DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. im Biergarten

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie mal die Gelegenheit haben, in einem Biergarten zu sitzen. Ich liebe diese Art von Lokalität, besonders in Berlin. Eine Hauptbeschäftigung des Berliners als solchen ist ja „Leutegucken“, wie meine Nachbarin, Frau Lehmann, sagt. Und „Leutegucken“ ist nirgendwo so aufregend, spannend und inspirierend wie im Biergarten.

Das Heimatland der Biergärten ist natürlich Bayern, aber ein paar von ihnen haben es tatsächlich geschafft nach Berlin zu immigrieren. Sie sind über Jahrzehnte hinweg assimiliert worden und aus dem Adelsstand der Freiluftgastronomie, den sie in ihrer Heimat unangefochten inne haben, in die Niederungen des Plebejertums abgestiegen. Untrügliches Zeichen dafür ist, dass die typischen Speisen und Getränke der Bayern fehlen – Brezen, Schweins- und / oder Rindshaxen, Steckerlfisch und untergäriges Bier. Hier gibt es Currywürste (mit und ohne Darm), Pizzen (verbrannt), Pastas (zerkocht), Bockwürste (labbrig), Rouladen (zäh und versalzen), Filterkaffee (abgestanden bitter und nur Kännchen) und Weiße mit Schuss. Seltsamerweise wird man in Berlin wenige Gäste antreffen, die sich ihre eigenen Speisen mitbringen, obwohl das in einigen Biergärten auch hier gestattet ist. Dafür sind die Berliner einfach zu cool oder bilden es sich zumindest ein. Wer schiebt sich schon mit einem Korb voller Fressalien durch überfüllte U- und S-Bahnen und riskiert damit die abschätzigen Blicke der ganzen anderen Coolinskis. Während in Bayern wirklich jeder, egal, wie man sein Geld verdient – reich geboren und nichts dazu gelernt, erfolgreich erfolglose Eventmanagementagenturinhaber + Assistentinnen, Nobel-, Edel- und Promifriseure, städtische Angestellte, Taxifahrer, Aldi-, Lidl- und Plus-Kassiererinnen, Filmfutzis, Putzen, Hartz IVler etc. – Biergartenbesucher ist, sitzen in den Berliner Biergärten immer dieselben Leute und mehr Touristen als Eingeborene. Das verwundert, denn sollten die Touristen, wenn sie denn Biergärten wollen, nicht woanders urlauben?

Eine Gruppe von Menschen trifft man allerdings so gut wie nie in Biergärten, hier nicht und dort auch nicht. Es sind die sogenannten „ausländischen Mitbürger“, oder was es sonst noch für politisch korrekte Ausdrücke dafür gibt. Sie selbst, die „Bürger mit Migrationshintergrund“, bezeichnen sich dagegen untereinander gerne als „Kannacken“, „Polnische Versager“, „Serbenschlampen“, „Russenfurze“, „Kameltreiber“ oder „Ziegenficker“.

Woran es wohl liegt, dass diese „Kollegas“ lieber zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule mit ihren Wegwerfgrills den Tiergarten benebeln, als befände man sich im Herbst in London oder bei einem Konzert der Foo Fighters? Diese Frage könnte Gegenstand von Bachelor- und Masterabschlüssen, von Diplomen und Promotionen an sozialwissenschaftlichen Lehrstühlen sein. Und an den Sonntagabenden, nach dem Rückzug der Groß- und Kleinfamilien in ihre Zinsburgen im Wedding und in Kreuzberg, bietet sich dem Betrachter ein Bild, dass an Ground Zero nach dem Einsturz des Nordturms erinnert: malträtiertes Kinderspielzeug, weggeworfene Unterwäsche, Jacken, Pullover, vergessene Schuhe, zerfledderte Sonntagszeitungen, Tonnen der obligatorischen Alu- und Bratpapierfolie, Berge abgenagter Knochen von Lammkottelets und leere, verbeulte Schwipp-Schwapp-Flaschen. Ein Paradies für streunende Hunde, Flaschen- und Kleidersammler jeglicher Herkunft, und die Mitarbeiter der Stadtreinigung, die Sonntagszuschläge bekommen. Das nur am Rande, darauf wollte ich eigentlich gar nicht hinaus.

Mein Lieblingsbiergarten befindet sich am S-Bahnhof Grunewald, gleich wenn man rauskommt links. Ich begebe mich dorthin niemals mit dem Automobil – rare Parkplätze, unverschämte Spritpreise und der mörderische Verkehr auf der Stadtautobahn sind genügend Gründe dafür, die S-Bahn zu nehmen. Man sitzt unter riesigen Kastanien und das Geräusch ankommender und abfahrender Züge lässt immer noch ein bisschen Berlin in die Beschaulichkeit schwappen. Keine Touristen verirren sich hierher, denn es gibt keine touristischen Attraktionen weit und breit. Im „Floh“ isst man wirkliche XXL-Currywürste mit knüppelharten Pommes, trinkt dazu ’ne Molle oder eben Weiße mit Schuss und macht nichts anderes als ‚Leutegucken‘.

Man kann der Gruppe Israelis zusehen, die mit versteinerten Minen den Weg zur Gedenkstätte am „Gleis 17“ nehmen und von dort wieder zurückkommen, dabei auf den letzten Metern langsam wieder beginnen zu lachen und sich angeregt über die günstigen H&M-Preise unterhalten.

Man trifft auf Vattern, Muddern und Kind & Kegel (Hund und Oppa) Loriot’schen Zuschnitts (Familie Hoppenstedt) – die Eltern werden nicht müde, Dickie zu maßregeln, weil der die ganze Zeit den Dackel mit kleinen Stücken Currywurst reizt. Oppa lässt sich hin und wieder zu einem „Jetzt-lasst-doch-mal-den-Jungen-in-Ruhe“ hinreißen und das Ganze endet in einer schallernden Ohrfeige für Dickie. Der Hund nutzt die Gelegenheit und schnappt nach Dickies Hand, Blut fließt, Tränen fließen, die Gläser stürzen um und nun fließt auch noch die Weiße mit Schuß.

Oder das junge Pärchen, ER im schneeweißen T-Shirt von G-Star mit dem Aufdruck ‚G-Star‘ über dem aufgepumpten Astralkörper, Jeans in verheerender Stonewashedwaschung, Gel im halblangen Haar, Sonnenbrille mit Gläsern so groß wie Cds und der obligatorischen Stacheldrahttätowierung um den Anabolikabizeps, SIE im bauchfreien, lila Top, Jeansmini, der nur wenig breiter ist als ein Gürtel und dessen oberes Ende einen String in Tigeroptik freigibt, toupiertes Blondhaar und das Stacheldrahttattoo im gleichen Design wie ER, nur bei IHR um die rechte Fessel. An den Füßen trägt man Plateauschuhe, die das Laufen nicht wirklich zu einem Vergnügen machen können. Als SIE nicht schnell genug über den Kies kommt, wartet ER ungeduldig an seinem Mazda X5: „Manno, Baby, muss doch nicht immer elfe werden, bevor wir am Sonntagabend zum Vögeln kommen.“ SIE bleibt stehen und stemmt eine Hand in die Seite, an der ein PRADA-Imitat baumelt: „Ob elfe oder neune ist doch ejal, bei dir läuft eh nix mehr.“

Hier sitzt die ‚Wilmersdorfer Witwe‘ (ja, es gibt sie noch) einträchtig neben dem Vorstadtpunk (auch den gibt es noch) und sie gibt ihm Feuer für die ‚Fluppe‘. Hier knutscht das Teeniepärchen hemmungslos neben der Altherren-Skatrunde und der Radwanderverein hält dazwischen seine Vorstandssitzung ab.

Prominente Schauspieler, Moderatoren oder auch nur Sternchen aus scripted-reality-Formaten werden hier in Ruhe gelassen, keiner interessiert sich für sie, jeder ist gleich unter Gleichen.

Ich empfehle den Samstagnachmittag, da gibts immer Hirschgulasch mit Klößen. Vielleicht sehen wir uns mal da, würde mich freuen. Ich bin der, der so aussieht, als würde er schlafen, aber ich höre nur zu.