DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. im eMaileingang

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie plötzlich in Ihrem eMailfach eine Nachricht eines unbekannten Absenders entdecken. Werden Sie auch vorsichtig neugierig? Trojaner, Würmer, Viren und was sich da sonst noch alles an Ungeziefer rumtreibt, sind nicht zu unterschätzen, wenn schon 13-jährige Nerds das Pentagon hacken können. Und obwohl die Truppen meines Antivirusprogramms keinen Alarm schlagen, öffne ich die Mail nicht.

Manchmal, so Verschwörungstheorie mal wieder, verdächtige ich die Softwarefirmen, die diese Programme entwickeln, auch die Viren dazu zu züchten. Klar, es gibt nichts, was es nicht gibt, die FDP und ihr Derivat, die Piraten, haben es ja auch geschafft, sich zu materialisieren. Ganz zu schweigen von dem braunen Gekröse, dass sich am sogenannten ‚rechten Rand des politischen Spektrums‘ rumtreibt und dort eine, von uns allen alimentierte Existenz fristet. Aber davon wollte ich gar nicht sprechen.

Was aber, wenn sich eine Mail unbekannten Absenders in einem sozialen Netzwerk als Kommentar zu einem Foto auftaucht, so wie hier auf diesem Blog?

Hallo
Mein Name ist Linda und meine Kontaktdaten adderss ist: (lindalove4u@yahoo.fr): iam ein schönes junges Mädchen mit voller Liebe und Fürsorge, und ich sah diesen Profil und ich liebe es, ich denke wir können zusammen klicken. bitte ich werde wie du mir durch mein E-Mail Adresse so wenden (lindalove4u@yahoo.fr) bitte kontaktieren Sie mich mit meiner E-Mail adderss Ich mag zu zeigen, mein Foto wird und zur gleichen Zeit werden Sie mehr über me. once wieder wissen bitte kontaktieren Sie mich durch meine E-Mail address. Dont senden Sie es an der Stelle, werden sie mir nicht erlauben, auf Ihre Antwort aufgrund von i dont haben keinerlei Zugang their. so bitte Email mit meiner Adresse zu lesen. Danke für Ihr Verständnis
Linda.

Um vollständig zu erfassen, worum ich hier gebeten werde, lese ich mir den Text laut vor. Offensichtlich will ein ’schönes junges Mädchen‘, die auf den Namen Linda hört, mit mir ‚zusammen klicken‘, was auch immer das in der Endkonsequenz zu bedeuten haben mochte. Ich soll ihr unter ihrer ‚Kontaktdaten adderss‘ schreiben. Soweit, so gut. Was mit ‚i dont haben keinerlei Zugang their‘ gemeint ist, kann sich mir auch erschließen, und auch ‚Dont senden Sie es an der Stelle, werden sie mir nicht erlauben.‘ war kein Problem. Das ‚ich sah diesen Profil und ich liebe es‘ bereitet mir kein Kopfzerbrechen, denn mein Profil ist öffentlich zugänglich.

Was mich aber wirklich stutzig macht, sind die anglistischen Einstreuungen in einer Mail aus Frankreich. Meine Mutmaßungen, dass es sich um ein Mädchen aus dem englischen Sprachraum handeln könnte, die es nach Frankreich verschlagen hat, lassen sich nicht schlüssig beweisen. Und schließlich: wie war Linda auf mich gestoßen? Also formuliere ich eine kurze, freundliche Antwort und sende sie an die angegebene ‚Kontaktdaten adderss‘:

Hallo Linda,
vielen Dank für Deine Mail. Vielleicht kannst Du mich darüber aufklären, was genau Du Dir unter ‚zusammen klicken‘ vorstellst und warum, wenn Du aus Frankreich schreibst, Deine Mail teilweise in englischer Sprache abgefasst ist. Mich würde auch interessieren, wie Du mich hier auf meinem Blog gefunden hast.
Ich freue mich auf Deine Antwort.
Liebe Grüße,
Daniel.

Ungefähr 4 Tage passiert gar nichts, außer, dass die üblichen Newsletter in meinen normalen Posteingang flatterten und zwei, mehr oder weniger freundliche Absagen von Firmen, bei denen ich mich um Lohn und Brot beworben hatte – immerhin, denn es gehört ja inzwischen zum guten Ton der Personalchefs und Producer, auf die Bitte um ein Gespräch überhaupt nicht mehr zu reagieren.

Dann, am Tag 5, meldet sich Linda. Als ich lindalove4u@yahoo.fr entdecke, fühle ich eine, doch, so kann man es sagen, wesentlich gesteigerte Neugier. Ich lege ‚Lovely Linda‘ von Paul McCartney’s erstem Soloalbum auf, dann öffne ich die Mail. Der Text poppt auf:

Hallo lieben Daniel 
(Sie hat meinen Namen richtig geschrieben.)
Mein Name ist Linda und meine Kontaktdaten adderss ist: (lindalove4u@yahoo.fr). 
(Das wusste ich schon.)
I bin 24 Jahren geboren 
(Das ist neu für mich.)
und freude mit der Antwort. I have eine traum jedes Nacht immer dasselbe zu sehen wenn du mit uns Liebe klicken. 
(Ich beginne zu verstehen.)
so kann jedes tag ein neuers traum von Liebe sein. Mein Name ist Linda und meine Kontaktdaten adderss ist: (lindalove4u@yahoo.fr). 
(Ups, so senil bin ich doch noch gar nicht, dass man mir das innerhalb von 7 Zeilen zweimal schreiben muss.)
daniel kann sehen mein Foto am hinten und ich lieben es. 
(Schön für dich.)
so bitte Email mit meiner Adresse zu lesen (lindalove4u@yahoo.fr). 
zu bedanken für alles und auch der Hilfe 
(Hilfe?)
Linda.

Linda hatte, wie man lesen kann, in den vergangenen Tagen offensichtlich nicht an ihrem Deutsch gearbeitet, es war, wie ich fand, sogar noch katastrophaler geworden, was an der zunehmenden Komplexität ihrer Gedankengänge liegen kann. Trotzdem ärgerte ich mich darüber. Auch meine Fragen hat sie nur unvollständig beantwortet. Nun gut, sei es. Ich verstehe schon, dass Linda mir Avancen macht, in eine Art sexuellen Austauschs einzutreten und zwar in der Form, dass ‚jedes tag ein neuers traum von Liebe sein‘ kann. Ebenfalls lässt daran die Wendung ‚wenn du mit uns Liebe klicken‘ keinen Zweifel. Und auch das Foto von ihr, das am Ende der Mail prangt, ist an Eindeutigkeit nicht zu übertreffen: Linda, sofern sie es tatsächlich ist, liegt, nur spärlichst bekleidet, auf einem Bett und lächelt in die Kamera. Bei genauerer Betrachtung des Bildes ist am unteren Rand eine Internetadresse zu erkennen. Als ich die Seite aufrufe, stockt mir der Atem. Ein Dutzend Bilder von Linda, oder wer auch immer das sein mochte, zeigen sie, sich nackt und äußerst lasziv auf wechselnden Möbelstücken räkelnd, die Gliedmaßen derartig verrenkt, dass die Artisten des ‚Großen Chinesischen Staatszirkus“ vor Neid erblassen würden. Nach Bild Nummer 12 werde ich aufgefordert, meine Kreditkartendaten einzugeben, dafür, so wird mir versichert, soll ich eine Woche lang ‚uneingeschränkten Zugang‘ zu den ‚Galerien‘ haben.
‚Ja, nee, is klar, Allde, Kreditkarten, deine Mudder, ich zeig dir gleich Zugang, du Opfer,‘ wie mein Nachbar mit Migrationshintergrund, Mahmut Özengül, sagen würde.

Ich lösche die Seite aus meinem Verlauf, bereinige den Cache, entferne alle Cookies und lege die Mail in Quarantäne. Damit ist die Sache für mich erledigt. Aber offensichtlich nicht für ‚Linda‘. Nach weiteren zwei Tagen flattert eine Erinnerungsmail mit dem Betreff ‚Linda klicken‘ in mein Postfach.

Es überraschte mich wenig, dass der erste Satz des Textes mir schon bekannt war:

Mein Name ist Linda und meine Kontaktdaten adderss ist: (lindalove4u@yahoo.fr). 
(Wahrscheinlich hat die Internetabzockmafia diesen Satz als Textbaustein und Tastenkombi auf allen ihren Computer eingerichtet – ctrl+Apfel+shift+L.)
warum es kann sein nicht. I so mit Lieben und klicken vollgemacht.
(Das glaube ich aufs Wort. Offensichtlich bist du voll von ganz schlechte Pillen.)
du musst auch antworten auf meine Kontaktdaten adderss (lindalove4u@yahoo.fr).
(Ha, da ist er wieder, DER Satz, ich hatte schon angefangen, ihn zu vermissen.)
wenn wir mit den Armen liegen und uns klicken können werden jeden night noch Träume und schlagen aber nicht kaputt gemacht.
(Auch eine schöne Konstruktion, im Großen und Ganzen betrachtet.)
In Lieben für die ganze zeit.
Linda

Ich schließe das Kapitel ‚Linda‘ und Paul McCartney’s erstes Soloalbum werde ich nie wieder hören können, ohne an ‚Mein Name ist Linda und meine Kontaktdaten adderss ist: (lindalove4u@yahoo.fr)‘ zu denken.

Am selben Abend sehe ich im Fernsehen die Reportage eines renommierten deutschen Nachrichtenmagazins. Ein unscheinbarer Durchschnittsmann in den besten Jahren, also jenseits der 40, mit ein paar Kilos zuviel, also Figur untersetzt, Haare schütter, lebt einsam auf einer friesischen Insel und betreibt dort eine kleine Pension. Seine Frau ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben, leider blieb die Ehe ohne Kinder. Und dann kam das Internet. Er meldete sich auf verschiedenen Partnerbörsen und Datingportalen an und legte sich schnell einen großen Freundeskreis bei Facebook und Lokalisten zu. Es begann, so wurde berichtet, harmlos mit dem Austausch von Mails. Eine gewisse ‚Linda‘ hatte ihn, nennen wir ihn Franz, auf einem sozialen Netzwerk kontaktiert. Er klickte Linda immer wieder und druckte sich ihre Fotos aus – im TV wurden das Gesicht von Linda und ihre primären Geschlechtsmerkmale überpixelt, aber ich erkannte sie sofort wieder. Franz chattete über eine kostpflichtige Web-Cam ganze Nächte hindurch mit ihr, wobei es wohl auch zu sexuellen Handlungen kam. Franz machte Linda einen Heiratsantrag, nachdem sie ihm erzählt hatte, welche schwere Kindheit und Jugend sie hinter sich hatte. Als Waise eines Alkoholikerpaares wurde sie schließlich von der Mafia nach Finnland verkauft (aha, also in dem Falle doch nicht Frankreich) und sie muss sich seitdem als Putzfrau durchschlagen. (Ach so, die Mafia ist jetzt auch in die Gebäudereinigungsbranche eingestiegen, verstehe.) Um eine lange Geschichte kurz zu Ende zu erzählen: Franz kaufte Linda für 25000 Euro (in Worten: FÜNFUNDZWANZIGTAUSEND) frei und schickte obendrein noch ein Flugticket. Klar, dass Linda niemals auftauchte und die Internetadresse der Web-Cam inzwischen invalid ist. Das Nachrichtenmagazin recherchierte und wurde schließlich in der Nähe von Kiew fündig. In einem halbverfallenen Industriegebiet steht ein Plattenbau, in dem ganze Legionen von Lindas vor Computern sitzen, nur, dass es sich hier um männliche Informatik- und/oder Germanistikstudenten handelt, die sich ihr schmales Budget aufbessern. Aber es gibt tatsächlich drei Frauen, die Web-Cam-Schichtdienst schieben. Was für eine logistische Meisterleistung, Respekt.

Wechselweise, so fanden die Journalisten heraus, gibt es auch eine Dreierschicht von jungen Männern, die sich ‚Peter‘ nennen und sehr erfolgreich einsame Frauen mittleren Alters um ihre Ersparnisse erleichtern. Und wenn man glauben sollte, bei Frauen funktioniert das nicht, muss man sich ja nur mal den Fall ‚Susanne Klatten‘ ansehen. Hier war der Tatort nicht das Netz sondern die Realität des ‚von-Angesicht-zu-Angesicht‘ Die Dunkelziffer ist hoch, im Netz wie im realen Leben. Dass Susanne Klatten sich geoutet hat, verdient Hochachtung – okay, sie kann es sich leisten – trotzdem.

„Der Zugang zur digitalen Kommunikation ermöglicht es voll am sozialen Leben teilzuhaben, frei zu publizieren, sich Zugang zu öffentlichen Informationen zu verschaffen und sich damit weiterzubilden, sowie sich auch online wirtschaftlich oder kulturell zu betätigen.“ (Parteiprogramm der Piraten)

Wirtschaftlich betätigt hat sich ‚Linda‘ schon mal. Ob das mit der Kultur noch kommt?