Neulich ….. kleine Lehrstunde über Frauen

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es den Männern unter Ihnen geht, wenn sie mal kostenlos ein kleines Tutorium in Sachen Frauenpsyche bekommen. Ich bin über solche Gelegenheiten sehr erfreut, auch wenn sie zu unmöglichen Uhrzeiten daher kommen. Man ist zwar hinterher nur kein bisschen schlauer, trotzdem.

Eine solche Gelegenheit stand neulich in Gestalt meiner Freundin B. nachts vor meiner Tür. Es war halb drei, noch fast Winter und draußen regnete es aus Eimern. Ihrem Aussehen nach zu urteilen, war sie die rund 6 Kilometer von ihrer Wohnung in Pankow bis zu mir nach Mitte gelaufen. Stellen Sie sich einen nassen Langhaarchihuahua in einer Tiefkühlbox vor, dann können sie erahnen, welches Bild des Jammers B. abgab – dürr, zitternd, für die Temperaturen viel zu wenig an und tränenüberströmt. Nachdem sie mein Parkett mit mehreren kleinen Pfützen verschönert hatte, steckte ich sie zunächst mal ins Bad, gab ihr ein Badetuch, eine Jogginghose und einen Seemannspullover. Während B. unter der Dusche auftaute, kochte ich Kaffee und stellte den Whiskey nebst einer Epedemiepackung Taschentücher auf den Tisch.

Ich lernte B. vor einigen Jahren auf einem ‚Foo Fighters‘-Konzert kennen. Sie kippte mir sechs Bier, die sie für ihre Freunde geholt hatte, über die Klamotten. Wer von Ihnen regelmäßig zu Konzerten geht, weiß, dass man mit so etwas bei derartigen Veranstaltungen immer rechnen muss und man daher in eher robuster Kleidung erscheint, also am besten beispielsweise in einer ollen Lederjacke und dem Kapuzenshirt, das man letztens noch beim Malern anhatte. B., von der ich noch nicht wusste, dass sie B. ist, entschuldigte sich wortreich, was freilich wegen der Musik der ‚lautesten Band der Welt‘ nur zu erahnen war. Sie bot als Ausgleich an, mir ein Bier zu spendieren, aber da ich kein Bier trinke, lehnte ich dankend ab.
Am Ende des Konzertes, nachdem ich ertaubt 20 Minuten mein Auto gesucht hatte, stand außer meinem Wagen nur noch ein anderer auf dem weiten Rund des Parkplatzes. Er gehörte zu B. und ihrer Freundin, die sich redlich abmühten, die POLO-Möhre der ersten Generation zum Anspringen zu überreden. Selbst mit meinem Starterkabel hatte das Gefährt Mühe, aber es klappte letztendlich.

Seitdem sind wir befreundet, gehen ab und zu Klettern, treffen uns manchmal zum Mittagessen, Kino oder Theater, was man eben so macht.
Man lädt sich gegenseitig zu den Geburtstagspartys und macht irgendwann auch die zukünftigen Ex‘ miteinander bekannt. Man findet den neuen Partner des anderen in der Reihe der seriellen Monogamie entweder Scheiße, oder befreundet sich sogar ein bisschen mit ihm. Im Gegenzug tröstet man sich gegenseitig, wenn es wieder vorbei ist.
Man verbringt mal Sylvester miteinander, die Freundeskreise durchmischen sich und plötzlich wird man zu Hochzeiten und Taufen der Kinder von Menschen eingeladen, die man eigentlich gar nicht kennt.
Man hockt zusammen auf der Couch, isst Pizza aus dem Karton und sieht sich dabei die X-MEN-Trilogie oder LORIOTs gesammelte Werke an.
Man geht in schreckliche Techno-Clubs und bringt den anderen nach Hause, falls der sich nach dem Zeug, das ihm ein schleimiger Typ angedreht hat, zum Sterben fühlt.
Man geht zusammen zu Konzerten von Post-Punk-Bands in abgeranzten Kellerclubs in Neukölln und Kreuzberg, macht sich über die zugezogenen ‚Latte-Macchiato-Mütter‘ lustig und gibt ihnen Tiernamen: „Siehst du die Hyäne zwei Tische weiter? Die springt dir gleich an die Gurgel, weil du rauchst und der Qualm in ihre Richtung zieht.“
In den Sommern, die in Berlin einfach nur traumhaft sind, hängt man mit anderen in Biergärten rum und schlemmt labbrige Currywürste und trinkt wahlweise dünnes Bier oder Weinschorle.
In den Wintern, die in Berlin einfach nur furchtbar sind, geht man zusammen in die Sauna und hockt danach in düsteren Kneipen ab.
Manchmal pflegt man den anderen, wenn er krank ist, bereitet Wärmflaschen, wenn die Monatsschmerzen so heftig sind, dass auch einschlägige Medikamente nicht mehr helfen oder man selbst bekommt bei grippalen Infekten Hühnersüppchen gekocht.
Man streitet sich ein bisschen über Phänomene wie iPad’s, die Piratenpartei, Chartmusik, die Abwrackprämie oder Facebook, aber man ist dabei niemals ernsthaft in Gefahr, etwas trennendes herauf zu beschwören.
Es ist kein Thema, dass man mal im Bett landen könnte, obwohl auch darüber geredet wird – Sex und Freundschaft schließen sich gegenseitig aus. Wissenschaftlich betrachtet, hat das etwas mit den Pheromonen zu tun, wie B. mir mal erklärte, und unser beider Pheromone würden eben einfach nicht zueinander passen, Punkt. Sie als promovierte Biologin musste es schließlich wissen. Dafür gibt’s aber Einladungen zu Kaffee und Kuchen bei den Eltern, wenn das Auto wieder mal streikt und man als Taxi gebraucht wird.
Es kommt sogar zu gemeinsamen Wochenendtrips an die Ostsee und selbst, wenn man sich manchmal eine Weile nicht sieht, bleibt man irgendwie in Verbindung.
Mit den Jahren schleicht sich dann eine ganz bestimmte und besondere Art von Vertrautheit ein, deren fundamentalster Ausdruck eine gewisse Ruppigkeit im verbalen und sonstigem Umgang miteinander ist.
Insgesamt gesehen, teilt man also das komfortable, moderne Leben der Großstadtbewohner des 21. Jahrhunderts.

Schon nach 20 Minuten, in denen ich kurz mal auf der Couch weggenickt war, kam B., hockte sich neben mich und schwieg. Ich goss Kaffee und Alkohol ein. B. schwieg.
„Willst du drüber reden?“
„Idiot, deswegen bin ich doch hier.“
„Okay, sorry. Prost!“
Ich reichte ihr den Whiskey und wir stürzten das Getränk in einem Zug hinunter.
„Pfui, Spinne, ist der gut“, B. schüttelte sich wie der nasse Hund, der sie noch vor einer halben Stunde war und goss sich selbst nach.

Ich erfuhr, dass T., der jetzige Ex, ihr eine ausufernde Szene gemacht hatte, weil sie sich von ihm trennen wollte. Drei Stunden habe sie gebraucht, um ihn mit all seinen Sachen, die sich im Laufe einer zweijährigen Beziehung beim anderen so ansammeln, aus der Wohnung zu kriegen. Die Diskussion hatte das Paar durch alle Räume getrieben und endete erst im Hausflur. Die Nachbarin war erschienen und drohte mit der Polizei wegen der nächtlichen Ruhestörung. B. hatte letztendlich die Klingeldrähte rausgerissen. Dann war sie durch den Kellergang, der mehrere Altbauten miteinander verbindet, geflohen.

„Du bist doch auch ein Kerl“, B. schnäuzte sich geräuschvoll wie schon so oft in den vergangenen Minuten, „kannst du mir das erklären? Ich meine, wenn ich sage, dass ich keine Beziehung mehr mit ihm will, weil ich überhaupt keine Beziehung mehr will, dann muss er das doch verstehen, oder?“
„Also, ich weiß nicht, ich würde es wahrscheinlich für eine Ausrede halten, um ehrlich zu sein.“
„Na klar, typisch, eine Ausrede wofür denn, he?“
„Ich würde denken, okay, sie hat jemand anderen kennen gelernt und will es nur nicht sagen.“
„Ha, genau das hat er auch gesagt“, B. zuppelte nervös an dem Seemannspulli herum, „es ist einfach unglaublich. Das Teil kratzt wie Sau. Kannste mir nicht noch dein Coldplay-Shirt für drunter geben?“
B. zog sich den Pullover über den Kopf und schmiss ihn auf den Boden. Ich ging das gewünschte holen.
„Ich hatte so in Erinnerung, dass ihr nächstes Jahr heiraten wolltet, oder?“
B. zog sich das Shirt über, sank wieder auf meiner Couch zusammen und nickte: „Ja, genau, Scheiße.“

Sie erzählte mir, wie T. geschluchzt hatte, geschrien, getobt und schließlich als ein Elendshaufen zusammen gesunken auf der Treppe saß, umringt von mehreren Aldi- und IKEAtüten, vollgestopft mit seinen Habseligkeiten. Und mit jeder Träne von ihm, mit jedem Wort habe sie mehr gewusst, dass ihre Entscheidung richtig war. Wenn jemand so eine Krise nicht wegstecken könne, dann wäre er ohnehin nicht der richtige und überhaupt und sowieso.

„Okay, mir ist trotzdem nicht klar, warum du heulst, ehrlich.“
„Ja, glaubste vielleicht, mir ist das leicht gefallen, ihn mal eben so abzuservieren?“
„Aber das hab ich doch gar nicht gesagt, Frau Doktor.“
Ich kriegte ihren Ellenbogen in die Seite.
„Mal ernsthaft, was hätte er denn machen sollen?“
B. blitzte mich an: „Es wie ein Mann nehmen.“

Ich verstand nur Bahnhof. Bis jetzt war ich in der offensichtlich irrigen Annahme gefangen, dass Frauen, deren Mütter und Großmütter dafür gekämpft hatten, sich erst von männlichem Machismo und dann vom BH zu befreien (oder umgekehrt), doch lieber Männer wollten, die auch Gefühle zeigen und mal so richtig drauflos heulen konnten. Egal, ob es sich nun um eine Trennung handelte, ein niedliches Hundebaby oder die zwanzigste Wiederholung von ‚Notting Hill‘ oder ‚Dirty Dancing‘. Man war im vorigen Jahrhundert auf die Straße gegangen, um §218 abzuschaffen und nicht mehr die Einwilligung des Ehemannes zu benötigen, wollte man eigenes Geld verdienen. Von Clara Zetkin über Christabel Bankhurst bis zu Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer gab es lange Reihe von großartigen, klugen Kämpferinnen für das ganz normale Recht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Tausende andere Frauen hatten sich dafür engagiert, dass man beispielsweise als Ehefrau nicht mehr den Namen des Mannes annehmen musste oder als Frau eines Herrn mit dem Namen ‚Karl-Heinz Müller‘ nicht mehr mit ‚Frau Karl-Heinz Müller‘ vorgestellt wurde. Worte wie ‚dämlich‘ und ‚Frollein‘ wurden als politisch inkorrekt gebrandmarkt und die deutsche Nationalmannschaft im Frauenfussball war seit Jahren erfolgreicher als die der Männer.
Die Ergebnisse dieses ganzen Kämpfens waren also im öffentlichen Leben sehr präsent. Die Tatsache beispielsweise, dass wir eine KanzerIN haben, mochte am Anfang noch ein Unfall im Gefolge der Kohl’schen Spendenaffäre gewesen sein, seit ihrer Wiederwahl jedoch wohl nicht mehr. Dass das ganze Gekämpfe zu so bescheuerten Auswüchsen und einer anderen Art von Diskriminierung geführt hatte, wie einem ‚Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend‘, war vielleicht nur ein kleiner Stolperstein auf dem langen Weg.
Als ich jetzt genau darüber nachdachte, war es aber eigentlich gar und gar nicht so, dass die Frauen im Privatleben in dem Mann, mit dem sie Tisch, Bett, Urlaub und das letzte Bier teilten, sich jemanden auf Augenhöhe wünschten, wie mir B. damit um halb vier morgens auf meiner Couch zu verstehen gab. Diese Erkenntnis sickerte nun langsam in mein Bewusstsein. Schon eine Äußerung ‚der besten Tochter von allen‘ über das unsägliche ‚Granade‘ von Bruno Mars hätte mir die Augen öffnen können: „Dieser ganze ‚Frauenversteherquatsch‘ hängt mir zum Hals raus.“ Waren diese Generationen von Frauen, meine Tochter Anna eingeschlossen, ganz anders gestrickt? War das ein psychologisch-ideologischer Reflex, so als Kontra gegen die feministischen Vorfahren? Sehnten sie sich wieder nach dem Kerl, der ihnen zumindest im Privaten sagt, wo es langzugehen hat oder wenigstens die Illusion davon, denn schließlich, wie wir ja wissen, hat die Frau ja doch immer recht und kriegt ihren Willen. Fühlten sie sich vielleicht durch den Feminismus ihrer Eltern- und Großelterngeneration einer Welt beraubt, in der es sich eigentlich ganz bequem leben ließ? Schließlich hatte man dann etwas, was man beklagen konnte, wo man sich unverstanden und ausgegrenzt fühlte. War das alles also nur Theaterdonner bis der ‚Eiserne‘ fiel und dann sollte bitte alles so sein wie vor tausend Jahren? Das konnte ich nicht glauben und doch dämmerte mir, dass es wohl so war, wie ich annahm, oder?

„Biste jetzt durch mit dem Thema oder kommt da noch mehr Gelaber?“
„Schön. Ich muss auch nicht alles verstehen und will es vielleicht auch gar nicht. Mal davon abgesehen, warum willst du denn prinzipiell keine Beziehung mehr?“
B. atmete hörbar aus und machte mir damit klar, dass sie mit mehr Verständnis meinerseits gerechnet hatte: „Muss ich dir das wirklich erklären? Schau dich doch mal an, du zu kurz geratener Versager, kriegst ja auch keine Beziehung mehr auf die Reihe. Du bist doch auch lieber alleine nur halbglücklich als mit jemandem ganz unglücklich.“
„Stimmt fast. Ich bin alleine ganz glücklich. Aber im Gegensatz zu dir, Baby, versuch‘ ich auch nicht mehr, noch mal eine anzufangen, obwohl, stimmt eigentlich so auch nicht, wie ich zugeben muss.“
„Na bitte, da hast du es.“
Inzwischen hatten wir es aufgegeben, die Gläser nachzuschenken, sondern reichten einfach die Whiskeyflasche hin und her.

B. erklärte mir, dass sie die Schnauze voll hatte vom ‚Ständig-so-und-so-sein-müssen‘, dass es ihr reichte, Rollen zu spielen, nur weil bestimmte Erwartungshaltungen zu erfüllen waren, dass dieses ‚Beziehung-ist-Arbeit‘ einfach nur zum Kotzen sei. Und wofür das alles? Für das Gefühl, dass das Leben einfach vorbei war, weil man mit diesem einen Menschen bis ans Ende aller Tage jetzt zusammen sein musste? Nee, danke!
Ich war anderer Meinung, aber das behielt ich in diesem Augenblick für mich, denn um mich ging es ja schließlich nicht. Aber ich versuchte mich zumindest soweit klar zu machen, dass ich schon finde, dass man hin und wieder die ‚Schatztruhe gemeinsamer Erfahrungen‘ ein bisschen füllen könnte, so für, wenn mal schlechte Zeiten anbrechen oder so.
„Ich wusste, dass du auch so ein Weichei bist. Ach, Scheiße, jetzt fehlt er mir schon, der Idiot.“
„‚Schuldigung, aber vielleicht wollte dein Ex auch keine Rolle spielen und wollte eben mal grade das Weichei raushängen lassen, weil ihm so war. Wäre doch möglich, immerhin, oder?“
Ich erntete einen bösen Blick: „Echt du bist noch blöder, als ich dachte, halt auch nur ’n Kerl, ihr versteht rein gar nichts. Willste den letzten Schluck?“
Ich schüttelte den Kopf. Sie setzte die Whiskeyflasche an und ließ sich den Rest in den Mund laufen.
„Ich weiß nicht, was du jetzt machst, aber ich muss pennen. Zähneputzen fällt aus wegen allem. Bemühen Sie sich nicht, Herr Doktor, ich weiß, wo das Bett ist.“
Sie versuchte aufzustehen, aber der Whiskey muss ihr in dem Moment mit ganzer Wucht in die Beine geschossen sein, denn sie sackte weg und auf mich drauf. Ich brachte sie in mein Schlafzimmer und deckte sie mühsam zu, denn der Whiskey zog jetzt auch mich in Richtung Erdmittelpunkt. Ich trollte mich auf meine Couch und war augenblicklich weg.

Am Mittag erwachte ich und sah als erstes im Schlafzimmer nach, aber B. war verschwunden. Am Badezimmerspiegel fand ich einen Zettel:
„Danke für Whiskey, Taschentücher und Bett und dass du mich verstanden hast, ich ruf dich an, B.“
Ich verstand nichts und werde es wahrscheinlich auch niemals können. Ich war mir nicht sicher, ob ich mein Unverständnis nun für eine Gnade oder für einen Fluch halten sollte. Nach einigen Minuten entschied ich mich für ersteres.

siehe auch: http://DieTraumfaengerin.blog.de/2012/05/31/schwuere-13785655/