DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. im Fahrstuhl

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie einen Fahrstuhl betreten. Mir wird es unheimlich, was durchaus an meinen klaustrophobischen Attacken liegen mag, seitdem ich einmal 8 (in Worten ACHT) Stunden in einem solchen Gefährt festsaß. Zugegeben, die ersten 3 Stunden verbrachte ich in einem sehr angeregten Gespräch mit zwei, mir nicht bekannten Frauen. Wir unterhielten uns über Politik, Finanzen, das Fernsehprogramm, die Spargelpreise und die Zukunft der Menschheit. Dabei leerten wir zusammen die, von mir mitgebrachte Flasche ‚Merlot‘. Nach diesem allgemeinen Austausch an Lebenserfahrungen näherten wir uns mit fortschreitender Zeit dem speziellen an – die Frauen quälte ein menschliches Bedürfnis so sehr, dass letztendlich die leergetrunkene Weinflasche zweckentfremdet werden musste. Ich musste selbstverständlich nicht erst gebeten werden, mich diskret umzudrehen und eventuell entstehende Geräusche durch das Singen von Lou Reeds ‚Walk on the wild side‘ zu übertönen.

Aber in letzter Zeit verflüchtigen sich die panischen Zustände mehr und mehr und machen einem anderen, nicht weniger furchteinflößendem Gedanken Platz, wenn ich auf die Plaketten in den Fahrstühlen schaue. Dort steht neben der Herstellerfirma und diversen Anweisungen für den Notfall – man soll vor allem RUHE bewahren – das Baujahr der Kabine. Und das jagt mir, angesichts des Zustandes der meisten Fahrstühle, Angst und Schrecken ein.
Ich weiß nicht, wann ich zum letzten mal einen Lift benutzt habe, der älter war als ich. Diese wenigen Exemplare, sofern es sie noch geben mag, sind wohl wie der Besuch eines lange nicht gesehenen Freundes, der plötzlich vor der Tür steht und sagt: „Ich bin Schwierigkeiten.“
Man möchte ihm eigentlich sofort zurufen: „Danke, dass ich für dich da sein darf, aber nimm Deine Schwierigkeiten bitte wieder mit.“
Ich frage mich, was passieren würde, trüge ich eine Plakette mit meinem Herstellungsjahr um den Hals, auf der noch dazu stehen würde, man solle vor allem RUHE bewahren. Wie würden mir die Menschen begegnen? Verwundert – meine Güte, das sieht man dir nicht an? Befremdet – oh, das hätte ich jetzt aber nicht gedacht, wohl an der Putzfrau gespart? Angewidert – eine Generalüberholung sollte doch wohl drin sein?

Wie auch immer die Reaktionen ausfallen mögen, es wäre so oder so wahrscheinlich niederschmetternd. Viele Fragen erübrigten sich, zum Beispiel die nach der Karriere, entweder man hat schon eine oder es würde keine mehr geben.
Oder der Umstand, dass man sich seit Jahren schon das schütter werdende Haupthaar einmal die Woche abrasierte, um nicht irgendwann in einer ‚Ernst-Huberty-Gedächtnisfrisur‘ zu enden. Wer sich alte Sportschauen ansieht, der weiß, was gemeint ist.
Oder die, die vielen Rockkonzerte aus der Jugend nachziehende, langsam einsetzende Schwerhörigkeit.
Oder Liebesbeziehungen, von denen ein normal sozialisierter Mann in meinem Alter einige auf seinem Konto hat – bei den meisten steht dieses Konto tief in den berühmten ‚roten Zahlen‘.

Diese Fragen gäbe es nicht mehr zu klären. Die, die übrigblieben, würden sich möglicherweise um die Musik, die zur Beerdigung gespielt werden soll, drehen. Oder das Verlangen nach einem Bandscheiben schonenden Auto, so ein fahrendes Sofa, wie es einer meiner Freunde schon seit 20 Jahren fährt. Vorstellungsgespräche gäbe es nur noch in der Geriatrie oder im Naturkundemuseum oder bei den Körperwelten. Man dreht den Fernseher so lange auf, bis die Nachbarn vor der Tür stehen und einem Kopfhörer schenken, im Kino muss man weit vorne sitzen, damit man versteht, was gesagt wird. Das Sexualleben beschränkt sich auf gelegentliche Flitereien und wenn man sein Hörgerät ordentlich einstellt, dann kann man auch noch den hoffentlich nicht ganz so vernichtenden Kommentar der Angeflirteten mitkriegen: „Irgendwie süß, der alte Knacker.“

Ich glaube, ich meide bis zur Rente Fahrstühle und beginne wieder Stufen zu steigen. Danach wird’s wohl ein Treppenlift werden.