probleme, Chef?“
Ich wiegelte ab: „Lass mal, die Herren wollten sich gerade verabschieden.“
Mahmut: „Kommst du gleich rein für Abrechnung, oder?“
Ich nickte: „Ich komm gleich noch mal, bring nur erst mal meine Bestie nach Hause.“
Felix spitzte bei dem Wort ‚Bestie‘ die Ohren und knurrte. Die pöbelnden Jungs schienen schlagartig nüchtern zu sein.
Mahmut nahm Felix mit einer Hand hoch und der rollte sich augenblicklich zusammen und verschwand fast völlig in dessen Baggerschaufel: „Na, kleiner Scheißerchen, haben sie dir beleidigt? Kommst du zu Onkel Mahmut, macht alles wieder gut.“
Unter wortreichen Entschuldigungen und Erklärungen, dass sie ja nicht hätten wissen können, dass ich der Chef von dem Laden sei, trollten sie sich in Richtung Nordbahnhof.
„Danke, Mann.“
„Kein Problem, Alder. Trinkst du Kaffee?“, Mahmut trug Felix über die Straße.
„Ja, cool.“
„Sag mal, konkret jetzt, warum kaufst du dir nicht richtige Hund?“

Tja, eine sehr gute Frage.

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