DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich …. beim Binnen- „I“ oder Es lebe der Feminismus.

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie mal Gelegenheit haben, in eine völlig humorfreie Zone zu geraten, beispielsweise in eine Diskussion über Feminismus – im Allgemeinen, wie auch im Speziellen. Mir jedenfalls wird speiübel davon.

Ich erinnere mich, wie in der zweiten Hälfte der 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf unserem Küchentisch in Ostberlin neben der KONKRET auch die EMMA auftauchte. Meine Mutter, eine gebildete, humorvolle, musisch-kreative und seit meiner Geburt eine äußerst emanzipierte Frau, die eine Freundschaft zu einem Intellektuellen aus dem Westteil der Stadt pflegte, saß zwischen Bergen unabgewaschenen Geschirrs, rauchte filterlose Zigaretten, trank Kaffee und las stundenlang die Artikel der Herausgeberin Alice Schwarzer. Sie strich sich bestimmte Passagen an, knickte Eselsohren in die Seiten, damit sie später in den regelmäßigen, jedoch ohne Plan stattfindenden Diskussionen im Wohnzimmer schnell zitieren konnte. Sie versuchte, den Leitsätzen eine Bedeutung für das real-sozialistische Leben abzugewinnen, was natürlich nur partiell gelang, wie ich heute weiß. Vielleicht verklärt sich das aber auch in meinen Erinnerungen, wie so vieles sich eben nach einer gewissen Zeit verklärt.

Ausgelesene ‚EMMA‘-Exemplare landeten auf dem Klo zur Zweitverwertung und so kam auch ich, zeitverzögert, in den Genus des Lesens der Hefte. Ich will und kann nicht behaupten, dass dieser Genus zweifelhaft war, ganz und gar nicht, vielmehr wirkte die Lektüre auf einen pubertierenden Ost-Jungen eher verstörend. Beispielsweise las ich in der EMMA das erste Mal etwas über Klitoris-Verstümmelung und wurde mit dem Begriff ‚Männerjustiz‘ vertraut gemacht. Ich war überrascht, dass nur wenige Kilometer entfernt von unserem Klo, in Westberlin eine parallele Welt existierte, in der es nötig war, eine Institution wie ‚Frauenhäuser‘ zu etablieren und eine „‚PorNO‘-Kampagne“ ins Leben zu rufen. Ich lernte die unglaublich faszinierende Philosophin mit dem unglaublich faszinierenden Namen Margarete Mitscherlich kennen, die in einer äußerst eloquenten Sprache über ‚Feminismus und Männerhass‘ nachdachte. Was das alles aber mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun haben sollte, war mir unklar. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was Wortschöpfungen wie ‚Weiblichkeitswahn‘ eigentlich zum Inhalt hatten.

Wie alles in der DDR war auch die Emanzipationsbewegung der Frauen von der Ideologie eines real existierenden Sozialismus beschlagnahmt worden. Neben der Indoktrination allerdings hatte die Arbeiterbewegung viel aus einer existenziellen Notwendigkeit heraus für die Frauen erreicht: Klitorisbeschneidungen fanden selbstverständlich nicht statt, Frauenhäuser waren unnötig, denn Vergewaltigung und Missbrauch (auch in der Ehe) waren offizielle Straftatbestände und wurden rigoros strafrechtlich verfolgt, Abtreibungen waren völlig legal und niemand nötigte eine Frau zu ‚Beratungsgesprächen‘.

Sechzehnjährige Mädchen konnten sich kostenlos(!) die Pille verschreiben lassen und wurden nicht von offiziellen Stellen nach ihren Motiven für eine Schwangerschaftsunterbrechung gefragt. Frei von moralinsaurem Getue lebten auch sehr junge Frauen ihre Sexualität aus.

Scheidungen dauerten in der Regel nicht länger als 30 Minuten, in denen es überwiegend um die Höhe der Unterhaltszahlungen ging und nicht um die Gründe für die Trennung.

Alleinerziehende Mütter wurden gefördert, dass es nur so eine Art hatte, auch wenn das Leben in diesem Status natürlich auch damals mehr als anstrengend und hart war: bevorzugte Vergabe von Weiterbildungsmaßnahmen, Ausnahmeregelungen (100%ge Lohnfortzahlung) bei Krankheit der Kinder, bei eigener Krankheit erhielt man Hilfe bei der Kinderbetreuung durch den Sozialdienst (falls Oma und Opa nicht zur Stelle sein konnten).

Frauen konnten problemlos studieren (Zugangsberechtigungen wurden nur von ideologischen Phrasen abhängig gemacht, die JEDER, egal ob Mann oder Frau, herunter zu beten hatte), Frauen konnten jeden Beruf erlernen, zu dem sie ihr Intellekt befähigte (Angela Merkel ist das bekannteste Beispiel dafür) und über Kinderbetreuung wurde nicht diskutiert, weil sie faktisch flächendeckend vorhanden war.

Pornographische Texte oder Bilder im Stile gynäko- oder urologischer Darstellungen primärer Geschlechtsmerkmale mag es gegeben haben, waren aber ohnehin wegen des überwiegend Frauen verachtenden Charakters verboten. Die Monatsschrift „Das Magazin“, eine Art Boulevard-Blatt für den aufgeklärten und an Literatur und Kunst interessierten ‚Menschen neuen Typus‘, veröffentlichte in jeder Ausgabe eine Fotostrecke weiblicher Akte, das war’s dann auch schon. Über sexuelle Phantasien wurde nichts geschrieben, weil jeder Mensch es leicht hatte, sie auszuleben.

Die sexuelle Orientierung spielte keine wirkliche Rolle im Alltag, weil viele homosexuelle Paare einfach ihre sexuelle Priorität lebten und sich nicht nur, wie es heute überwiegend üblich ist, vordergründig darüber zu definierten. Berufsschwule oder Berufslesben existierten einfach nicht – aus unterschiedlichen Gründen, die diese Art, sein Leben zu fristen, unsinnig machte. Zugegeben, es existierten Ressentiments, aber auch nicht mehr als heute, wo schwul-lesbische Lebenspartnerschaften nichts ungewöhnliches mehr sind.

Das Phänomen, Männer dafür zu hassen, dass sie Männer waren, gehörte (noch) nicht zu meinem Erfahrungshintergrund, das sollte erst viel später kommen.

Bei längerem Nachdenken auf der Ostberliner Kloschüssel kamen mir damals allerdings so meine Zweifel, ob denn tatsächlich in diesem ‚Gänsefüsschenland‘ (BILD), die in der Verfassung verankerte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau eine Tatsache, oder nur ideologische Indoktrination zur besseren Gedankenkontrolle war. Diesen Denkanstoß gab mir die EMMA und ich bin heute noch sehr dankbar dafür, denn in gewisser Weise setzte auch damit meine Emanzipation vom System ein und ich begann die Kleinbürgerlichkeit des ganzen Konstrukts zu durchschauen. Außer Margot Honecker (oder früher Lotte Ulbricht) gab es keine Frauen in Führungspositionen und beide hatten diese auch nur aufgrund ihrer mächtigen Männer. Wieso gab es in der DDR eigentlich keine legitime Nachfolgerin von Clara Zetkin oder gar von Rosa Luxemburg, deren Leben ausgerechnet von einer Regisseurin aus dem Westen verfilmt wurde und nicht etwa von einer arrivierten DDR-Regisseurin? Ganz einfach, weil es keine arrivierte DDR-Filmregisseurin gab. Später fiel mir auf, dass in der DDR, so wie heute auch, an einem bestimmten Punkt der Karriere einer Frau die natürliche Grenze, des sich über Jahrtausende hinweg verfestigten Patriarchats lauerte. Das Visum, diese Grenze zu überschreiten, musste in Form eines Penis plus Skrotum vorhanden sein oder man wurde eben wieder zurückgeschickt, Weiterreise ausgeschlossen.

Nachdem schließlich 1990 die ‚Ostgauen an das Rumpfgebiet des großdeutschen Reiches angeschlossen wurden‘, der Freudentaumel der Ossis darüber sehr schnell verebbte, die Kriegsgewinnler ganze Herden von Schäfchen ins Trockene brachten und die unbarmherzige Realität eines ‚Solidaritätszuschlages‘ auf uns niedersauste, begann sehr schnell wieder eine Diskussion um die Emanzipation. Auslöser dafür waren die Schließungen vieler Kinderkrippen und Kindergärten, denn jetzt sollte auch die Ossi-Frau wieder das tun, wozu die ‚Natur‘ sie nach Meinung der Vertreter eines kapitalistischen Patriarchats vorgesehen hatte: das Haus hüten, Kinder kriegen und betreuen, kochen und dem ‚Ernährer‘ ein bequemes Leben bereiten, inklusive immerwährender sexueller Verfügbarkeit. Angesichts dieses Sprungs nach hinten war es vielleicht nur allzu verständlich, dass der Feminismus als die ‚Atombombe der Emanzipation der Frauen‘ wieder abgeworfen wurde. Berufsfeministinnen ließen sie wahllos auf jeden herabfallen, der auch nur den Ansatz des Innehaltens und Nachdenkens zeigte, ob eine (Männermassen-)vernichtungswaffe wirklich das geeignete Mittel sein kann, um die Ziele zu erreichen. Schließlich fiel sie eben nicht nur auf die, die man treffen wollte und die es vielleicht verdient hatten.

Ich machte in dieser Zeit das erste Mal die irritierenden Erfahrungen, wüst beschimpft zu werden, wenn ich einer Frau in den Mantel half, ihr die Tür aufhielt oder nicht zulassen wollte, dass sie den schweren Wasserkasten trug. Ich erntete Kommentare wie beispielsweise: „Glaub bloß nicht, dass ich das nicht alleine kann“, oder auch, „Wer hat dich nur so erzogen.“

Wenn ich allerdings ein Oberhemd in 7 Minuten perfekt bügelte, bekamen dagegen die Frauen diesen mitleidigen Zug um den Mund, der nichts anderes hieß als, oje, ein Muttersöhnchen oder schwul, kein ‚echter Kerl‘. Dieses zwiespältige Verhalten trieb folgende, absurde Blüte. Meine Tochter war gerade drei, als ich, der Lebensfreude wegen, mit ihr zum CSD in Köln ging und wir beide wirklich viel Spaß hatten: Musik, Luftballons, Lachen und von allem reichlich. Ich trug Anna auf meinen Schultern und irgendwann merkte ich, dass sie schlief. Um das zu überprüfen blieb ich vor einem Schaufenster stehen und sah in der Spiegelung, dass es tatsächlich so war, Anna schlief und hielt in ihren kleinen Händen jeweils mehrere Kondompackungen fest umklammert, die man anstatt der sonst üblichen Süßigkeiten von den Prachtwagen herunter verteilt hatte. Beim Umdrehen rempelte ich ganz unabsichtlich eine Frau an, ihr fiel die Bierflasche aus der Hand und zersprang scheppernd auf der Straße. Meine wortreiche Entschuldigung und das Angebot, ihr ein neues Bier zu besorgen, wurde mit den Worten quittiert: „Eh, du blöd verfickter Heterowichser, kannste nich uffpassen.“ Ich kam nicht umhin die ausgesprochen interessante Struktur der mir entgegen geschleuderten Verbalinjurie zu bewundern.

Ich nahm in den folgenden Jahren den Feminismus als radikalisierte ‚Schwanz-ab-Bewegung‘ mit immer größerem Staunen wahr, das sich nach und nach in Ungläubigkeit verwandelte. Im Schlepptau dessen fielen mir weitere Absurditäten der ‚political corectness‘ auf, die den Alltag bis heute so nachhaltig diffundiert haben, dass niemand mehr wirklich über diesen Schwachsinn nachdenkt. Monumentalster Ausdruck ist das sogenannte ‚Binnen-I‘, also ‚BürgerInnen‘, ‚MusikerInnen‘, ‚PolizistInnen‘ und so weiter. Gibt es eigentlich eine maskuline Form von ‚Politesse‘?

Daneben bemerkte ich aber auch eine Art ideologischen Reflexes auf den Feminismus. Immer mehr Frauen, so schien es, sehnten sich nach dem bösen, einsamen Wolf und hatten es satt den Männern eine Ersatzmutter zu sein, die von aufgeklärten, feministischen Müttern zu ‚Waschlappen‘ (sic) erzogen wurden. Meine Freundin B. behauptete: „Ein Mann muss doch immer noch ein Mann sein und keine andere Version der Frau.“

Klang komisch in meinen Ohren aus dem Munde einer Frau, die in ihrer seriellen Monogamie eine ganze Reihe verständnisvoller, sensibler und rücksichtsvoller Männer angesammelt hatte. Oder vielleicht doch nicht?

Meiner Beobachtung nach stellten sich sehr schnell, sehr viele Männer darauf ein, umgaben sich mit Geheimnissen, waren einfach nur arschig, wie sie es schon immer wollten und die Frauen fielen darauf herein. Meiner Beobachtung nach reagieren viele Frauen darauf mit anfänglicher Ablehnung und doch sind sie fasziniert. Und nun entbrennt ein regelrechter Kampf um den arschigsten Mann, die Gewinnerin kann sich dem Neid UND dem Mitleid anderer Frauen gewiss sein. Sie überschätzen sich maßlos, denn der „Das-Wollen-Wir-Doch-Mal-Sehen‘-Modus, in den sie gehen, lässt sie das Augenmaß komplett verlieren. Und selbst wenn es ihnen gelingt, den Wolf zu domestizieren, nach 5 bis 6 Jahren spätestens gibt es nichts mehr zu entdecken, es wird totenlangweilig und es wird in das Jammertal hinab gefahren, das ist einfach nicht mehr der Mann, in den ich mich verliebt habe.

Darüber hinaus machte sich in den zurückliegenden 10 bis 15 Jahren eine Erwartungshaltung potentiellen Lebenspartnern gegenüber breit, die kein Mann in der Lage sein wird, jemals zu erfüllen – er sollte natürlich Karriere machen, ein unfassbar guter Liebhaber und der beste Vater für die Kinder sein, sportlich durchtrainiert, seinen eigenen Willen haben und daneben auch noch den Job als Bespaßungsmaschine exzellent ausfüllen können. Liest man in Kontaktanzeigen, was für Frauen bei der Partnersuche oberste Priorität hat, so trifft man immer wieder auf denselben Satz: „Also, na ja, als aller erstes muss er mich zum Lachen bringen können.“

Zugegeben, das mag jetzt alles sehr verkürzt und eindimensional klingen, aber denken Sie mal einen Moment darüber nach und ich bin sicher, Sie geben mir recht.

Neulich entbrannte also wieder mal eine Diskussion um den Feminismus. Die Runde kann durchaus als illuster bezeichnet werden, ein Pärchen, drei alleinerziehende Frauen, vier Kinder, die währenddessen um uns rumwuselten, und ich. Ausgangspunkt war, wie könnte es auch anders sein, die allgemeine Schlechtigkeit und im Speziellen der Egoismus der Männer. Ich habe mir angewöhnt, das Thema zu umgehen, bzw. einfach zu schweigen. Meine eigene Art, entgegen der herrschenden gesellschaftlichen Allgemeinheit, mit einer Frau, so sie denn in meinem Leben ist, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen, entband mich, wie ich meinte, von solchem Theoretisieren. Die Frauen beschwerten sich über die Männer im Allgemeinen und im Speziellen über die unzuverlässigen Väter ihrer Kinder. Es fielen Sätze wie: „Alle in einen Sack stecken, draufhauen und man trifft doch immer den richtigen“, oder „Es liegt in der Natur des Mannes, rücksichtslos zu sein wie ein LKW auf der Autobahn“, oder, auch schön, „Männer sind einfach nur Schweine.“ Ich wollte nicht wirklich auf dieses Niveau herab, aber mein Mund öffnete sich wie von selbst: „Frauen lieben doch Schweine und besonders Ferkel.“

Augenblicklich war es still am Tisch und man sah mich mit weit aufgerissenen Augen an. Es war die Ruhe vor dem Sturm der Entrüstung, wie kannst du nur, bist du bescheuert, Machoarsch, Vollidiot, besser, du gehst jetzt. Um es vorweg zu sagen, ich blieb sitzen – ich hatte grade ein schlafendes Kind auf dem Schoß. Der andere Mann, also der maskuline Teil des Pärchens, traute sich tatsächlich mich danach zu fragen, was mich denn zu dieser Aussage bewegen würde. Dass er die Chuzpe hatte, überhaupt noch mit mir zu sprechen, brachte ihm tödliche Blicke seiner Partnerin ein.

Ich zitierte Margarethe Mitscherlich, ohne dass ich sagte, dass ich Margarethe Mitscherlich zitieren würde, was natürlich gemein und hinterhältig von mir war:

„In einer Welt voller männlichen Machtstrebens, ist es doch nur zu logisch, dass Frauen einen Teil ihrer Weiblichkeit aufgeben müssen. Und das ist auch gut so. Frauen bleiben nur allzu oft bei ihren passiven Wünschen, wollen nur innerhalb eines kleinen Kreises über von ihnen abhängige Menschen herrschen.“

Der nächste Sturm fegte mir durch mein schütteres Haar. Ich nutzte den ersten Moment der Stille:

„So wie ihr denkt, werden wir keine menschliche Zukunft haben, wenn wir nicht versuchen, andere als andere zu verstehen, auch die Männer, klingt vielleicht komisch fremd, ist aber so. Ihnen zuzuhören, ihre Konflikte zu verstehen. Ohne dieses Einfühlungsvermögen werden wir alle immer größere Schwierigkeiten haben. Nur ein ganz einfaches Beispiel dafür, warum ich glaube, das der Feminismus konterrevolutionär ist.“

Das Wort ‚konterrevolutionär‘ sicherte mir die volle Aufmerksamkeit der Runde, ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert:

„Stellt euch ein Pärchen vor, er findet es nachgerade wundervoll, dass sie viel besser mit dem Bohrhammer umgehen kann als er, sie bewundert ihn dafür, dass er besser bügeln und backen kann als die Schwiegermutter.“

„Träum weiter, Daniel, so was gibt’s nicht in tausend Jahren.“

„Möglicherweise hast du leider recht und nicht nur deshalb, weil wir bis dahin den Planeten unbewohnbar gemacht haben. Aber ernsthaft, schön ist die Vorstellung doch, oder.“

Zurückhaltendes Nicken, so als wollte man sagen, die Frau mit dem Bohrhammer wird akzeptiert, das ist sexy, aber ein Mann am Bügelbrett ist einfach nur lächerlich.

„Okay und beide werden darüber hinaus nicht müde ihren Freundeskreis mit Geschichten über von IHR perfekt gebohrhämmerte Löcher zu penetrieren und darauf hinzuweisen, dass aber natürlich der russischer Zupfkuchen von IHM einfach unschlagbar ist. Sie sind so unglaublich stolz darauf, dass sie sich nach jedem Loch in der Wand und nach jeder gebügelten Seidenbluse fragen, warum sie nicht längst für das Bundesverdienstkreuz am Bande vorgeschlagen wurden. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach, ist es scheißegal, wer mit dem Bohrhammer hämmert und wer mit dem Bügeleisen bügelt. Wer es besser kann, soll es eben machen, aber das nur mal am Rande. Was passiert also im Freundeskreis bei jedem Mal? Es entbrennt eine Diskussion über ‚vertauschte‘ Geschlechtsrollen, darüber, was ‚typisch männlich‘ oder ‚typisch weiblich‘ ist und schon beschäftigt man sich nicht mehr mit den wirklich wichtigen Dingen der Existenz: Klimawandel, Politikerkorruption, Verelendung immer größerer Teile der Weltbevölkerung und so weiter. Die ganze Feminismusdebatte ist Teil einer Verschwörung, ebenso wie die Modemagazine, das ‚Hartz-IV‘ Fernsehen, dem Musikantenstadl und die Fußballweltmeisterschaft, die nichts anderes will, als uns mit einer weiteren Unwichtigkeit zu beschäftigen. Wenn man so will, ist Alice Schwarzer ein ‚Agent provocateur‘, oh, nein, sorry, Leute, ich meinte natürlich, sie ist eine ‚AgentIn provocateur‘. So, und jetzt muss ich gehen.“

Vorsichtig hob ich das schlafende Kind von meinem Schoß und übergab es der Mutter. Ungläubiges Schweigen begleitete mich dabei, als ich mir meine Jacke anzog und die Arena verließ.

Als ich vor dem Café stand und mir gerade eine Zigarette anzündete, kam eine der Frauen mir nach, zupfte mich am Ärmel und lächelte: „Ach, Daniel, du bist eben ein Kommunist und somit ab jetzt und für immer und alle Zeiten entschuldigt. Das wollte ich Dir nur noch sagen.“

Ich lächelte zurück: „Das ist fast zuviel der Ehre.“