DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. SCHLECHTER SEX in Senftenberg

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie schlechten Sex erleben dürfen. Mir ist dabei eher selten nach Lachen zumute. Hin und wieder gibt es aber Ausnahmen von der Regel. So auch neulich in Senftenberg, wo an der NEUEN BÜHNE der Intendant Sewan Latchinian die gleichnamigen Monologe von Mia Ming in Szene setzte. Die Texte mögen polarisieren, aber sie sind ganz gewiss nicht die Suche nach „Filzläusen in der Unterschichtswäsche“, wie sie von Wiebke Lorenz auf der Online-Ausgabe des STERN denunziert werden.

Auf der Studiobühne des Hauses, die durch eine Art Catwalk die Zuschauer nach Geschlechtern teilt, erscheinen namenlose Charaktere, in denen sich jeder Zuschauer in der ein oder anderen Art und Weise wiederfinden muss. Die kleinen Stücke tragen Namen wie „Die Tüte“, „Das Treppenhaus“, „Die Anleitung“ oder „Der Arbeitsunfall“. Manche der Geschichten gelten bereits als ‚urbane Legenden‘ (oder existierten schon davor und sind in den Texten verarbeitet), die meisten allerdings sind Ergebnisse, die entstehen, wenn man dem (Sexual-)Leben beider Geschlechter auf die Schnauze, zwischen die Beine oder in die Seele schaut.

Nach diesem Abend wünscht man sich unbedingt mal wieder gnadenlos schlechten Sex, nur, um danach ebenso launig, gefühlvoll, wütend, traurig, belustigt, ironisch und euphorisch darüber berichten zu können, wie die zwölf Schauspieler des Ensembles dies mit außerordentlicher Spielfreude und Verve vormachen. Die Entscheidung, die Ausstattung weitestgehend zu reduzieren (einschließlich Kostüm und Licht) setzt ganz auf die Stärke der Präsentation, das Spiel mit Text und Charakter bannt den Zuschauer von der ersten Minute an. Die Schauspieler vermögen es unverkrampft und so ganz ohne Sensationslüsternheit mit Worten wie „Ficken“, „Pussy“, „Ritze“, „Schwanz“ und „Pissen“ umzugehen, dass nicht für einen Moment Peinlichkeit aufkommt – es ist ein großes Verdienst der Inszenierung, dieses Parlando entstehen zu lassen. In Zeiten von ‚feuchten Gebieten‘, ’stoßenden Gebeten‘ und ‚grauen Schatten‘ ist dieses Theatererlebnis ein amüsanter, intelligenter Kontrapunkt.

Wenn ich einen ‚Höhepunkt‘ des Abends nennen sollte, so fällt das außerordentlich schwer, denn jeder der Dutzend Berichte war einer. Maria Schubert, die den Abend eröffnet, schwört mit der Naivität ihrer Figur den Zuschauer auf das, was ‚kommen soll‘, ein, Benjamin Schaup präsentiert seinen DJ mit einer Schnellsprechattitüde, von der man leicht auf dessen Sexgewohnheiten schließen kann. Eva Kammigan, deren Figur sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich nicht mehr 7 Mal pro Nacht von ihrem Lover zum Sex gebeten zu werden, schafft es, den Charakter dabei als ganz sinnlich und lebensfreudig zu präsentieren. Marco Mathes, Jan Schönberg, Friedrich Rößiger, Hanka Mark, Till Demuth, Juschka Spitzer, Bernd Färber – allesamt brillieren in ihren Rollen so, dass ich über weite Strecken vergessen konnte, dass ich mich eben nicht gerade in einem Hausflur, einer Künstler-WG oder in einem Swingerclub befand. Katharina Struwe („Schlechten Sex? Hab ich jeden Tag“) überzieht ihre Pornodarstellerin so gekonnt und ist dabei in der Lage, sie gleichzeitig mehrfach zu brechen, dass man tatsächlich Lachen und zugleich weinen möchte. Inga Wolff liefert in ihrer ‚Anleitung‘ einen fulminanten Abschluss, redet den anwesenden Männern ins Gewissen und treibt das weibliche Publikum zu Zustimmungsbekundungen.

Der Herr neben mir, ein gut situiert anmutender Mittvierziger, der anfangs den Eindruck machte, als ginge er zum Lachen in den Keller, wurde nicht müde, bei jedem Monolog „Genau so ist es“ und „Kenn‘ ich“ vor sich hin zu sagen – auch bei den Frauenrollen – und sich die Lachtränen aus dem Gesicht zu wischen. In der Pause befragt, ob der Abend bis jetzt seine Erwartungen erfüllt habe, antwortete er: „Übertroffen, weit übertroffen.“ Mir erging es ebenso. Und auf der nächtlichen Rückfahrt nach Berlin dachte ich genauso freudig wie nach dem „KEIN GLÜCK-AUF FEST“ vor einigen Wochen am selben Haus, ja, es gibt es noch, das nicht moralinsaure, abstrakte, sondern das pralle, sinnliche Theater. Danke.

http://www.theater-senftenberg.de

http://de.wikipedia.org/wiki/Mia_Ming

http://www.stern.de/kultur/buecher/schlechter-sex-filzlaeuse-in-der-unterschichtswaesche-618292.html