DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. im ‚Paradies Liebe‘ oder ‚So geht Ficken, Alter‘

von danielanderson1502

Als ich vor ein paar Jahren ehrenamtlich eine Gruppe Migranten auf den Einstufungstest A1 (Deutsch als Fremdsprache) vorbereitete, musste ich zu den Kursen immer an einem Hort für Grundschüler vorbei. Eines Tages beobachtete ich eine Szene, an die ich mich bei Ulrich Seidls „Paradies Liebe“ erinnerte. Ein etwa 7- jähriger Junge warf sich auf ein gleichaltriges Mädchen und bewegte seinen Unterkörper so auf seiner Mitschülerin, als wäre er auf einer Hüpfburg unterwegs. Dazu blickte er zu seinem Kumpel, der interessiert danebenstand und schrie ihm den schönen deutschen Hauptsatz „So geht Ficken, Alter“ entgegen.

Der Film, den man dem Publikum als ’sozialkritischen Blick‘, gar als ‚Meisterwerk‘ verkaufen will, ist weder das eine noch das andere. Vielmehr ist es ein nicht mal fröhlich vor sich hin dilletierendes Stück, sensationsgeil, pathetisch und rassistisch. Selbst die an sich guten Schauspielerleistungen brechen unter der Last der Klischees zusammen wie das berühmte Kartenhaus.

Ich denke, okay, ich MUSS ins Kino, es ist ein deutschsprachiger Film, das MUSS ich unterstützen, das gehört sich so für jemanden, der in Deutschland auch in dieser Branche arbeitet. Als ich aus dem Kino wieder herauskomme, ist mir klar, dass ich mir diese Solidaritätsbekundungen in Zukunft schenken werde.

Die Story: Teresa, eine Frau, die ihre sogenannten ‚besten Jahre‘ hinter sich hat, entledigt sich ihrer halbwüchsigen Tochter bei einer Verwandten, um das mit der Liebe – gemeint ist Sex – in einem Keniaurlaub nochmal zu probieren. Ihre Freundin, die sich schon mal kräftig assimiliert hat – das erkennt man an den folkloristisch geflochtenen Haaren und dem Geständnis, dass sie bereits einen Boyfriend hat, der ganz genau weiß, wo es lang geht – was nichts anderes heißt, als dass das Objekt der Begierde einfach nur ein prima Ficker ist, weiht Teresa am Strand des Ozeans ein. Endlich muss Frau nicht mehr diesem ganzen Scheiß hinterherjagen, den nichtnutzigen Faltencremes, nichtsnutzigen Botox-Anwendungen, nichtsnutzigen Haarkuren und Fake-Diäts. Und Frau bekommt trotzdem, was sie will und das ist, wie wir inzwischen alle hinlänglich begriffen haben, Sex. Ja, das ist es was die Frau eigentlich will. Haben die Bandenmachos mit Migrantionshintergrund und die Möchtegern-Gangsterrapper also doch recht mit ihren Texten. Wenn selbst ein Intellektueller wie Seidl das so eindrucksvoll bestätigt, muss ja wohl was dran sein.
Was folgt, ist das Bemühen Teresas, auch so einen Stecher abzukriegen und wenn sie ihn bezahlen muss. Und, wirklich, Auftritt junger, farbiger Mann mit einem umwerfenden Lächeln, einer Haut wie schwarzes Elfenbein und unergründlichen Augen – das fleischgewordene Klischee eines African Gigolos, der auf den schönen Namen Munga hört, zumindest klingt er in Teresas Ohren so schön. Dazwischen gibts bildgewaltige Montagen, die jedem anthropologischen Beitrag auf Discovery alle Ehre machen würden: schlimm, diese Zustände da unten, jede Menge Slums und Armut, Dreck, verwahrloste Kinder und alles, was man sich sonst noch so vorstellen kann in seinem bequemen, mitteleuropäischen Kinosessel.
Also, Munga besorgt es Teresa mal ordentlich und die Glückseeligkeit ist über sie gekommen. Tja, so geht Ficken. Das ist, ohne Witz, fast schon so was wie die Moral des Films. Und das macht mich wütend, genauso wütend wie mich die Unsäglichkeit des alternierenden Machwerks „Die weiße Massai“ gemacht hat. Garniert wird der ganze Kladderadatsch durch Kneipenszenen, in denen Stammtischwitze gerissen werden, bei denen das Publikum im Saal kurz vor dem Szenenapplaus stand. Bravo, Herr Seidl, gut gemacht.
Es kommt schließlich, wie es kommen muss, Munga ist mitnichten der Single, als der er sich ausgegeben hat oder wie Teresa vermutet haben mag, sondern natürlich verheiratet und Vater eines liebreizenden Kindes. Macht nichts, kommt eben der nächste, auch gut. So machen es die weißen Kerle zuhause doch auch ihr ganzes Leben lang. Und um diese fundamentale Erkenntnis, die es wert ist, in Stein gemeißelt und vom Berge Sinai herab unters Volk getragen zu werden, gibts am Ende des Films dann noch eine erstklassige Orgie. Die einschlägigen Produktionsgesellschaften aus dem Porno-Valley in der Nachbarschaft von Hollywood können sich schon mal warm anziehen. Das Storytelling befindet sich nicht erst jetzt auf dem Niveau nachmittäglichen Anschreifernsehens einer scripted realitiy oder, wie man ja auch inzwischen sagt, eines real dramas.

Die Frage bleibt, welche Gesellschaft soll hier kritisiert werden? Ein Europa, dass Afrika immer noch in kolonialer Abhängigkeit hält und als Botschafter Frauen wie Teresa ins ‚Herz der Finsternis‘ schickt? Oder der Machismo der Afrikanischen Männer, die mit der Masche der verkäuflichen Liebe es den Europäern heimzahlen wollen, dabei aber ihre Frauen genauso behandeln wie die Männer, von denen Teresa und Co. die Schnauze so gestrichen voll haben? Rassistsiche Resentiments und sexistisches Allerlei bescheren uns einen bunten Strauß ‚ausgelutschter‘ (oder sollte man sagen: ‚ausgeblasener‘) Klischees. Nochmal, Bravo, Herr Seidl. Gesellschaftskritik, nein danke, da liest man dann doch besser ein Sachbuch.

Michael Winterbottom hat vor ein paar Jahren mit „9 Songs“ tatsächlich einen Liebesfilm gedreht, der in seiner Leichtigkeit und Explizitheit mehr über selbstbewusste und selbstbestimmter Sexualität von Frauen zu erzählen weiß, als es Seidl mit seinem Paradies schon von der konzeptionellen Anlage her jemals in der Lage wäre. In dieser Reihe befindet sich auch ‚Wolke 9‘ von Andreas Dresen, der fernab der Sensationslüsternheit des ‚Paradies:Liebe‘ auf Sex im Alter die ehrlichsten, ungeschminktesten und somit auch schönsten Blicke wagt, wenn auch in einem anderen Sujet. Der Gang in die Videothek lohnt sich in diesen Fällen mehr als der Weg ins Kino.