DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. beim Halbfinale oder Mario Balotelli und der Rassismus

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie mit kollektivem Rassismus konfrontiert werden. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob er sich latent oder strukturell zeigt – das Ergebnis bleibt dasselbe.

Ja, sicher, es ist bitter für Fußballdeutschland, sich nun wieder das SchwarzRotGold aus dem Gesicht wischen zu müssen, die Flaggen von Autospiegeln und Fenstern zu holen, den Fanschal einzumotten.  WIR haben zum tristen Angstalltag im ungeliebten, unterbezahlten Job zurückzukehren, der mit der Aussicht auf das Fußballspiel am Abend erträglicher wurde. Keine Spiele mehr, nur noch trockenes Brot. WIR sind raus! WIR haben es nicht geschafft! WIR, die wir den Schlendrian da unten im Süden mit unseren, im Schweiße unseres Angesichts hart verdienten Steuergeldern alimentieren dürfen! WIR sind raus aus der Nummer, während die in Griechenland, Portugal, Spanien und Italien auf unsere Kosten die berühmte ruhige Kugel schieben. Und jetzt sollen die auch noch Europameister werden? Das kann, das darf einfach nicht sein. WIR sind immer noch WIR!

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Mario Balotelli reißt sich nach seinem Tor gegen die deutsche Nationalmannschaft im EM-Halbfinale sein Trikot vom Körper. Die Geste ist eine Befreiung, ein Statement, eine Provokation und ein Friedensangebot.

Wie ein Gladiator, der durch einen gewonnenen Kampf seine Freiheit gewinnt, der Stolz eines Sklaven: ihr könnt mich bluten lassen, ihr könnt mich beschimpfen, ihr könnt mich töten, aber ihr werdet niemals leugnen können, dass ich ein Mensch bin, so verletzlich, wie ihr alle es seid. Aber scheinbar niemand will diese Geste verstehen, vielleicht ist es ja mühsam und man müsste mal sein Gehirn einschalten und nicht in der Umkleidekabine liegenlassen.

Die Reaktionen auf Balotellis Aktion sind mühsam versteckter, aber überwiegend offener Rassismus. Haben nicht eben noch beide Kapitäne in ihrer Rede vor dem Spiel jede Art von Diskriminierung auf Grund von Hautfarbe, Herkunft, Religion und sexueller Präferenz geächtet und schon reicht das Tor eines farbigen, italienischen Spielers, entlarvende Myriaden von Ressentiments und Rassismus in die Welt zu kippen.

Die deutsche und italienische (Fußball-)Volksseele kocht, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven heraus. Beckmann darf Mario Balotelli im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ungestraft als „Straßenköter“ klassifizieren. Postings auf facebook manipulieren die Geste des Fußballspielers in Fotomontagen wahlweise als King Kong, Ballerina, als Bierkisten schleppenden Hirni, als einen großen Eimer voller Hähnchenschenkel fressenden Wilden, als Bauarbeiter mit Presslufthammer, als Zwilling von ‚Pittiplatsch‘ (eine Puppenfigur des DDR-Fernsehens, die immer noch nicht in Rente gegangen ist). Man liest entsprechende Kommentare („Das SCHRECKLICHE Ende von Jogis Spaßfußball“) und Entschuldigungen werden gleich hinterher geliefert („He, ein bisschen Spaß muss sein“). Jeder Hinweis auf Rassismus wird als verbiesterte Spaßbremsung gebrandmarkt oder soll mit dem schönen Satz „Ich zähl‘ ’ne Menge Farbiger und auch Schwule zu meinen Freunden“ relativiert werden. Es folgen Aufrufe zu Pizza- und Pastaboykott bis zur nächsten WM und dergleichen Schwachsinnigkeiten mehr. Selbst ausgesprochen und nachweislich intelligente Menschen lassen sich hinreißen, den tief schlummernden Ressentiments freien Lauf zu lassen und sind dann vielleicht doch nicht so intelligent und freigeistig, wie sie es von sich selbst immer behauptet haben.

In seinem Heimatland nimmt man das Herunterreißen des Nationaltrikots und damit der nummerierten italienischen Identität mehr als übel. Da hat man es schon immer gewusst, dieses ‚Subjekt‘ ist unberechenbar. Mario Balotelli zeigt dem Rassismus, der ihm auch zu Hause wuchtig sein ganzes Leben schon entgegenschlägt, den Stinkefinger. Er verweigert sich dem Freudentaumel, läuft nicht mit von Glückshormonen verzerrten Gesichtszügen über den Rasen, um sich von seinen Mannschaftskameraden kollektiv herzen und abknutschen zu lassen. Dieser unangepasste Mann taugt nicht als Werbeträger, ist nicht der nette, Millionen verdienende Fußballschwiegersohn von nebenan, zeigt nicht öffentlich die (Spielerfrauen-)Trophäe einer tele- und fotogenen, zu Fleisch gewordenen Barbie in den Klatschmagazinen herum – alldas geht ihm geflissentlich am Arsch vorbei. Solange man ihn auf die Hautfarbe reduziert und während eines Fußballspiels mit Bananen bewirft, liegen seine Prioritäten woanders. Und die Reaktionen, deutsche UND italienische, auf seine Geste geben ihm leider recht.

Seien wir ihm doch auch ein bisschen dankbar. Mario Balotelli hat uns einiges erspart, beispielsweise eine jubelnde Kanzlerin, die in medial gut verwertbarer Volksnähe und mit einstudiert aussehender Unbeholfenheit jubelnd die Arme in die Luft stößt – schlimmer als jede ’scripted reality‘. Oder die flachen, nur 0,1% der Hirnmasse benötigenden Kommentare der Spieler unserer Mannschaft mit dem Charisma von Kickerfiguren. Oder die Autocorsos in den Innenstädten.  Es gibt viele Gründe, Mario Balotelli dankbar zu sein, vor allem aber diesen, dass er uns mit seiner Geste die Hand entgegenstreckt, uns daran erinnert, dass auch durch den mühsam angelegten Wundverband eines Fußballfestes der Eiter eines dumpfen, von Bankern und Turbokapitalisten geschürten Rassismus‘ immer wieder durchschlägt, damit sie mit unserer Zukunft und der unserer Kinder im Weltcasino herumspielen können.