Neulich ….. vor, während und nach dem Unterhosenkauf

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen so geht, wenn Sie bemerken, dass sich in der Schublade für Unterwäsche eines Tages nicht mehr genug Stücke befinden, die man noch guten Gewissens anziehen kann oder überhaupt inzwischen viel zu wenige darin liegen. Ich gerate in leichte Panikzustände. Schlagartig zucken mehrere Flashbacks durch mein Gehirn und stürzen mich in Nullkommanichts in eine tiefe Krise. 

Da wäre zunächst die leidvolle Erinnerung an die DDR. Wer von Ihnen dort aufgewachsen ist, wird sofort wissen, was ich meine. Für alle anderen: Unterwäsche, speziell für Männer, war in der DDR ein Dauerthema, in seinem Ausmaß etwa vergleichbar mit der heutigen Diskussion um die Euro-, Finanz- und Wirtschaftskrise oder die Globalisierung und alterssenile Schriftsteller (natürlich war das kein Thema für die Medien im ‚Arbeiter- und Bauernparadies‘). 

Ich spreche hier nicht über die Verfügbarkeit – Unterwäsche kaufen zu können, war Glücksache. Ein Synonym für ‚kaufen‘ ist bekanntlich ‚erstehen‘ und dazu war man unmissverständlich aufgefordert. Man hatte sich in eine Menschenschlange einzureihen und, falls die Götter gnädig waren, wurde jemandem, der weit vorne in der Schlange stand, übel. Die Wahrscheinlichkeit, dass man mit Unterhosenbeute nach Hause gehen konnte, stieg dadurch enorm. Unterhosen für Männer gehörten zur Kategorie der ‚Bückware‘, also Produkte die rar waren und nach denen sich die Verkäuferinnen bücken mussten, weil sie unter dem Ladentisch für ‚gute‘ Kunden (Bekannte, Freunde, Familie) bereitgehalten wurden.

Nein, ich rede davon, dass die Modelle aus minderwertigem, ausschließlich weißem oder grauem Feinripp gefertigt waren, dem man ansah, dass es nach dem ersten Waschgang nicht mehr in der Lage sein konnte, „alles zusammen zu halten“, wie meine Großmutter sel. es auszudrücken pflegte.

Unterhose

Dazu kam, dass die Wasserqualität in vielen Orten so mies war und MILWA & Co nicht verhindern konnten, dass sich ein bröseliger Schleier des Materials bemächtigte. Auch ohne viel Fantasie lässt sich vorstellen, dass man sich als Mann in Gegenwart einer Frau lieber im Dunkeln auszog. Auch, weil man natürlich gezwungen war Unterhosen zu tragen, die das Haltbarkeitsdatum längst überschritten hatten. Erschwerend war das gänzliche Fehlen einer so praktischen Erfindung wie des T-Shirts. Diese waren staatstragenden Sportklubs vorbehalten. Der normale Mensch des herrschenden Proletariats hatte Unterhemden mit Trägern anzuziehen, die aus demselben, sich rasend schnell ausleierndem Material hergestellt waren. 

Unterhemd

Wären da nicht die Millionen Renter, die im Schweiße ihres Angesichts, eine ganze Flut von ‚WdB‘ (Waren des täglichen Bedarfs) und die Geschenkpakete aus dem Westteil des Landes gewesen, die neben Millionen Kilogramm Kaffee, Tonnen von Schokolade und Weichspüler auch Millionen Unterhosen den ‚armen Brüdern und Schwestern in der Zone‘ zukommen ließen, wer weiß, möglicherweise wäre das ganze Experiment der ‚Entwickelten Sozialistischen Gesellschaft‘ schon viel früher beendet gewesen. Das Trauma nicht verfügbarer Unterhosen sitzt bei mir übrigens so tief, dass ich ein Drehbuch zu einem abendfüllenden Spielfilm darüber geschrieben habe, um es loszuwerden. Es hat leider nichts genützt – der Film harrt immer noch der Realisierung und mein Trauma immer noch seiner Bewältigung.

Die nächste Erinnerungsblitz gilt meiner schon erwähnten Großmutter, die stets nachfragte, ob man denn auch saubere Unterwäsche anhabe, sobald man das Haus verlassen wollte. Es könne einem ja was passieren und dann käme man ins Krankenhaus und dann wäre es doch eine Schande für die ganze Familie. Darüber wurde immer geschmunzelt („Ha, die Oma wieder!“) und nur zum Scherz steckte ich ihr, dass ich keine Unterhosen tragen würde. Omas Entsetzen ob dieser Mitteilung kannte jedes Mal keine Grenzen, ebenso wie mein Amüsement darüber. Sie war der festen Überzeugung, dass die Verweigerung des Tragens von Unterhosen diesen besonders schlimmen ’schwarzen Hautkrebs‘ an bestimmten Stellen des männlichen Körpers hervorrufen würde. Dieses Spiel währte so lange, bis ich bei einem Verkehrsunfall Ersthilfe leistete. Auf der Autobahn zwischen Hannover und Garbsen kam unmittelbar vor mir ein Kleinwagen von der Fahrbahn ab, durchbrach die Leitplanke und rutsche in die angrenzende Böschung. Die Fahrerin wurde aus dem Wagen geschleudert und landete wenige Meter neben ihrem Auto in einem Dornengestrüpp. Nachdem ich die Polizei informiert und festgestellt hatte, dass die Mitte 20-jährige Frau ansprechbar war und offensichtlich nur einen gebrochenen Arm hatte, versuchte ich, sie vorsichtig aus dem Gestrüpp zu befreien. Dabei wurden ihr Minirock und die Strumpfhosen, die ohnehin nur noch aus Löchern bestand, so zerstört, dass sie quasi mit entblößtem Unterleib im Graben lag. Sie trug definitiv keinen Slip. 

Parallel dazu kegelt Nick Hornbys „High Fidelity“ in meinem Kopf: 

„Eine meiner größten Enttäuschungen, die das Zusammenleben mit Frauen gebracht hat, ist die Unterwäsche. Als Teenager hängt man noch all diesen Fantasien von Frauen, die sich dir in erotischer Unterwäsche hingeben, nach. Wenn du dann aber mit Ihnen zusammenlebst, merkst du, dass sie es auch nicht anders machen als du: Wenn sie wissen, dass sie Sex haben werden, ziehen sie sich was reizvolles an, ansonsten findest du auf der Heizung im Bad und überall diese ausgewaschenen Teile.“*

Diese Gedanken korrespondieren auf seltsam grausame Weise mit den DDR-Unterhosenfabrikaten, dem Verkehrsunfall und einem lässig hingeworfenen Satz meiner Freundin B. („Männerunterhosen sind prinzipiell immer eklig.“), so dass alles zusammen bei mir zu mittelschweren Panikattacken führt. 

Ich beschließe also augenblicklich, sofort und unverzüglich ein Fachgeschäft aufzusuchen. Ein nicht unwesentlicher Teil der Panikbewältigung ist die richtige Marke. Nach einigen Jahren des Experimentierens habe ich schließlich zwei Fabrikate gefunden, die meinen Ansprüchen gerecht werden. Der Luxus, den ich mir damit gönne, ist von gelegentlichen Anfällen eines ausgesprochen schlechten Gewissens begleitet. Ich weiß, dass einer der Hersteller in Südostasien produzieren lässt und wegen Kinderarbeit des öfteren schon im Blickpunkt der Öffentlichkeit stand. Also bleibt nur eine Firma übrig und das ist manchmal problematisch. Zugegeben, ich habe ein Luxusproblem, aber immerhin ein Problem, dass sich schon zu einer ausgewachsenen Neurose gemausert hat.

Der Unterhosenverkäufer meines Vertrauens begrüßt mich mit Handschlag. Selbstverständlich drängelt sich mir sofort diese Szene aus „Ödipussi“* auf: 

„Größe 5?“
„Nein, lieber 6.“
….
„Das ist reine Baumwolle mit einer Beimischung von höchstens 40%, sehr angenehm im Tragekomfort, auch im Schritt.“

Ich lasse mir heute, nicht wie sonst, keine anderen, sogenannten ‚Basics‘ aufschwatzen, denn mein ‚Klinkenputzen‘ ist in letzter Zeit nicht gerade von Erfolg gekrönt und mein Budget für ‚Basics‘ ist eigentlich gar nicht mehr vorhanden.

Nachdem ich also glücklich und zufrieden mit meiner Jagdbeute zu Hause angekommen bin, entferne ich die Verpackung und drehe die Stücke auf links, um sie sofort in die Waschmaschine zu stecken. Man weiß ja inzwischen, mit welchen Chemikalien die Stoffe behandelt werden, Formaldehyd und ähnliche Widerwärtigkeiten. Mir fällt auf, dass die Waschzettel, die immer am Bund mittig an der Innenseite angenäht sind, fehlen. Ich suche und finde den Zettel mit den Pflegehinweisen und den Informationen über die Zusammensetzung des Materials dort, wo sie den größten, anzunehmenden Schaden hätten anrichten können:

Waschzettel

Ich kontrolliere die sechs Unterhosen und stelle fest, dass durchweg alle das Fähnchen stolz im Schritt tragen. 

In meinem ersten Gedanke schießt mir tatsächlich eine Situation durch den Kopf, in der es zwischen mir und einer Frau zu einer erotischen Anbahnung kommt. Unter immer heftiger ansteigender Gier ziehen wir uns gegenseitig die Klamotten von den erhitzten Leibern. Während die letzte Hülle fällt, bemerke ich den Blick meiner Angebeteten, der sich auf den Schritt meiner Unterhose richtet und sie, das Objekt meines Begehrens, daraufhin in schallendes Gelächter ausbricht. Erotik ade. 
Da aber zum Augenblick in Ermangelung einer passenden Frau keine Gefahr besteht, dass sich eine solche Situation einstellen könnte, läuft in meinem Kopf ein ganz anderer Film ab: 

Eine junge Spanierin, nennen wir sie Esmeralda, die an einem lauen Frühlingsabend, hübsch zurechtgemacht und mit sündigen Dessous unter dem teuren Kleid, vergeblich auf ihren Freund, nennen wir ihn José, gewartet hatte, um mit ihm das 2-jährige Beziehungsjubiläum zu feiern. Nachdem Esmeralda José in Gesellschaft seiner Kumpels endlich in einer Taverne aufgespürt haben mochte, war er von den stattfindenden Trinkspielchen schon derartig betrunken, dass er sie nicht mehr erkannte und mit ‚Josefa‘ angesprochen hatte. Esmeralda kochte augenblicklich vor Eifersucht. Die Szene, die sich nun entwickelte, verlagerte sich lautstark und unter freudiger, amüsierter Anteilnahme der Saufkumpane vom Innenraum der Wirtschaft auf die nächtliche Straße. Esmeralda mag gestolpert sein und hatte sich bei dem nachfolgenden Sturz das Seidenkleid ruiniert. Die Zeugen klatschten begeistert Beifall, als sich dabei ihre halterlosen Strümpfe offenbarten. Esmeralda, gedemütigt und in Rage, hatte vielleicht noch eine Oktave höher geschrien, einen Mülleimer nach José geworfen und den zukünftigen Ex-Geliebten mit ihren Pumps blutig geschlagen. Ob diese Körperlichkeit zurecht stattfand, darüber geriet nunmehr das Publikum in heftige Auseinandersetzungen. Fenster wurden geöffnet und erwachte, empörte Anwohner brüllten ihre Verwünschungen hinunter, was natürlich nicht den erhofften Erfolg hatte, sondern den allgemeinen Lärmpegel noch wesentlich steigerte. Jetzt kämpfte die bedauernswerte Esmeralda nicht nur gegen ihren treulosen Freund und die johlenden Saufbrüder, sondern musste auch noch eine dritte Front gegen die Schmähungen der Geweckten eröffnen. Die eintreffende Polizei stellte die öffentliche Ordnung wieder her und fuhr die beiden Streithähne auf die Wache. Dort verschwand José nach einer Notversorgung der Wunde, die sich lediglich als Kratzer herausstellte, in einer Ausnüchterungszelle und Esmeralda hatte eine Geldbuße zu entrichten. Müde, zerschunden und immer noch voller Wut ging die junge Frau am nächsten morgen zur Arbeit. Sie sann auf Rache und plötzlich mochte sie gewusst haben, wie sie sich Genugtuung verschaffen konnte. Als Programmiererin eines Nähroboters in der Textilfabrik befahl sie nun der Maschine, tausende von Waschzetteln bei tausenden von Unterhosen nicht an die vorgesehene Stelle sondern in den Schritt zu nähen. 

Lächelnd trenne ich mit einer Nagelschere aus allen Unterhosen die Schildchen heraus und befülle mit anderen Kleidungsstücken die Waschmaschine. Ich beobachte, wie das Waschprogramm startet und die neuen Unterhosen in der Trommel ordentlich durchgeschüttelt werden.

Ach, Esmeralda, ich gönne dir diesen kleinen Triumph von ganzem Herzen!

* Nick Hornby, „High Fidelity“, Roman (Kiepenheuer & Witsch, 1999)
* LORIOT, „Ödipussi“, Spielfilm (Buch: Vico von Bülow; Regie: Vico von 
Bülow; Produzenten: Horst Wendlandt & Günter Rorbach; Verleih: Tobis)