DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. gefangen im Oxymoronhaufen

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie sich plötzlich in einem Oxymoron gefangen sehen. An sich ist die Erfindung des Oxymorons großartig, weil lyrisch verklärend, Sie wissen schon. Treten Oxymora aber in Haufen auf, machen sie mich schwindelig.

Ich entschloss mich, einen dieser wunderbaren Tage Anfang Mai in meinem Lieblingsbiergarten zu verbringen, Sie wissen schon, der am S-Bahnhof Grunewald. Ich hatte ein Manuskript bei mir, das mich zu seinem Sklaven machen wollte – die äußerst unerkleckliche Beschäftigung den Text auf Rechtschreib – und Gramatikfehler durchforsten zu müssen. Diese Arbeit erledigt man am besten in möglichst angenehmer Atmosphäre, um die Fratze des Schrecklichen ein wenig freundlicher erscheinen zu lassen.

Am Eingang der Lokalität prangte eine Tafel, auf der, mit Kreide in schwungvoller Schrift geschrieben, folgender Text zu lesen war:

Heute –
DELIKATESSSCHWEINSKOPFSÜLZE
mit Brot – 3,30 €
mit Bratkartoffeln – 4,50 €
mit Salzkartoffeln – 4,50 €

Und schon fiel mich das erste Oxymoron an wie eine hungrige Bestie. Denn entweder ist etwas eine Delikatesse oder etwas ist Schweinskopfsülze, beides zusammen ist inexistent. Brot, Brat- oder Salzkartoffeln kämpfen da auf verlorenem Posten.

Ich blieb einen Augenblick stehen und hinter mir drängte sich ein Pärchen an mir vorbei. Die Frau jubilierte: „Oh, klasse, is ja voll leer dahier.“
Zack, schon hatte ich das nächste Oxymoron am Hals und beide vereinigten sich zu einem flotten Tanz – in einem voll leeren Biergarten essen wir Delikatessschweinskopfsülze. Ich dachte einen Moment darüber nach, ob man ‚Delikatessschweinskopfsülze‘ tatsächlich mit einem Dreifach-„s“ schreibt.

Ich versuchte das Rondo in meinem Kopf zu vertreiben. Während ich mein Manuskript aufschlug, unterhielt man sich am Nebentisch übers Wetter: „Is ja noch bissken kalt die Sonne.“
Mir schoss der berühmteste Oxymoronhaufen durch den Kopf, er sprang hinter meiner Stirn wie ein wild gewordener Tennisball herum:

Dunkel war’s, der Mond schien helle,
schneebedeckt die grüne Flur,
als ein Wagen blitzesschnelle
langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschoss’ner Hase
auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Und auf einer grünen Bank,
die rot angestrichen war,
saß ein blondgelockter Jüngling
mit kohlrabenschwarzem Haar.

Neben ihm ’ne alte Schrulle,
zählte kaum erst sechzehn Jahr‘,
in der Hand ’ne Butterstulle,
die mit Schmalz bestrichen war.

Droben auf dem Apfelbaume,
der sehr süße Birnen trug,
hing des Frühlings letzte Pflaume
und an Nüssen noch genug.

Ich ging zum Verkaufstresen und hoffte durch exzessiven Genuss der Delikatessschweinskopfsülze den Oxymoronhaufen zu terminieren.
„Die Kurzen sind heute lang bei uns.“
Die Bedienung neigte ihren Kopf leicht zur Seite und der ‚gerade Scheitel wurde schief‘. Gut, okay, ich sehe es ein, es ist sinnlos sich zu wehren. Oh, kommt alle, ihr Oxymorone und begrabt mich unter euch!
Ich lehnte den langen Kurzen ab und entschied mich für einen ‚Milchkaffee‘ – HILFE!
Während man mir das Getränk zubereitete, unterhielten sich die Tresenkräfte über ‚Doppelhaushälften‘ – die Oxymorone hatten offensichtlich mein Rufen erhört und stürzten sich auf mich wie eine Horde Wölfe auf Speed.

Zurück an meinem Tisch schlug ich das Manuskript auf. Dadurch machte ich alles nur noch schlimmer. Ich las:
‚Fang mal an aufzuhören‘,
‚Komm, geh mir weg‘,
‚im kleinen Himmel‘,
‚Minuswachstum‘,
‚arme Reiche‘,
‚laute Stille‘,
‚es lebe der Tod‘,
’nächtliche Helle‘,
‚pendelnder Stillstand‘,
‚die Zeit steht still’….

Ich musste einsehen, dass dieser Tag an die Oxymora ging. Ich ließ meinen Milchkaffee und die Delikatessschweinskopfsülze unberührt, verließ den immer noch voll leeren Biergarten und schlurfte geschlagen zur S-Bahn. Ich setzte mich an einen Fensterplatz und das letzte, was ich hörte, bevor ich ohnmächtig wurde, war das durch die Bahnhofslautsprecher scharrende, tausendfach am Tag sich wiederholende „Zurückbleiben“.