DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. Dirk Bach, kreuz.net und die Schatten der Freiheit

von danielanderson1502

Man soll über Verstorbene nichts nachteiliges sagen, ich weiß und ich bitte schon mal jetzt um Entschuldigung, denn der nachfolgende Absatz ist anmaßend und ungerecht – Geschmacksurteil eben.

Ich habe in Dirk Bach nie den ’scharfzüngigen Entertainer‘ entdecken können, als der er in den zahlreichen Nekrologen so hymnisch besungen wird. Ich fand ihn definitiv nicht lustig – nicht auf der Bühne und nicht vor der Kamera. Das SAT1-Format „Frei Schnauze…“ oder die in den 90ziger Jahren produzierte „Dirk-Bach-Show“ waren für mich öde Gähner. Sein schauspielerisches Talent wirkte auf mich mehr wie Nachahmung auf Bauerntheaterniveau, voll von falschem Pathos, triefiger Sentimentalität und unförmiger Verstellung. Die Knödelei seiner Stimme empfand ich auch bei seinen einigermaßen ernsten Theaterauftritten und in den Hörbuch- und Animationsfilmproduktionen nur schwer erträglich. Ich habe den Hype um seine Person nie verstanden. Nichtsdestotrotz, er hat bei vielen Millionen das Komikzentrum auf die 12 getroffen, er konnte Menschen rühren und war in der Lage, die RTL-Marktschreierei so hintergründig zu ironisieren, dass der Sender ihn für die C-Promi-Verwurstungssendung „Ich bin ein Star….“ immer wieder engagierte oder eben gerade deshalb.

ABER, Dirk Bach war mutig, er war eine starke Persönlichkeit, die in ihrem Denken und Handeln nicht im Geringsten in den Verdacht kam, politisch opportunistisch zu sein. Sein Engagement für PETA und AMNESTY INTERNATIONAL, seine Patenschaft beim DEUTSCHEN KINDERPREIS, sein Einsatz gegen HIV und AIDS – alldas ist nicht hoch genug zu schätzen. Denn viele andere sogenannte Promis interessieren sich einen Scheißdreck für die Gesellschaft, in der und von der sie leben. Dirk Bach hat für sein Verantwortungs- und Mitgefühl, das er zeigte und für seine Selbstlosigkeit allergrößte Hochachtung verdient. Dirk Bach war bei aller Rumblödelei ein ernsthafter Mensch, kollegial, diszipliniert, ohne Neid und ohne Arg. Er hatte das, was man einen offenen Geist nennt. Ja, die Szene hat ein Original verloren.

Was nach Dirk Bachs tragischem Tod auf der katholisch-fundamentalistischen Plattform kreuz.net an verleumderischer Gülle im Stil eines an den „Stürmer“ erinnernden Gonzo-Journalismus über ihm ausgekippt wurde, ist widerlich – man könnte Kotzen vor lauter Widerwärtigkeit. Da wird Bach wegen seiner sexuellen Präferenz als „Kotstecher“ und „homo-gestört“ tituliert. Man denunziert ihn als „Kinderhasser“, der jetzt in der „ewigen Homo-Hölle brennt.“

Der Betreiber des faschistoiden Internetauftritts ist eine „Sodalicium for ‚Religion and Information’“ (Kameradschaft für Religion und Information), wer dahinter steckt, ist bis jetzt unbekannt – im Impressum der Seite ist eine Adresse in den USA angegeben.

Für mich hört die Freiheit genau hier auf, wenn sich katholisch getarnter Faschismus so breit machen kann. Dass sich dieses von Hass, Rassismus, Antisemitismus und völkischem Wahn durchsetzte Gedankengut tatsächlich so breit machen kann und millionenfache Klick-Unterstützung bekommt, verlängert bedrohlich die Schatten der  (Meinungs-) Freiheit. Immer noch (oder schon wieder) nistet Faschismus in vielen kleinen Poren unserer Gesellschaft. Hier brennen schon wieder Menschen, wenn auch nur virtuell – der Schritt zu realer Lebensbedrohung ist nicht besonders groß, wie das, über die letzten zehn Jahre  betriebene Unwesen des ‚NSU‘ nur überdeutlich gezeigt hat.

Dirk Bach war wegen seiner Exposition ein willkommenes Opfer für die Eiferer von kreuz.net. Seine Zivilcourage wird uns fehlen. Hoffentlich schließen möglichst viele diese Lücke bald.

Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert

Und handelt, statt zu reden noch und noch.

So was hätt einmal fast die Welt regiert!

Die Völker wurden seiner Herr, jedoch

Daß keiner uns zu früh da triumphiert –

Der Schoß ist frucht bar noch, aus dem das kroch!

(Bertold Brecht: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, ‚werkausgabe edition suhrkamp‘, Frankfurt am Main 1975)