DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. Freunde, die keine sind und nie welche sein wollten.

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber Freundschaften sind ja für jeden irgendwie wichtig. Menschen ohne Freunde werden auf Dauer wunderlich, wie ich finde. Sie neigen zu seltsamen Angewohnheiten, wie beispielsweise an der Supermarktkasse mit ihrem Portmonaie zu sprechen, zu Tieren freundlicher als zu Kindern zu sein oder sich stundenlang mit dem Zusammenpressen des Mülls in der Tonne zu beschäftigen und dabei über die Nachbarn zu meckern, kurz – Menschen ohne Freunde sind Misanthropen. In Zeiten von facebook, Blogs, VZ & Co. haben Misanthropen das neue Hobby des ‚Trollens‘ für sich erschlossen, wie schon so viele, die sich in den sogenannten sozialen Netzwerken herumtreiben, leidvoll erfahren mussten. Da wird gemobbt, bis zum ‚Geht-nicht-mehr‘ und lustig drauflos gestalkt, dass es nur so eine Art hat. Da fliegen die virtuellen Fetzen bis zum K.O. durch copy & paste. ‚Trolle‘ benötigen bestimmt professionelle Hilfe, aber das nur am Rande bemerkt.

Man ist versucht, diese Menschen nur halbso intensiv zu bedauern, wie Leute mit falschen Freunden. Jeder kennt sie, die ‚falschen Freunde‘, jeder hat mindestens einen ‚falschen Fuffziger‘ (Oma Anna) auf seinem Freundeskonto. Es gibt Sprichwörter und Bauernweisheiten dazu („Falsche Freunde gleichen unseren Schatten: Sie halten sich dicht hinter uns, solange wir in der Sonne gehen, verlassen uns aber sofort, wenn wir ins Dunkel geraten“), Romane, Märchen, Sagen, Lyrik, Stücke, Filme, Serien und Dayly-Soaps haben ‚falsche Freunde‘ thematisiert – eigentlich müssten wir alle, zumindest die älteren Semester, doch schon so unendlich klug und unsere kleine Welt nur noch von ‚echten Freunden‘ bevölkert sein. Weit gefehlt, kann man nur sagen, sehr weit. Uns steht noch immer und überall zunächst unsere eigene Eitelkeit und gesellschaftlicher Erwartungsdruck im Weg. Wer viele Freunde hat, oder sie so nennt, gilt als erfolgreich und begehrenswert, man fragt nicht nach der Intensität einer Bekanntschaft, die Tatsache, dass man jemanden als Freund nach einer durchzechten Nacht bezeichnet, reicht schon aus. In einer Zeit, in der der Wert von Familie oder Liebesbeziehungen sich als Konstante im freien Fall befinden wie die facebook-Aktie an der ‚Wall Street‘, scheint ‚Freundschaft‘ eine gute Anlage zu sein, eine gute Rückversicherung, falls man in existentielle Not gerät. Denn, Freundschaft soll uns das garantieren, was anderes eben genau nicht mehr zu garantieren in der Lage ist – Beständigkeit.

Aber ‚Freundschaften‘ werden immer weiter zu ‚Seilschaften‘ degradiert, Solidarität – eine Haltung, die die vermurkste Durchführung der sozialen Idee des Kommunismus im letzten Jahrtausend scheinbar gründlich diskreditiert hat – ist so rar geworden wie eine Kneipe in Bayern, in der man rauchen kann. Freundschaft ohne Gegenleistung, der tradierte, aber nur noch in einigen Kirchen dieser Welt ausgesprochene Begriff dafür ist Selbstlosigkeit, die schnell als Dummheit wahrgenommen wird. Im Gegenzug gilt der als clever, der möglichst viele in seiner Umgebung für seine Ziele zu benutzen versteht. Und wir sind oft tatsächlich dumm genug versucht zu sein, durch die besondere, vorgegaukelte Nähe etwas von dieser Cleverness auf uns selbst abstrahlen zu lassen.

Wir sind, dieses gesellschaftlichen Drucks wegen, nur allzu gern bereit, die ‚falschen Freunde‘, die mit uns lediglich ihr Ego füttern, in dem erlauchten Kreis unserer Freunde zu halten. Letztendlich ist es natürlich schwierig, sich einzugestehen, dass man sich geirrt hat. Die Übergriffigkeit dieser Menschen wollen wir nur allzu gern als Interesse oder Humor verstehen („Genug von mir geredet! Wie findest Du eigentlich meine neuesten Fotos?“), ihre leeren Geldbörsen rufen unser ungeteiltes Mitleid hervor („Meine EC-Karte wurde jetzt schon das dritte Mal geklaut, kannst du das mal übernehmen heute?“), die Tatsache, dass sie nie Zeit haben, falls man sie braucht, entschuldigen wir großzügig („Der/Die arme XY kommt einfach nicht zur Ruhe.“). Bei Lichte besehen sind das Menschen, die keine Freunde brauchen, sondern sich mit Fans umgeben wollen.

Manche von uns starten mehr oder weniger hilflose Versuche, sich von ‚falschen‘, in diesem Fall ‚unbekannten‘ Freunden endgültig zu trennen. Und nur allzu oft laufen diese Versuche ins Leere. Meine intellektuelle Freundin M. rief neulich auf facebook die ‚Freunde‘ in ihrer Liste, denen sie noch nicht real begegnet ist, dazu auf, sich von ihr zu ‚entfreunden‘ – das Ergebnis dieser Aktion steht noch aus, aber man kann darauf gespannt sein.

Und dann sind da noch die „Vampire“, zu denen im Vergleich alle anderen Mitglieder der Gattung ‚falsche Freunde‘ höchstens drollig wirken. ‚Vampire‘ lassen uns wirklich ausgesaugt zurück, wie bei Bram Stoker, wenn sie bekommen haben, was sie wollen.

Vor ein paar Jahren lernte ich einen, wie ich fand, begabten Mann kennen, nennen wir ihn der Einfachheit halber „O.“, aber jeder andere Buchstabe des Alphabets wäre auch passend. Er hatte schon einige Zeit in seinem Beruf eher weniger als mehr erfolgreich gearbeitet und war jetzt auf der Suche nach Veränderung. Seine hehren Motive wusste er sehr glaubhaft darzulegen, ein Leben für die „Kunst der Unterhaltung“, „etwas schaffen, was noch kein anderer zuvor geschaffen hatte“ und „aus dem Nichts etwas bauen, das ist es, was ich will“.

Die Offensivität, mit der er nach dieser Veränderung strebte, war imponierend, man könnte sie auch imposant nennen. Er schien vor Ideen zu sprühen und er hatte die wirklich faszinierende Gabe, Menschen diese Ideen so zu verkaufen, dass sie das Gefühl hatten, sie wären von selbst darauf gekommen. Seine Begabung zeigte sich aber nicht nur in der Zielstrebigkeit, mit der er seine Pläne verfolgte, sondern auch in dem geschickten, zugegeben und, im Nachhinein betrachtet, oft auch peinlichem Gespinst aus Schmeicheleien und Halbwahrheiten, gepaart mit dem ständig eingeforderten Bonus, den er aufgrund seiner nichtdeutschen Herkunft beanspruchte.

(Und tatsächlich sollte die Entwicklung „O.“ Recht geben: südländische oder Herkünfte jenseits des Urals, gerne auch Elternteile aus Asien oder schlimme Kindheiten auf dem Balkan, eine nichtchristliche Religionszugehörigkeit, gepaart mit einer durchlaufenen Karriere als Friedhofswärter, Pathologieassistent, Güllefahrer, Drogenkonsument, Bandenmitglied oder Sektenaussteiger, sind die besten Voraussetzungen entsprechende Fördergremien zu interessieren.)

„O.“ hatte jedenfalls den Bogen raus. Nach ein paar Wochen, in denen er mich begleitete und ich ihm damit einen Crashkurs verpasste, nannte er mich „Freund“, nach ein paar Monaten „Bruder“. Das klang in meinen Ohren nach Pathos und reichlich übertrieben, aber ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, das hätte nichts mit mir gemacht. Nein, ich hatte vielmehr das Gefühl, einem, dem es bis jetzt nur an Gelegenheit gemangelt hatte, eine wirkliche Chance zu verschaffen.

„O.“ lernte schnell und effektiv, ließ sich am Küchentisch in die Geheimnisse des Berufs einweihen, während wir das von seiner Frau zubereitete Essen aßen. Ich nahm ihn mit in die Produktionen, die mich engagierten, ließ ihn seine ersten Schritte machen, bewahrte ihn vor Irrwegen und gab ihm die Credits. In meiner ‚one-man-production‘ realisierte er seinen ersten eigenen Film.

Seit diesem ersten, eigenen Flügelschlag, den er machen konnte, um das Nest zu verlassen, erinnerte er sich nicht mal mehr an meinen Namen, deklarierte uns zu Konkurrenten und verbarrikadierte die Türen, die ich ihm zuvor geöffnet hatte. Er verweigerte von da an jede Kommunikation. Heute wechselt er die Straßenseite, wenn wir uns zufällig begegnen und, wie ich inzwischen weiß, verhindert er bei seinen neuen Freunden an den entsprechenden Stellen, dass ich engagiert werden könnte. Bei einer Preisverleihung, zu der wir beide eingeladen waren, hörte ich ihn zu einem Produzenten sagen: „Der Trottel muss hier irgendwo sein, der mich zum Regisseur durchgeschleift hat, ich hab ihn schon gesehen.“ Als ich mich umdrehte und keine zwei Meter von ihm entfernt in die Augen sah, hatte er es furchtbar eilig ans kalte Buffet zu kommen.

Ich bin selbstredend versucht, mein Handeln ebenfalls als ‚Trotteligkeit‘ zu titulieren, vielleicht fallen Ihnen auch noch ein paar schöne andere Verbalinjurien ein, die ich noch nicht kenne. Schreiben Sie sie auf und schicken Sie sie mir gerne zu und ich verspreche, Ihren Namen nicht zu vergessen.