DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. als die Krise zu mir nach Hause kam.

von danielanderson1502

Plötzlich war sie da, ganz unangekündigt, keine Vorwarnung, sogar die Sonne schien noch dazu. Die Krise klingelte nicht mal an meiner Tür, sie erwischte mich, als ich gerade das Haus verlassen wollte.

In den vergangenen Monaten saß ich an meinem Schreibtisch, beschäftigte mich mit der Schöngeistigkeit des Schreibens von Lyrik und Erzählungen, trank guten Kaffee, traf endlich mal wieder Leute, die ich lange nicht gesehen hatte, kommunizierte rege per Mail mit Menschen, die ich nicht kannte, ging ins Kino, in Ausstellungen und genoss einfache die Zeit des Nichtangestellseins, um Dinge zu tun, die während der Jahre davor einfach zu kurz gekommen waren. Die Medien spuckten währenddessen immer neu Meldungen von allmählich zusammenbrechenden, europäischen Staatssystemen in die Welt, nur hier, in der Mitte von Berlin war davon so gut wie nichts zu spüren. In meiner Nachbarschaft entsteht gerade ein Neubau mit Eigentumswohnungen, deren astronomische Preise mir das Wasser in die Augen treiben. Trotzdem waren innerhalb kürzester Zeit alle Wohnungen verkauft. Nein, das Gespenst der Krise geisterte woanders herum.

Die Krise kam in der gebrochenen Gestalt meines Freundes Thomas zu Besuch. Thomas ist einer meiner ältesten Freunde, ein fast 1.90 Meter großer Mann mit Oberarmen so mächtig wie meine Oberschenkel, so jedenfalls war meine Erinnerung an ihn. Jetzt stand ein gebeugtes Wesen vor mir, dessen Strahlen nur noch eine blasse Erinnerung war. Obwohl wir uns oft Jahre nicht sahen, blieben wir doch in loser Verbindung – eine Postkarte, eine Mail, manchmal, sehr selten, ein Anruf. Thomas hatte nach dem brachialen Akt der sogenannten Wiedervereinigung seine Stelle als Elektroinstallateur gekündigt, seine Koffer gepackt und war ausgewandert. Er lebte mal in Schweden, dann in Österreich, wo er tatsächlich noch mal studierte, ging nach Spanien, nach Neuseeland, kam zurück nach Europa und entdeckte in Südfrankreich den Markt der Solarenergie. Er lernte die Spanierin Inez kennen, die als Gartenbauerin arbeitete. Die beiden heirateten in einer kleinen Kirche in Mireval und zogen zu ihrer Familie nach Andalusien in den kleinen Ort Molina. Sie zogen zusammen einen Laden auf, der Solarpaneele verkaufte, installierte und wartete. Das Startkapital bekamen sie als Kredit von der Banco Santander, als Sicherheit verpfändeten sie der Bank das Haus, in dem die Familie lebte. Das erste Jahr lief so gut, dass ein weiterer Monteur angestellt werden konnte und dann kam die Krise 2007.  Aufträge wurden reihenweise storniert, Rechnungen für angelieferte Paneele konnten nicht mehr bezahlt werden, die Raten für den Geschäftsgründungskredit fraßen das Ersparte auf. Der angestellte Monteur musste wieder entlassen werden. Die Autos wurden verkauft und der Erlös hielt das ganze Konstrukt noch ein paar Monate über Wasser, dann war Schluss, die Firma war zahlungsunfähig. Niemand besaß mehr ein Mobiltelefon in der Familie. Die Großmutter wurde krank, die Versicherungsgesellschaft weigerte sich die Kosten in voller Höhe zu übernehmen. Inez wurde schwanger und war so verzweifelt, dass sie heimlich abtrieb. Der Pfarrer des Ortes erteilte ihr sogar dazu die Absolution. Die Familie musste schließlich das Haus räumen, es steht bis heute leer, weil niemand mehr das Geld hat, ein Haus zu kaufen. Auch andere Häuser in der Siedlung verwaisten. Die Banken hatten die Hypotheken der meisten Häusern an andere Banken oder Investmentgesellschaften, mithin also an Heuschreckenschwärme verkauft. Die neuen Eigentümer der Hypotheken versuchten die Zinsbindungen zu kündigen, was ihnen auch oft gelang. Familien mussten ausziehen, neue Menschen zogen nicht mehr in den sterbenden Ort. Aber für die Hedgefonds und deren Portfolio spielte das keine Rolle.

Thomas, Inez und die ganze Familie zog in eine Mietwohnung mit drei Zimmern, sechs Menschen lebten nun von zwei Renten, der des Vaters von Inez und der des Großvaters. Thomas arbeitete schwarz in der Nachbarschaft, reparierte Computer, legte mal eine neue Leitung oder flickte den uralten Sicherungskasten. Bezahlt wurde er vorwiegend in Naturalien, kaum noch jemand hatte einen Euro übrig für Extraausgaben. Aber es reichte nicht, nicht hinten und nicht vorn. Nach und nach erhielt Thomas immer weniger Aufträge, was nichts damit zu tun hatte, dass er seine Arbeit nicht gut machte, nein, er war eben der „Aleman“ und die Deutschen waren sowieso schuld an dem Unglück, dass jetzt über ganz Spanien hereingebrochen war. Der Francofaschismus, der noch immer irgendwie in den Falten der spanischen Provinz nistete, kam langsam wieder zum Vorschein und mit ihm ein extremer Nationalismus. Selbst der einzige, noch übriggebliebene Kommunist im Ort, sprach kein Wort mehr mit der Familie. Gegen den Willen seiner Frau entschied sich Thomas, vorerst allein nach Deutschland zurückzugehen, um Geld zu verdienen und um die Familie nicht noch weiter innerhalb der Dorfgemeinschaft zu isolieren. Und ich war seine erste Anlaufstelle. Nur für ein oder zwei Nächte, dann wollte er weiter nach Bayern oder Baden-Württemberg, da sollte es gute Arbeit geben, hatte er gehört. Vielleicht auch bei Firmen, die hier in Berlin am Bau des neuen Flughafens beteiligt waren. Für Thomas hätte es also ein Glücksfall sein können, dass der Bau so in Verzug geraten war.

Wir saßen die ganze Nacht hindurch auf meiner Couch, tranken den Whiskey leer, den ich seit meinem Geburtstag nicht angerührt hatte, rauchten, als wäre es morgen verboten und schwelgten in Erinnerungen. Weißt Du noch? Kannst du dich noch daran noch erinnern? Wo war das gleich noch?

Aber wir saßen nicht allein, denn die Krise hatte es sich zwischen uns gemütlich gemacht und lächelte die ganze Zeit über. Irgendwann fielen Sätze wie: „Wäre die Welt eine Bank, wäre sie schon längst gerettet“, oder „Wie kann es sein, dass ein Fußballverein dem Staat Millionen Euro schuldet und diese Schulden einfach erlassen bekommt?“

Thomas war wütend auf Merkel, Schäuble, Baroso und Junker, die der ‚Schattenwirtschaft‘ der Banken solange und soviel freie Hand gelassen hatten. Er war wütend auf ein System, dass sich mit voller Absicht und bei absoluter Zurechnungsfähigkeit selbst auffraß: „Aber das System sind Menschen oder sind das Viren? Wie ging dieser Monolog aus ‚Matrix‘, den ‚Agent Smith‘ beim Verhör von ‚Morpheus‘ hält? ‚Ich habe festgestellt, dass die Menschen gar keine Säugetiere im eigentlichen Sinne sind. Jedes Säugetier lebt im Einklang mit der Umgebung. Es gibt nur eine Spezies, die ihre Lebensgrundlage zerstört. Das ist das Virus. Der Mensch ist das Virus dieses Planeten‘, na ja so ähnlich sagt er das, glaube ich. Vielleicht ist das aber tatsächlich auch nur der perfide Plan der Amerikaner, um Europa sturmreif zu schießen. Sie lassen einfach ihre Wirtschaft auch crashen, damit sie Europa übernehmen können.“

Unsere Diskussion um Verschwörungstheorien und die Bilderberg-Gruppe verliefen sich irgendwann in dieser Macht zwischen den Neigen unserer Whiskeygläser.

Thomas bekam tatsächlich zwei Wochen später, als er durch die Mühlen der deutschen Bürokratie mehrmals zerkleinert worden war wie ‚Max und Moritz‘, einen Job auf der Flughafenbaustelle. Er schickte die Hälfte seines ersten Verdienstes zu seiner Frau. Und so wollte er es machen, bis er sich hier tatsächlich auch eine kleine Wohnung anmieten konnte. Irgendwie war da für ihn Licht am Ende des Tunnels und er schien sich wieder zu der imposanten Erscheinung aufrichten zu können, die er einmal war. Er zog in eine Pension in Grünau, um näher an der Flughafenbaustelle zu sein und als feststand, dass Spanien im Finale der EM stehen würde, holte er Inez zu Besuch. Das Leben war wieder schön.

Ich sitze wie vorher an meinem Schreibtisch, das Radio spukt immer noch Krisenmeldungen in mein Zimmer, der Neubau nebenan macht täglich Fortschritte und Mahmut, mein Nachbar mit Migrationshintergrund, kommt ab und zu auf einen Kaffee vorbei. Alles scheint wie immer zu sein, aber die Leichtigkeit des Schreibens ist mir abhanden gekommen, seitdem Thomas hier war. Ich denke darüber nach, ob das gut oder schlecht ist und kann mich nicht entscheiden.