DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich …. als ich aus der Zielgruppe geschossen wurde.

von danielanderson1502

Ich hab den Schuss deutlich gehört! Er wurde neben meinen Ohren abgefeuert und hat mir die Reste der, von unzähligen Rockkonzerten malträtierten Gehörgänge zerfetzt. Er hat mir mehr als deutlich gezeigt, dass ich am Ende des aufrechten Ganges angekommen bin: Ich bin alt!

Es ist ein unaufhaltsamer und unumkehrbarer Prozess – jeder weiß es, jeder bemerkt es an sich selbst und die meisten verdrängen es doch. Eine ganze Gesellschaft richtet sich darauf aus, der Illusion Raum zu geben, mit genügend ‚Investitionen‘ & ‚Innovationen‘ dem Altern zu entkommen. Für die Äußerlichkeiten wird ein immer größerer Bedarf an Cremes, Lotions, Gels, Botox und, wenn gar nichts mehr hilft, das Skalpell, gezüchtet. Die Umsätze dieser Industrie steigen stetig, da kann die Krise noch so heftig sein oder besser gesagt, nicht heftig genug sein. Wenn es uns schon Scheiße geht, dann wollen wir doch wenigstens nicht Scheiße aussehen. In Schönheit sterben, wie meine Mutter immer sagte. Aber dieses ‚Möglichst-lange-wie-30-aussehen‘ hat einen sinnhaften Hintergrund.

Schon seit Jahrzehnten wird ein furioses Feuerwerk abgefackelt, das dem Jungsein huldigt wie einem neuen Messias. Dieses Affentheater gehorcht den Gesetzen des Marktes: Die rarer werdende Jugend – Demographie – wird zur kostbaren Ware, um die sich auf allen Kanälen geprügelt wird, die blauen Augen inklusive. Zeitschriften wie ‚NEON‘ oder ‚JETZT‘, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, einer nicht erwachsen werden wollenden (könnenden) Generation zu helfen, sich in einem korrupten System einzurichten, indem man allfällige Tipps vorwiegend zu Beziehungsproblemen und zu einem möglichst täglich stattzufindenden Konsum verbreitet. Das Ganze garniert mit ein paar flotten Sprüchen und Tabuworten – fertig ist der geprintete Lifestyle einer zu ewigen Praktika verdammten Unterelite.

Radiosender, deren jederzeit gnadenlos gut gelaunte Moderatoren scheinbar niemals müde werden, drollige Telefonstreiche zu spielen und Gewinnspiele anzupreisen, deren Lösung die Intelligenz nicht nur beleidigt, sondern ganz in Frage stellt: „Was zeigt man jemandem, auf den man wütend ist? a) den Hinkefinger, b) den linken Finger oder c) den Stinkefinger?“ Als ich bei dem Sender anrief, um den ausgelobten Wellnessgutschein zu gewinnen, wurde ich zunächst nach meinem Alter gefragt – „oh, nein, sorry, leider bist du zu alt für dieses Spiel!“ Offensichtlich!

Fernsehsender, die mit formalistischer Wackelkamera ebenso stetig gutgelaunte, gefährlich halbgebildete Moderatoren in trashigen Dekos abbilden, wo sie über allerlei hippe Events und angesagte Halbpromis schwafeln.

Und dann dürfen wir eben auch Unkraut wie Joko & Klaas erleben, deren „Die-Welt-muss-man-sich-nur-schönsaufen-und-dabei-öffentlich-Tittengrapschen-Attitüde“ angesichts des Überschreitens der physischen 30 selbst der Zielgruppe peinlich ist und deren retardierendes, mentales Parken knapp jenseits der Vorpubertät stattfindet.

Dabei fragt man sich, warum tatsächlich denn so unfassbar viel Ressourcen aufgewendet werden, deren Wirkungsgrad gegen Null tendiert. Denn, Fernsehen sieht das, was man zielgruppenrelevant ‚Jugend‘ nennt, nicht mehr – was im Internet nicht stattfindet, findet nämlich für dieses schmaler werdende Tortenstück der Statistiker überhaupt nicht mehr statt. Nur werden die Internetnutzer bis jetzt nicht hinreichend erfasst, um tatsächlich Aussagen darüber machen zu können, welche Reichweite ein ‚content‘ genanntes Programm in diesem Medium hat. Eine ganze Branche hängt an der Nadel der Quote – hoffentlich schaffen wir es, möglichst lange zu den Junkies zu gehören.

Knien wir nieder vor dem Altar!

Wiederkäuen wir unaufhörlich im Angesicht des Götzen den Rosenkranz immerwährender Jugend:

„Ich glaube an die Ewige Jugend, … die Allmächtige, Schöpferin
des Himmels und der Erde, … gezeugt vom Kapital, in die Welt geworfen von der Werbeindustrie
… Die Ewige Jugend wird ewig sein und kommen, zu Richten die ungläubigen Alten … 
Nachdem wir unseren Glauben bekannt haben, ehren wir die Ewige Jugend und sagen:
Ehre sei der Ewigen Jugend im Anfang so auch jetzt und allezeit
und in Ewigkeit.
Amen.“

Was fangen aber die an, die, so wie ich, aus der medialen Zielgruppe durch natürliche Selektion (Altern) abgeschossen wurden und die allmählich vom ekelhaften Geruch der Senilität und vom Grabesduft des nahen Kirchhofes umweht werden? Was, wenn ich nicht an die neue Heilsbotschaft glauben will? Werde ich mit der Scharia der Zwangsmedialisierung bestraft?

Das öffentlich-rechtliche & das private Fernsehen speist uns mit ‚Bügelfernsehen‘ ab, für dessen Konsum nicht mehr als die Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege  vonnöten ist. Obwohl sich in den Ideen der harmlosen Hochglanzprodukte genau die Probleme verstecken, die uns beschäftigen: was fange ich mit dem Rest des Lebens an, in welcher Gesellschaft will ich eigentlich leben, ist die Eigentumswohnung tatsächlich noch der Garant dafür, die nächsten 30 Jahre in Langeweile der Welt beim Leben zuzusehen? Sicherlich, man findet, wenn man unter den 200 Programmplätzen sucht, alles andere, man muss sich einfach nur dem schwerverdaulichen Anschreien radebrechender Halbalphabeten ebenso verweigern wie der Verarschung durch realitätsferner Realität.

Gestern klingelte mein Nachbar mit Migrationshintergrund an meiner Wohnungstür und bat mich, ihm beim Anschließen seines niegelnagelneuen Plasmafernsehers zu helfen: „Bist du bei Fernsehen, musst das auch könne.“

Ich folgte ihm in seine Wohnung und die 142cm Bilddiagonale der Neuanschaffung dominierte das restliche Wohnzimmer. Ich staunte und mein Nachbar freute sich: „Das ist der Gerät, der ich immer gewollt habe.“

Nachdem wir die Wandhalterung mit Hilfe von Bohrhammer und Blitzzement angebracht hatten, wurden die Kabel in weniger als 30 Sekunden verbunden. Auf meine Frage, wo denn der Receiver sei, wurde mir geantwortet: „So was brauch Mahmut nix mehr, guck ich kein Fernsehen mehr.“

„Wozu hast du denn dann 3000 Euro ausgegeben?“

„Guck ich nur noch BluRee, Alder, und dem Internet dadrauf, und Playsteschen,  Fernsehen ist doch langweilig wie Gülle.“

Zur Belohnung für meine Hilfe wurde ich zu einer Runde „Daddeln“ eingeladen.