DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich …. bei Larry Clarke & das Kunstempfinden.

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich fand die Sentenz „Ist das Kunst oder kann das weg?“ angesichts dessen, was mir als Kunst verkauft werden soll, dabei aber oft nicht mal die Maßstäbe für Kunstgewerbe erreicht, ganz amüsant.

Nach der Retrospektive „Larry Clark 2012“ im alten Postfuhramt Berlin-Mitte, Oranienburgerstraße bleibt mir der Witz allerdings im Hals (oder auch tiefer) stecken und ich schwanke zwischen Angewidertsein, Resignation und Wut. Okay, zugegeben, Larry Clark war noch nie mein Fall, ich fand die Bilder, die ich kannte, dilletantisch, sexistisch, Frauen verachtend und mithin rundum überflüssig. Die politische, agititatorische Wirkung, die man diesen Fotos immer unterstellte, kam mir lächerlich und naiv vor. Ich bin immer und unbedingt dafür, jedes Medium im Kontext seiner Zeit zu betrachten, Distanz zu halten, um tatsächlich urteilen zu können, aber Clark kam mir schon immer wie ein Scharlatan vor, der nichts weiter war und ist als ein mäßig begabter Hochzeitsfotograf mit eigenem Laden um die Ecke. Also hätte ich mir auch die 10 Euro Eintritt sparen können. Aber ich war neugierig auf die Filme, von denen ich gehört hatte, sie seien der Vorläufer eines „Cinema vérité“, wie ich es von Don Pennebaker kannte.

Das Megaposter über dem Eingang könnte noch faszinieren: das Haardreieck einer Frau zwischen ihren Beinen in fast gynäkologischer Großaufnahme verbirgt latent eine Tätowierung, die den Namenszug „Larry“ darstellt.

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Aha, hier hat sich ein Künstler auf der Haut dieser sensiblen Stelle einer Frau verewigen lassen oder jemand kann gut mit Photoshop umgehen, auf jeden Fall mehr als egoman.

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Auf dem Poster befinden sich rote Farbflecken, die, beim Näherkommen offensichtlich, von Farbbomben herrühren. Schön, schön, da war wohl mal jemand richtig wütend, denke ich noch. Und dann freue ich mich, dass nicht gerade ein Rudel Touristen vor meiner Kamera rumturnt und Grimassen schneidet.

Ich beginne die Ausstellung in der angezeigten Richtung, nachdem ich den wohlwollenden Hinweis, dass einige Bilder mein moralisches Empfinden verletzen könnten, zur Kenntnis genommen habe. Um wieder mal eine längere Geschichte kürzer zu machen – es war das, was ich erwartet hatte: dilletantische, überwiegend sehr kurzbrennweitige Fotos, deren Inhalte seltsam antiquiert wirken – das fixende Pärchen, nackte Teenager vor felsigem Hintergrund, die in die Kamera grinsen,  eine fixende Schwangere neben einem offenen Babysarg, eine ganze Armada von schlaffen, halberrigierten und steifen Penissen (unbeschnitten und beschnitten), die in ihrer Explizität sehr gut als Illustrationen eines Urologielehrbuches herhalten könnten. Daneben Hardcore-Pornographie („A hore gives first blowjob to a teenager“), Vergewaltigungen und dergleichen sexistische Widerwärtigkeiten mehr.  Die Bilder heißen vorwiegend „untitled“ und sind nicht mal in der Lage ausreichend Lebensgefühl zu reflektieren, um mir die Abgebildeten näher zu bringen, obwohl sich der Knipser darum bemüht.

Eine Schrifttafel unternimmt den Versuch, mir die Welt zu erklären. Man schreibt darüber, dass die Bilder in ihrer ‚Authentizität, die Folgen einer dysfunktionalen Gesellschaft auf (-decken). ‚Revolutionär und einzigartig‘ wären die Bilder deswegen, weil sie so ’nah und vertraut an den dokumentierten Personen und Situationen‘ seien. Als was wird der Mann hier verklärt? Oder betrachtet er sein eigenes Leben gleich noch mit als Kunstwerk?

Weiter ist von ‚Tabubruch‘ die Rede und vom ‚Einschlag wie von einer Bombe in die Kunstwelt der 70er Jahre‘ des vorigen Jahrhunderts. Schon möglich, denke ich (und entdecke einen Kommafehler), schon möglich, dass es so war, aber Hitlers ‚Mein Kampf‘ steht auch auf dem Index, warum dürfen diese schlechten Bilder hier eigentlich frei rumlaufen und tatsächlich mein moralisches Empfinden verletzen? Da kann ich über die Bemühungen der nächsten Schriftafel, die versucht, Clarks Bilder mit Marshall McLuhans „The Medium is the Massage: An Inventory of Effects“ zu verlinken, nur gähnen. Ich frage mich ernsthaft, warum Clark denn dann nicht Pflastersteine, Sonnenblumen oder Büroklammern fotografiert hat?

Den ersten Würgereiz verspüre ich, als ich vor einem Exponat stehe, dass offensichtlich die herausgerissene Seite eines Manuskripts ‚von des Künstlers Hand‘ ist.

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Was ist das jetzt oder was soll das sein? Cool? Lässig? Tabubrechend? Authentisch? Dysfunktional? Oder ist es einfach nur schlecht bemäntelter Hypermachismo? Die These, dass Clark sich selbst als schnoddriges Gesamtkunstwerk sieht, scheint sich zu bestätigen.

Erschöpft von Teenagerpetting in Badewannen, Betten und auf Fußböden finde ich endlich die Filmvorführung im Erdgeschoss, schließlich bin ich eigentlich nur deswegen hergekommen. Außer mir sitzt nur noch eine Frau auf den Stufen, sie ist völlig regungslos und mir drängelt sich der Verdacht auf, dass sie einfach weggenickt ist. Auf der Leinwand sehe ich in schwarz/weiß einen Mann, der sich eine Heroinspritze setzt, eine Frau, die im Bett liegt und ihn dabei beobachtet, ich sehe zwei Menschen sich in einer abgeranzten Wohnung gegenübersitzen und reden – hören kann man nichts, da die Filme stumm sind. Nach 20 Minuten bemerke ich eine machtvoll einsetzende Müdigkeit derselben Provenienz, wie sie sich meiner immer beim Ansehen der ‚Führerstandsmitfahrten‘ aus der Sendereihe ‚Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands‘ bemächtigt. Das, was ich hier sehe ist schlimmer als Dilletantismus, es ist einfach nur Verarschung. Jeder von Opas Schmalfilmen hatte mehr gestalterischen Impetus als das hier. Die Frau schläft immer noch, als ich wieder gehe.

Im oberen Stockwerk der Ausstellung finden sich neuere ‚Arbeiten‘, wobei man sich eigentlich weigern müsste, das schöne Wort ‚Arbeiten‘ dafür zu entweihen. Es sind, um es mal euphemistisch ausdrücken, hauptsächlich Collagen aus Zeitungsartikeln, homoerotischen Zeitschriften und serieller Fotografie, wie man sie schon von Andy Warhol zur Genüge kennt. Daneben gibt es vier Videos, abgekupfert aus amerikanischen Talkshows, die das Thema sexuelle Gewalt zum Inhalt haben. Beispielsweise geht es um eine 34jährige Frau, die ein sexuelles Verhältnis mit einem 14jährigen Jungen hatte. Ja, und, weiter, was soll das jetzt beweisen, dass Frauen auch sexuelle Gewalt ausüben? Oje, ich nehme dir jetzt aber auch ganz schnell dein Schäufelchen weg, weil du mir meins geklaut hast.

Darf es noch etwas mehr sein? Bitteschön. Im Stück oder in Scheiben? Es wird ein Mord dokumentiert, den einer von Larrys Freunden verübt hat, konterkariert von Briefen an den lieblosen Vater, der ‚Künstler‘ nicht nur als Gesamtkunstwerk sondern auch als Gesamtopfer, der wenigstens daraus, dass er seine Biographie plündert, Kapital schlagen will. Mir kommen die depressiven Bloggermädchen in den Sinn, die ihre Krankheit zum Geld verdienen missbrauchen, und Larry hat es ihnen vorgemacht.

Mir reicht’s, ich gehe. Angewidert von soviel Egomanie und wütend auf das ‚C/O‘ verlasse ich diesen ungastlichen Ort. Was wird wohl als nächstes kommen? Werden irgendwann die ‚Snuff-Videos‘ aus den 90ger Jahren oder die Handyfiles von Vergewaltigungen zur Kunst erhoben, weil sie ja die Dysfunktionalität der Gesellschaft abbilden?

Sehr geehrte Damen und Herren des ‚C/O Berlin‘, das kann wirklich weg, das ist keine Kunst, sondern ein Alptraum.