DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. beim Abiball

von danielanderson1502

Es gibt ein paar wenige Ereignisse in einem Menschenleben, die wiederholen sich nicht – alle ‚ersten Male‘, wenn Sie darüber nachdenken wollen beispielsweise. Man hat sicherlich ab und zu das ‚Murmeltiergrüßerlebnis‘, die frankophilien unter Ihnen nennen es Deja vu, aber ein Ereignis, dass garantiert nicht noch einmal stattfindet, ist der Abiball, egal, ob es sich um den eigenen oder den, der ‚besten Tochter von allen‘ handelt.

Der Austragungsort wurde mit viel Bedacht gewählt – das ‚Abikomitee‘ hat Monate gestritten, ob es denn jetzt ein Saal im ‚Hyatt‘ sein soll, oder ob der Gemeindesaal nicht ausreichend und eigentlich viel besser ist, wie lang das Programm sein darf, damit die Gäste nicht vor Hungerohnmacht reihenweise ausfallen und genau zum richtigen Zeitpunkt die Schlacht am Buffet geschlagen werden kann, wer mit wem an welchen Tischen sitzt, DJ oder Band, welche Honoratioren einzuladen sind, wer hält die Schülerrede und so weiter und so fort.

Für jeden einzelnen aber war es auch mit schwerwiegenden Entscheidungen verbunden, vor allem natürlich für die Mädchen – welches Kleid und die dazu passenden Schuhe, Friseur oder doch nur Pferdeschwanz, Schmuck, nehme ich eine Handtasche mit, Schminken, ja, schon, soll ich vielleicht mal den Goldlidschatten nehmen, mir doch vorher noch mal die Augenbrauen zupfen und die Beine enthaaren lassen, für die Jungs stand wahrscheinlich eher die Frage im Vordergrund, wann sie ihre Eltern loswerden, damit die Party richtig abgehen kann.

Der Tag ist da und die Atmosphäre ist von festlicher, erwartungsvoller Vorfreude erfüllt. In der Eingangshalle kämpfen Shampoo-, Haarspray- und Parfumgerüche um die Vorherrschaft, es werden Vorher-Fotos geschossen – jeder mit jedem und dazu noch die Eltern, Oma, Tanten, Geschwister. Die Nachher-Fotos werden natürlich streng zensiert. Wer will sich schon später bei facebook sehen, wie er sich gerade in das dekorative Gebinde aus Kunstblumen übergibt. Den unglaublichen Plateau-Highheels der Mädchen ist es zu verdanken, dass sie die Jungs mindestens um eine halbe Kopflänge überragen. Außerdem starten die Schuhe einen Contest, welche von ihnen denn der Trägerin zuerst zum Bruch eines Sprunggelenks verhelfen wird. Währenddessen streunen die Jungs schlaksig und betont lässig in ihren Anzügen vor der Tür herum und schnorren sich gegenseitig um eine Zigarette an.

Die ‚beste Tochter von allen‘ trägt ihr Fünfziger-Jahre-Kleid mit dem dazugehörigen Petticoat und den eben noch rechtzeitig von ZALANDO gelieferten Schuhen. Die, auf die Schnelle noch anberaumten Laufübungen vor dem Spiegel im Wohnungsflur in diesem ganz und gar nicht orthopädisch wertvollen Schuhwerk, haben sich nicht ganz so bezahlt gemacht: sicher wie eine Seiltänzerin ohne Netz geht sie die Treppen hinauf. Ich denke, dass es wohl überlegt war, ein kurzes Kleid zu wählen, denn die Absätze des neben ihr marschierenden Mädchens verfangen sich in der angedeuteten Schleppe und nur dem beherzten Eingreifen eines Vaters ist es zu verdanken, dass der Rettungswagen nicht gerufen werden muss.

Das Rahmenprogramm, das von engagierten Darbietungen junger, musikalischer Talente der Schule bestritten wird, gibt mir Zeit darüber nachzusinnieren, was in den letzten 18 Jahren alles herausragendes oder eben nichtherausragendes passiert ist:

Die vielen kleinen Unfälle mit dem Rad, das Türenschmeißen, das als deutlichstes Zeichen der Verärgerung der ‚besten Tochter von allen‘ zu werten ist, die Postkarte mit der Aufschrift „Mathe ist ein Arschloch“, die immer noch an ihrer Zimmertür hängt, die Verzweiflungen, wenn mal wieder eine Klausur trotz tagelangem Lernen daneben ging.

Da waren die leuchtenden Augen beim Anblick eines Drei-Meter-Sprungbretts im Schwimmbad und die nicht endenwollenden Sprünge in allen möglichen Posen), die Besuche in Vergnügungsparks wie den EUROPAPARK in Rust, besonders aber denke ich an den holländischen Achterbahnpark (wo mein Gleichgewichtsorgan nach dem 10 Mal „Devil Booster“ den Dienst verweigerte, Anna jedoch nicht müde wurde, sich auch noch das 11. Mal durchboostern zu lassen).

Ich sehe ihren und meinen Stolz, als sie ihre erste Theaterpremiere spielte und mit dem Stück auf Tournee ging, die Lieblingslieder, die immer im Auto parat zu sein hatten (angefangen von SILLY, deren ‚Paradiesvögel‘ uns jeden Morgen zur KITA begleiteten, über schlimme Ausrutscher wie ‚Silbermond‘, bis hin zu ‚Hit the road, Jack‘ und ‚Have a nice day‘ von BON JOVI).

Ich erinnere mich an ihren ersten Alleinflug nach Israel zu Oma und Opa im Alter von sechs Jahren, als sie schon am Gate lautstark bekundete, dass ihre Mutter und ich doch jetzt verschwinden sollten und sie bei zukünftigen Reisen viel lieber einen Extraflug gehabt hätte, getrennt von uns.

Ihren ersten Schulausflug auf einen Bauernhof in der Nähe von Köln, den ich begleiten durfte und auf dem der Wunsch, die Wohnung in einem Zoo zu verwandeln, geboren wurde.

Das Sarah-Connor-Konzert in der Columbiahalle, Anna war 11, bei dem es einen Lounge-Bereich mit Bier und Wein für die gebeutelten Eltern gab.

Ich sehe sie an ihrem Schreibtisch sitzen und ihren ersten Kurzfilm schreiben, den wir dann tatsächlich auch im nächtlichen Berlin gedreht, ihn noch am selben Wochenende geschnitten und der Familie vorgeführt haben.

Die Nächte, wenn mal wieder ein Referatstermin drückte und weit nach Mitternacht noch Folien bedruckt und Hand-outs ordentlich formatiert werden mussten.

Die Tränen, als sie bei einem Casting nicht genommen wurde oder die ersten, enttäuschenden Aufnahmeprüfungen an den Schauspielschulen.

Die Girlie-Partys, zu denen ich meine Wohnung zu verlassen hatte, nicht ohne der ‚Bande‘ (in wechselnder Besetzung, aber immer mit Julia, Helen, Lior und Anna E.) vorher noch in der Videothek SAW 6 und PARTYMONSTER besorgt zu haben.

Das alles und noch einige andere freudevolle Begebenheiten laufen hinter meiner Stirn wie ein Film ab und dabei sitzt Anna im Arm ihres Freundes neben mir und strahlt mit der Bühnenbeleuchtung um die Wette.

Jetzt sind die Reden an der Reihe. Der Vorsitzende des Fördervereins nuschelt so sehr, dass kein Wort zu verstehen ist. Die wirklich wunderbare Direktorin der Schule gratuliert allen und appelliert an die Spendenbereitschaft für eine gemeinnützige Organisation. Der Vorsitzende unserer Gemeinde, die der Träger der Schule ist, hält eine konfus kafkaeske Ansprache, in der es um äußerliche Ähnlichkeiten zwischen ihm und einem der Schüler geht (er nötigt den armen Burschen auch noch auf die Bühne zu kommen, damit jeder die Behauptung überprüfen kann), um sinnentleerte Gespräche, die er gerade in der Eingangshalle geführt haben will und um zerknitterte Hemden – das alles vorgetragen in einer neuen deutschen Grammatik, die es aller Voraussicht nach nicht schaffen wird, sich allgemein durchzusetzen.

Endlich ist es soweit: die Zeugnisse werden verliehen. Jeder der 53 Abiturienten hat sich einen Song ausgesucht, der ihn auf dem Weg zur Bühne begleitet. Annas Philosophie-LK ist der erste und sie schreitet erstaunlich sicher zu ‚Charity Ball‘ von FANNY auf ihren Schuhen durch den Saal. Ich kämpfe die ersten Tränen der Rührung nieder und fotografiere bis der Auslöser glüht. Es folgen 52 weitere Schnipsel Musik und ich bin erstaunt, was da so zu hören ist. Techno ist hoffnungslos den Schnulzen vom Schlag ‚Time to say good bey‘, ‚Videogames‘ und ‚My heart will go on‘ unterlegen. Aber es gibt insgesamt mehr junge Menschen, deren Musikgeschmack offensichtlich von den Eltern geprägt ist, die schon mit Hardrock und Festivals aufgewachsen sind.

Annas Lachen auf der Bühne treibt mir die zweite Welle Tränen in die Augen, aber es gelingt mir noch, sie verstohlen in meinen Jackettärmel zu drücken. Wieder am Tisch wird umarmt, beglückwünscht gelacht, die Tante und die Cousins freuen sich und wir stoßen mit Wodka an.

Annas Mutter und ich zwinkern stolz uns zu: das haben wir alles in allem sehr gut hingekriegt, dieses Kind!

Der letzte Programmpunkt naht – die Schülerrede, die Anna im Namen aller Abiturienten hält. Und während sie ihren Vortrag mit einem leicht wehmütigen Gedicht beginnt, kann ich das Wasser nicht mehr halten. Ich versuche mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal so gerührt war, ich glaube, es war bei Annas Geburt.

Der Lärmpegel im Saal steigt unaufhörlich an, denn nun hat wohl doch der Hunger gesiegt und die Düfte des aufgetragenen Buffets leisten ihren Beitrag alle daran zu erinnern. Das beherzte Einschreiten eines Lehrers sorgt für die nötige Ruhe und Anna beendet ihre Rede unter großen Beifallsbekundungen. Die Direktorin wird umarmt, die Türen zum angrenzenden Raum, in den nun die hungrige Meute einfallen und sich an den koscheren Speisen gütlich tun darf, werden geöffnet und allen ist plötzlich klar: das war’s, die Schulzeit ist unwiderruflich vorbei.

Ich verabschiede mich so schnell wie möglich. Draußen bricht die Nacht an und ich tröste mich, dass dieses wunderbare Kind trotz allem für immer mein Kind bleiben wird.