DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. beim „HOCH LEBEN LASSEN“ in der DDR

von danielanderson1502

Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren die sogenannten ‚Heimcomputer‘ noch monströse Ungetüme. Niemand wusste so recht, was man eigentlich damit anfangen sollte, außer dem Zeitvertreib, ‚Telespiele‘ zu spielen, nachzugehen. Da mir die Tätigkeit ‚die Zeit zu vertreiben‘ – warum sollte man Zeit auch noch vertreiben, wenn man ohnehin zu wenig davon hat – schon immer widersinnig erschien, machte ich mich irgendwann daran, Texte, die ich noch auf meiner „ERIKA“ (Reiseschreibmaschine aus dem VEB Robotron Dresden) geschrieben hatte, abzuschreiben und sie auf Disketten zu archivieren. Beim letzten Umzug fand ich im Keller eine Kiste mit solchen Disketten – inzwischen eine fast ausgestorbene Spezies elektronischer Speichermedien ähnlich den Musikkassetten, die man früher unter anderem dazu benutzte, dem / der Geliebten ein Mixtape zu erstellen, aber darüber beim nächsten Mal.

Da mein jetziges Computermodell kein Diskettenlaufwerk mehr hat, erstand ich bei einem einschlägigen Online-Handel ein derartiges Gerät. Nach dem ermüdenden Prozess des Suchens nach einem entsprechenden Konvertierungsprogramm konnten endlich die alten Texte auf dem Glossy-Screen meines Laptops neu erstrahlen. Drolligerweise fand das in der Nähe des Gedenktages zum Anschluss der ostdeutschen Gauen an das Restgebiet des großdeutschen Reiches statt, den man alljährlich seit 23 Jahren am 3. Oktober begeht und den man euphemistisch als ‚Tag der deutschen Einheit‘ tituliert.

Ich fand Worte, die ich längst vergessen hatte, Gedanken, die ich so heute nicht mehr denken könnte und Schnippsel angefangener und nie beendeter Texte, bei denen ich manchmal nicht mehr wusste, was mich dazu getrieben hat. Die Zeitreise, auf die ich mich begeben hatte, führte mich in eine fremde, wirklich fast vergessene Welt aus Ideologie, Agitation und sozialistisch-realistischer Propaganda und meiner still lauten, verborgen offenen Kritik daran.

Ich las zwei Märchen und eine Bearbeitung der „Antigone“ (die sogar aufgeführt wurde), eine Kurzgeschichte über drei Tage im Leben von James Joyce, die er im Fieber in Paris verbringt und mehrere Filmexposés. Ich entdeckte ein Drama mit dem Titel „Brücken und Gitter“, bei dem ich sogar mehrere Mal laut lachen musste:

Karl kommt mit dem Rollstuhl an die Rampe.

KARL

Ich bin Karl Betge. Ich bin vierundachtzig. Seit vier Jahren sitze ich in diesem Ding. Ich muß nicht, aber ich will, mein Herz wird so noch ein bißchen länger. Ich hab keine Lust, mein Geld den Armleuchtern, ich will’s selber noch.

Ja, also wie war das an diesem Abend. Ich kann mich nicht mehr so recht erinnern. Alle denken, ich bin senil. Aber ich weiß, dass ich es nicht bin, basta, so ist das. Ich kann mich an Dinge erinnern, die passiert sind, als noch keiner von denen auf der Welt. Bei den Alten ist das eben so. Kein Wunder. Alles geht immer schneller in dieser Welt von Armleuchtern.

 Ja, also, wie war das an diesem Abend. Es waren entsetzlich viele Leute da, zu viele Leute. Ich kann so viele Leute auf einem Haufen einfach nicht mehr. Wenn sie im Altenheim, es heißt ja neuerdings `Ruhesitz`, ha, dass ich nicht lache, `Ruhesitz`, hat da noch wer gelacht, ja, `Ruhesitz`, könnte auch ein vornehmer Ausdruck für ein  Scheiß-haus sein. Also, wenn sie im `Ruhesitz` Feste machen, bin ich den ganzen Tag unausstehlich – zu viele Leute und diese widerliche Musik: `Heute haun wir auf die Pauke`, ja, auf welche denn, verdammt noch mal, auf welche? Irgendwann sind dann alle besoffen und es gibt massenhaft Ausfälle, alle Scheißhäuser sind besetzt, aber nichts vonwegen `Ruhesitz` mehr, weil das große Kotzen. Die Leute können sich einfach nicht beherrschen. Am nächsten Tag kann ich dann fast allein beim Frühstück. Das sind die besten Minuten.

Ja, also, wie war das an diesem Abend. Natürlich, ich bin irgendwann eingeschlafen und als ich wieder aufwachte, war das Geburtstagsfest schon in vollem Gange. Ich hatte Hunger. Das Buffet war gut, sehr gut. Dann hab ich mich mit Günther, na, wie weiter, egal, mit dem hab ich mich unterhalten. Der macht’s richtig, bleibt Zuhause, läßt seine Frau arbeiten und bringt ihr Geld unter die Leute. Würde ich zwar nie zulassen, dass meine Frau arbeiten geht, aber, meine Güte, heute, na ja, Peters, Günther Peters, so hat er geheißen. Also mit dem hab ich mich unterhalten, ist ein patenter Bursche für sein Alter. Hat gesagt, dass er oft tagelang mit sich selbst Schach spielt, großartig. Und dann haben Michelle und mein Sohn ihre Geschenke ausgepackt. Dabei ist`s dann passiert. Thomas hat dann Isa geschlagen, und er hat geheult, vor allen. Schwächling, schwach und feige. Dann haben mich diese Verrückten in die Küche und ich hab mir noch ein Bier. Irgendwann waren dann alle dort, aber keiner von der Familie. Plötzlich nahm mich jemand und trug mich in den Garten, irgendwie bin ich noch mal eingeschlafen. Jedenfalls brannte die Bude lichterloh. Ich hätte platzen können vor Wut, das schöne Haus, ich hab das nach dem Krieg allein mit meinen Händen…, aber das langweilt Sie sicher.

Tja, mehr weiß ich schon gar nicht, was soll ich noch weiter erzählen. Natürlich hab` ich mit dem Bürgermeister, hab` da was geliefert, da was genommen, na und? Aber haben denn das nicht alle irgendwie versucht? Na also. Und das der Hasselmann bei der Stasi, wußte doch jeder, und wenn es schon jeder weiß, was ist denn das noch für ein Geheimnis, so war das. Und als der mich gefragt hat, ob ich für die Stasi Antiquitäten in den Westen schaffe mit meiner Firma, hab` ich Ja gesagt. Warum auch nicht? Wenn ich`s nicht gemacht hätte, dann eben irgend jemand anderes, war doch ein gutes Geschäft. Hat mich auch nie weiter interessiert das alles, warum auch, bin immer gut mit allen zurecht, hatte keine Probleme, stimmt. Was machen sie jetzt für ein Schmuß um das, meine Güte, hätten sie mal damals machen sollen nach den Nazis, wäre manches anders, aber in Wirklichkeit hat das doch so richtig keinen interessiert, hier nicht und drüben auch nicht.

Und heute, hä, genau so, glauben alle, in den Akten steht die Wahrheit, die sind doch so dämlich, müßte eigentlich weh tun, so dämlich sind die. So blöd, die beißen die Schweine. Gab bestimmt auch anständige, ganz bestimmt sogar. Kenn selber welche, anständige, mein ich. Aber so viele haben sich den nächsten Pickel auf der Schulter doch erschrieben, hier mal ’n Verdacht, da mal ’n Gerücht und ein schöner Bericht und fertig war die Beförderung, so war das und basta. Meine Schwiegertochter, tut mir leid um sie, irgendwie hat sie die Familie zusammengehalten, wie Frauen das so können. Männer sind dazu außerstande.  Männer sind schwächer und feiger als Frauen, so ist das. Männer sind nur in einer Horde von Männern stark.

Ich war so lange glücklich mit Paula, davon lebe ich, hier oben ist jeder Tag drin, jeder Tag mit ihr. Meine Güte, ist doch scheißegal, ob sie nun Jüdin war oder nicht. Ihre Eltern waren deutscher als wir alle zusammen, waren stolz darauf. Ihr Vater hatte das EK1 vor Ypern im ersten Weltkrieg, und: stolz war er darauf, so war das. Neunzehnfünfunddreißig hab` ich ihnen falsche Papiere. Soll mir doch heute keiner erzählen, das wäre nicht gegangen, ging alles, Scheiße nochmal! Paula wollte sie immer noch mal besuchen in Israel, die Kommunisten hätten sie auch gelassen, nur mich nicht, obwohl ich für die die Fuhren gemacht habe, verstehen Sie, ohne mich wollte Paula nicht, so war das. Als sie gestorben ist, hab` ich alle Bilder von ihr verbrannt.

Wie kann die Isa sowas machen? Tut mir wirklich leid, die Isa. Jetzt wird mich wohl niemand mehr besuchen. Thomas war es schon immer zuviel, obwohl er seit Paula tot ist, jedes Jahr mit mir Urlaub gemacht hat. War immer schön, wenn ich mit ihm weggefahren bin. Letztes Jahr waren wir in Israel. Lauter Verrückte da unten, alle miteinander, egal ob sie nun Araber oder Juden sind. Und dreckig und eine Hitze, Hilfe, manche Tage hab` ich nur mit der Klimaanlage. Meine Herren!  Bin durchs ganze Land gefahren, viel gesehen, aber niemand mehr gefunden, alles umsonst, keiner mehr da, alle weg, als wenn sie nie dagewesen wären, wie ausgelöscht, einfach weg, keine Spur.  Aber Thomas kann den Geruch im Heim nicht ertragen, eben zu schwach der Mann. Stinkt aber auch manchmal wie die Pest. An manchen Tagen, wenn wieder einer `heimgegangen`…was sagt man dazu – `heimgegangen`, `Ruhesitz` – naja, an diesen Tagen ist besonders schlimm, der Gestank, riecht nach Eingeseechtem und Desinfekt, hilft auch kein offenes Fenster, kannste lüften, biste schwarz, oder erfroren, oder beides.

Wenn ich mich so umsehe, nur Verlierer. Ist das nicht wirklich komisch? Dabei wollen doch alle Sieger, immer wollen alle Sieger. Als Sieger hast du alles und alle wollen alles von dir haben. Und hast du nichts, wenn du alles verloren hast, kann auch keiner was von dir wollen, so ist das, genau so und nicht anders, oder? Hast nur noch dich selbst. Aber wer will das schon: jemanden, der nur noch sich selbst hat? Na also, sehen Sie. Wie aberwitzig. Nehmen Sie’s nicht so, wie ich das hier sage, nur so’n bißchen Philosphie für den Hausgebrauch, wenn Sie wissen, was ich meine.Ach, leckt mich doch am Arsch. Armleuchter, alle miteinander.

Und ich fand eine Unmenge politischer Gedichte, die ich vergessen hatte, aber beim (Wieder-)lesen konnte ich mich sogar plötzlich daran erinnern, wie es in meinem kleinen Internatszimmer an der Filmhochschule gerochen hat – nach altem Rotwein, KARO (schlimme, filterlose Zigaretten, von denen man behauptete, es wäre gar kein Tabak drin sondern alte, kleingehäckselte Gardinen aus den Besprechungszimmern des Parteiapparates) und nach Kohlenstaub.

 

HOCH LEBEN LASSEN

 Am Mast die rote Fahne

nicht stolz

nicht kühn

nicht aufgebläht

darunter grau

und nass

und blass

kein Mensch

verflixt und zugenäht.

 

So lassen sie das Leben

immer noch hochleben –

das Hochlebenlassen

ist das Verlassen

von gesunden Menschenverständen.

 

In allen Verbänden –

der Jugend

der Lokführer

der Frauen

der Bauern

der Musiker

der Schreiber

der Künstler –

bluten die Wunden noch

nach dem Verbinden

oder finden

darunter nur doch

Juckattaken statt?

 

Menschenwillen versetzt Berge

auch die der Zwerge.

 

Die Zeit der Hochlebe

und des Bergeversetzens

(vielleicht schafft man es ja mit Häusern)

wird vergehen

während wir die Zeit

mit ihnen vergähnen.

(1982)

 

Und dann fiel mir mal wieder ein, dass sich die Zeiten geändert haben sollten. Aber haben sie das wirklich getan oder sitzen wir einem Etikettenschwindel auf, den sich die Weltregierung aus viralen Bankern und wildgewordenen Heuschrecken ausgedacht hat? Macht es einen prinzipiellen Unterschied, ob man von der Kleinbürgerideologie spießiger Kommunistenideologen dominiert wird oder der Ideologie des Geldes?