DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. beim Tränenvergießen über die Dummheit oder Das Coming-out des Jakob Augstein.

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Ihnen geballte Dummheit, die ja immer auch ein Stückchen Arroganz im Gepäck hat, entgegenschlägt. Manchmal ist es gut, darauf mit Schulterzucken zu reagieren.

Beispielsweise wenn ein Mitglied des Diplomatischen Corps, genauer gesagt, der Botschaft Chiles mit seinem Auto (amtliches Kennzeichen: „0 28-14“) genau vor dem Fenster parkt, minutenlang den Diesel älterer Bauart laufen lässt und auf die höflich vorgetragene Bitte, doch den Motor abzustellen, mit den Worten reagiert: „Such‘ dir doch eine andere Wohnung.“

Oder in einem Café („Mein Haus am See“, Berlin, Rosenthaler Platz), in dem ich der einzige Gast bin. Nach 15 Minuten hartnäckigen Ignorierens durch die, im Internet surfende Bedienung, wird meine vorsichtige Nachfrage, ob ich denn was bestellen könnte, mit der Bemerkung: „Du siehst doch, das ich zu tun habe“, abschlägig beschieden.

Oder bei einer Polizeikontrolle in München („Weltstadt mit Herz“, „In Bayern daheim, in der Welt zu Hause“). 2011 wurde ich innerhalb von drei Monaten vier Mal von derselben Streifenwagenbesatzung angehalten.

Mein Einverständnis zu einem Alkoholtest holte man stets in diesem tiefen, lustigen Dialekt ein („Sanns mit a Alkholkontrolln eiverstann“). Ich konnte beim ersten Mal nur an dem hingehaltenen Röhrchen erkennen, was man von mir wollte.Beim zweiten Mal wurde ich bereits mit dem Satz „Ah mei, Sie scho widder“ begrüßt. Alle Kontrollen gingen übrigens immer nach 23.00 Uhr in der Deisenhofenerstraße in Giesing von statten, wenn ich, nur noch nach einem Bett verlangend, nach 14 Stunden BAVARIA-Wahnsinn auf dem Heimweg war. Warndreieck und Warnweste mussten vorgewiesen werden, die Funktion der Blinker und des Bremslichtes wurden überprüft und tatsächlich wurde jedes Mal festgestellt, dass das Ablaufdatum des Verbandskastens noch längst nicht erreicht ist, da August 2014 noch in weiter Zukunft liegen müsse.Beim dritten Mal nannte ich den Beamten das Ablaufdatum des Verbandskastens von selbst, woraufhin mich gemütliche, nachsichtige Blicke trafen: „Jo, dös kahn ja a jeder soagn.“ Ja ja, die Berliner, die Saupreißn, die japanischen, denken, sie könnten einfach so hier in unserem schönen Bayern bei Nacht umanander fahren, wie es ihnen gerade passt. Als ich allerdings bei der vierten Kontrolle den Vorschlag machte, ob man mir nicht eine Zehnerkarte aushändigen könnte, die mir die halbstündige Befragung, woher ich käme und wohin ich wolle, ersparen könnte, da ich ja doch immer nur dieselben Antworten parat hatte, wurde man dann aber mal ungemütlich. Man zeigte mir die Instrumente wie weiland im Mittelalter, indem man mir mit einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung drohte.

Das alles sind Beispiele für rasante Dummheit, die man mit dem oben erwähnten Schulterzucken, mit einem Lächeln garniert, quittieren kann und sollte. Daneben existiert aber nachgerade eine Dummheit in der Welt, gegen die lächelndes Schulterzucken wahrlich nicht das geeignete Mittel ist. Da bedarf es schon schwereren Geräts.

So ein Fall begegnete mir in Gestalt von Jakob Augstein und seiner Kolumne in der Online-Ausgabe des SPIEGEL, die unter dem Titel: „Im Zweifel links“ firmiert*. Man erinnert sich sicherlich noch an den, euphemistisch ‚Gedicht‘ genannten Text unseres einzigen lebenden Literaturnobelpreisträgers Günter Grass. In „Was gesagt werden muss“ wird die These aufgestellt, dass die ‚Atommacht Israel‘ den Frieden in der Region und nachhaltig sogar in der ganzen Welt bedroht. Okay, okay, Leugnen ist zwecklos, spätestens seit dem Hollywoodblockbuster „Der Anschlag“ mit Ben Afflek und Morgan Freeman (OT: „The sum of all fears“, USA 2007, Buch: Paul Attanasio & Daniel Pyne; Regie: Phil Alden Robinson) weiß jeder auf der Welt Bescheid. Worüber man aber bis zu diesem Zeitpunkt weitestgehend im Unklaren gehalten wurde, war der strukturelle Antisemitismus unseres Dichterfürsten. Verändert sich die Genstruktur von Literatur schreibenden Männern mit zunehmendem Alter jenseits der 70? Bricht sich da, ähnlich wie beim Johannistrieb das Sexualgen, plötzlich das Antisemitismusgen machtvoll bahn? Es scheint fast so, den bei Martin Walser beobachtet man ja auch hin und wieder antisemitische Zuckungen. Schön, schön, es sind ältere Herrschaften und da kann es schon mal zu öffentlichkeitswirksamen Aussetzern im Oberstübchen kommen, vor allem, wenn, wie bei Grass, dann auch noch eine „Griechenland-Tirade“ nachgeschoben wird.

Um die explizite Dummheit Jakob Augsteins in ihrer ganzen Dimension zu begreifen, sollte man sich trotzdem noch einmal mit dem Text von Grass beschäftigen. Ohne jetzt tatsächlich Zeile für Zeile auseinander zu nehmen, was eine äußerst unerquickliche Beschäftigung wäre, muss man sich nur eines der stärksten antisemitischen Ressentiments, das unter dem ganzen Text liegt, ins Gedächtnis rufen. Es handelt sich dabei um die lange Tradition, Juden aus der Opferrolle hinaus und in die Täterrolle hinein zu katapultieren. Jahrhundertelang war das gängige Praxis – von den Pogromen im Mittelalter, die als ‚Vergeltung‘ dafür dienten, dass Juden vom Geldverleihen lebten, das ihnen nach dem Handwerksverbot als einzige Erwerbsquelle übriggeblieben war. Weiter bis zur Ausgrenzung und politischen Verfolgung, die damit begründet wurde, dass ‚der Jude‘ ohnehin nur seinen ‚Vorteil‘ sucht, beispielsweise die Dreyfuss-Affaire in Frankreich und schließlich die Dämonisierung als ‚Rasse‘, als eine ‚Schar von Raten‘, die an der ‚Krankheit der Welt‘ schuld ist („Der ewige Jude“, Deutschland 1940, Buch. Eberhard Taubert, Regie: Fritz Hippler). Da hilft nur Vergasen, Ungeziefer muss eben bekämpft werden, wenn es Schaden in die Welt bringt. Immer ist es die bewusste Umkehr von Ursache und Wirkung. Die Ghettoisierung im Mittelalter unter äußerst schlechten, hygienischen Bedingungen hatte zur Folge, das in den Judenghettos häufiger Infektionskrankheiten epidemischen Ausmaßes ausbrachen und schon waren die Juden die Täter. Die nationalsozialistische Parole, „Deutsche, wehrt Euch, kauft nicht beim Juden“, impliziert, dass der jüdische Ladeninhaber und das sogenannte „Weltjudentum“ (Hitler), eine Verschwörung planten, um alles andere zu bedrohen.

Nichts anderes macht Grass in seinem Text – er verkehrt Täter- und Opferrolle und das ‚legitimiert‘ sein ‚Gedicht‘, seine Geisteshaltung:

„Warum schweige ich, verschweige zu lange,


was offensichtlich ist und in Planspielen


geübt wurde, an deren Ende als Überlebende


wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
(Hervorheb.d.Verf.)

der das von einem Maulhelden unterjochte


und zum organisierten Jubel gelenkte


iranische Volk auslöschen könnte,


weil in dessen Machtbereich der Bau


einer Atombombe vermutet wird.“

Stellt man dazu den Text des Maulhelden Hitler, mit dem er den Angriffskrieg UND die Shoa agitatorisch einleitete, so ergeben sich erstaunliche, kontextalische Parallelen: „Wenn es dem internationalen Finanzjudentum inner- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa!“

Um eins klarzustellen – Grass ist mit Sicherheit kein Wiedergänger Hitlers, nur das verfluchte Antisemitismusgen gepaart mit nachlassendem, öffentlichem Interesse machen einem verkalkenden Gehirn zu schaffen, das in der Folge eben zu Dummheit tendiert.

Diese Entschuldigungen für seine Dummheit hat Jakob Augstein nicht. Er steht in der sogenannten ‚Mitte des Lebens‘, erfolgreicher Herausgeber, Kolumnist mit geschliffenen Formulierungen und medienpräsenter als die meisten seiner Kollegen.  Warum, zum Geier, plappert er den Schwachsinn nach, dass Israel den Weltfrieden bedrohe, weil es Atommacht sei? Augstein bemüht dasselbe antisemitische Klischee, dieselbe Verkehrung der Opfer/Täterrolle, wie sie schon seit Jahrhunderten bemüht wird. Wo hat er sich das nur abgeschaut – bei den Nationalsozialisten, bei den Katholiken des Mittelalters?

Es ist keine Frage, ob man die israelische Regierung kritisieren darf oder nicht, natürlich darf man, natürlich soll man das unbedingt. Es gibt in der Demokratie Israels genug zu kritisieren, wie eben auch in jeder anderen Demokratie der Welt, keine Frage. Und die berechtigte Kritik hätte nichts mit Antisemitismus zu tun, solange sie sich eben nicht auf das Klischee beruft. Ich stehe dem bedingungslosen ‚Philoisraelismus‘ äußerst skeptisch gegenüber, weil er als ideologischen Reflex eigentlich immer das Gegenteil zur Folge hat.

Faktisch wird Israel seit der Staatsgründung 1948 als parlamentarische Demokratie mit Vernichtung gedroht, Nasser (1918 – 1970, ägyptischer Despot) beispielsweise wollte „die Juden zurück ins Meer treiben.“

Auf diese ständige Bedrohung, hat Israel irgendwann reagiert und diese Reaktion bewusst unklar gehalten. Niemand konnte offiziell wissen, ob Israel ’nukleares Potential‘ besitzt, aber nur die Möglichkeit, dass es so sein könnte, verehrter Jakob Augstein, hat bis jetzt das Überleben Israels gesichert. Die Abschreckung funktioniert bis heute, dem Allmächtigen sei Dank. Wenn die israelischen Regierungen seit 1970 einen Atomkrieg hätten führen wollen, warum haben sie es dann nicht schon längst getan und dem Spuk im Iran oder Syrien oder im Libanon ein Ende bereitet?

Ich wünschte, Chamberlain hätte 1938 der Rotzbremse mal eine rutergehauen, anstatt vor ihm einzuknicken und Hitler die Besetzung des Sudentenlandes zu gestatten und ihn somit in seinen Allmachtsphantasien bestätigt.

Ich wünschte, die deutschen Juden hätten 1933 gemeinsam mit Sozialdemokraten und Kommunisten einen Bürgerkrieg in Deutschland vom Zaun gebrochen, anstatt sich wie Vieh zur Schlachtbank treiben zu lassen.

Ich wünschte, lieber Herr Augstein, die Weltgemeinschaft würde Adolf Achmadineschad, der den ‚Schandfleck‘ Israel ‚von der Landkarte tilgen‘ will, konsequent seine Grenzen zeigen. Denn dann müssten Sie im Gefolge von Günter Grass nicht solche antisemitischen Dummheiten verzapfen. Nicht Israel ist hier der Dämon, den es zu bannen gilt, denn die Frage wäre, wie Mahmut „Napoleonsyndrom“ Achmadineschad diese ‚Tilgung‘ zustande bringen will, aber das nur mal so am Rande.

Wahrscheinlich war Ihnen das aber noch nicht dumm genug, denn Sie entblöden sich nicht, sich in ihrem Text unterschwellig als gewitzter Verschwörungstheoretiker zu versuchen: „Israel spielt mit Iran eine Pokerpartie, bei der beide gewinnen, solange es nicht zum Krieg kommt.“

Ach so, klar, ein schöner Satz aus dem Handbuch „Wie mache ich mich mit wenigen Worten möglichst schnell lächerlich und oute mich als Antisemit.“ Denn jetzt hat es sicherlich auch der letzte, dumpfe Stammtischbruder verstanden – Israel und Iran sitzen friedlich an einem Tisch und pokern ein bisschen um den Weltfrieden. Die da unten sind doch alle gleich, was? Und wer darf die Zeche wieder bezahlen? Wir natürlich, die Deutschen, die einfach mal so ein paar U-Boote verschenken.

Daraus belieben Sie zu folgern, dass man jetzt auch mal ‚Druck auf Israel ausüben‘ müsse, denn gegen den Iran seien ja ’schon eine Reihe von Maßnahmen ergriffen‘ worden. Tja, haben nur leider nichts genutzt, Herr Augstein, zu dumm aber auch. Okay, dann machen wir es eben anders und dreschen ein bisschen auf die israelische Demokratie ein, die ist nämlich leichter zu treffen als die iranische Diktatur, oder wie hat man sich das vorzustellen? Verhaftet die Leiche, denn der Mörder weigert sich zu gestehen?

Man könnte wahrlich Tränen vergießen über soviel Dummheit.

 

*http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-guenter-grass-israel-gedicht-a-826163.html