DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. der Herrenwitz und Deutschlands Rapeculture.

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn sie von einem sogenannten „Herrenwitz“ beschossen werden. Die Geschichte des Herrenwitzes, in Anlehnung an eine vor vielen Jahren produzierte Werbekampagne, ist eine Geschichte von Missverständnissen. Für die einen ist der Herrenwitz unverzichtbares Kulturgut und gleichzeitig eine Art Initiationsritus – wer nicht lacht, erhält keinen Zugang zum erlauchten Kreis der Eingeweihten, wer beim Anblick der Instrumente zuckt, ist nicht würdig. Diese, zu Sprache gewordene Geschmacklosigkeit, die in der Lage ist, eine Mischung aus Alkohol (vorzugsweise Bier), nebenbei losgelassenen Fürzen (mit hohen Anteil an Carbonylsulfit und Buttersäure) und abgestandenen Ausdünstungen von Achselnässe (nach eines langen Tages Sitzungsmarathon) auf meine Geruchsnerven zu projizieren, bringt mich an den Rand des Kotzens. Wahrscheinlich ist es mir daher nie gelungen, die höheren Weihen einer wie auch immer karrierefördernden Gemeinschaft zu empfangen. Gilt der gerissene „Herrenwitz“ bei Männern, die das 25. Lebensjahr noch nicht überschritten haben, allgemein als zu belächelnde Machoattitüde (man übt das gesellschaftliche Klischee der ‚Mannwerdung‘ ein), ist er bei jenen, die sich jenseits der 60 befinden, meistens Ausdruck von überbordender Machtgeilheit und der daraus resultierenden sexuellen Gier. Er zeugt von Hormonüberschuss, ist hilfloser, ideologischer Reflex auf den Feminismus und offenbart damit eine tief sitzende Angst vor einem, in der modernen Gesellschaft möglichen Matriarchat.

Macht ein Politiker einen „Herrenwitz“ gegenüber eine deutlich jüngeren Journalistin, wie jüngst der turboirre, näselliberale Spitzenmann Brüderle, könnte das doppeltes Kalkül sein. Brüderle ist sicherlich (noch) nicht so verkalkt, dass er nicht damit rechnen müsste, dass das die Journalistin benutzen wird, um eine nette und zugleich haarsträubende Story daraus zu stricken. Andererseits ist das vielleicht genau die Absicht, die dahinter steht. Schlechte Presse ist besser als gar keine. Die Metaebene: „Dem Hühnchen hab ich’s gegeben und oute mich stellvertretend für Millionen anderen meiner Altersklasse als ‚Brüderle im Geiste'“. Die sexuelle Konnotation verschafft dem Kandidaten ein ‚menschliches‘ Antlitz – meine Güte, man wird doch noch mal einen Witz machen dürfen, er ist doch auch nur ein Mensch. Der Blowjob Lewinsky/Clinton hat schließlich auch niemandes Karriere geschadet, im Gegenteil, nicht mal der anschließende Meineid war dazu imstande. Und so wird es wahrscheinlich auch in diesem Fall kommen. Brüderle, der über den Busen der  stern-Journalistin das Urteil fällte, dass er doch gut ein Dirndl ausfüllen könnte, wird als fleischgewordener Herrenwitz in die Politikgeschichte eingehen – was Frau Angelika dazu sagt, ist eine Sache der Eheleute. Laura Himmelreich, die mit der frechen, provokanten Frage, ob er, Brüderle nicht zu alt sei, um als ‚Lichtgestalt‘ der FDP zu fungieren, wird mit dem Vorfall einen Karriereschub erfahren, der sie vielleicht in bis noch nicht geahnte Gefilde führt. Sie könnte Brüderles Biografin werden, Kolumnen über Herrenwitze schreiben oder gutdotierte Vorträge in feministischen Zirkeln halten.

Die Metametaebene bleibt natürlich bei allem nicht verborgen, sondern drängelt sich machtvoll an die Oberfläche. Unbequeme Journalistinnen sollen denunziert, beleidigt, gemobbt, ausgeschaltet werden. Diskreditierungen sind an der Tagesordnung und sind ein deutliches Signal an andere aus der Zunft, sich nicht den Mächtigen anzulegen. Der Sexismus gegenüber (kritischen) Journalistinnen hat eine lange Tradition in der Bundesrepublik. In ihrem Buch „Hammelsprünge“ beschreibt Ursula Kosser den sexistischen Umgang mit Journalistinnen im Bonn der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Sie beschreibt das ‚Treibhaus‘ des Parlaments- und Politikbetriebes sehr scharfsinnig, als ein Zusammentreffen, wo „die alteingesessenen Bonner Machos …. alles taten, um den jungen Hennen das Gefieder zu stutzen.“

Aber nicht nur etablierte Alt-Politiker scheinen Sexismus im langjährigen Repertoire zu haben. Auch bei einigen Internetfaschisten der ‚Piraten‘ gehört es offenbar dazu, Journalistinnen, die kritisch berichten, beispielsweise als ‚Prostituierte‘ zu bezeichnen, wie die Journalistin Annette Meiritz zu berichten weiß. Ist das eigentlich was genetisches, dass bei Politikern öfters mal der vordere Stirnlappen versagt?

Was übrigbleibt, ist, dass bei allem tatsächlich dieser faule Geruch und die Bitternis, dass es immer noch in diesem politischen Muff möglich ist, so realitätsfern und zynisch zu sein. Politik ist ein schmutziges, stinkendes Geschäft und leider nicht nur ein schlechter Herrenwitz.

Darüber hinaus werden schon wieder Täter- und Opferrollen verwechselt. Das scheint der deutschen Seele irgendwie immanent zu sein. ‚Was zieht die Schnalle sich auch so aufreizend an, da muss sie sich ja nicht wundern, wenn ihr einer an die Wäsche geht….Was müssen die Saujuden auch uns Deutschen soviel Schaden zufügen wie die Ratten und anderes Ungeziefer, da müssen sie sich ja nicht wundern, wenn man sie ein bisschen vergast.‘

Die andere Seite der Diskussion – ab wann wird eindeutig die Schwelle des ‚Anflirtens‘ überschritten und wo beginnt die sexuelle Übergriffigkeit. Dass die Gesellschaft in Deutschland so sensibilisiert ist, wie sie nunmal ist, darf ruhig als gut und richtig bezeichnet werden. Auch wenn Internetseiten wie beispielsweise die sektenartige ‚Mädchenmannschaft‘ regelmäßig über das Ziel hinausschießen und einfach in Bausch und Bogen sämtliche Interaktionen, die von Männern ausgehen, als unangemessen und respektlos und übergriffig deklassiert werden, scheint jedoch die Glaubwürdigkeitshürde in Deutschland sehr hoch zu hängen. Immer noch haben es Opfer mit dem Klischee zu tun, dass sie die Übergriffe möglicherweise  durch unangemessene Kleidung provoziert hätten. So werden Opfer regelmäßig auch in der bundesdeutschen Wirklichkeit des Jahres 2013 zu Tätern. Das Problem ist tatsächlich ein gesamtgesellschaftliches, in dem es um die Frage von wirklicher Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau geht, von der wir noch meilenweit entfernt sind. Der ideologische Gegenreflex ist in diesem Zusammenhang wenig verwunderlich. Das, was die arbeitsteilige Gesellschaft durch ungleiche Löhne und ungleiche Karrierechancen psychologisch vorlebt, dass sich Männer durch intelligente, selbstbewusste Frauen in ihrem Mannsein (so, wie sie es verstehen) bedroht sehen, wird konkret dieser Basis ‚privat‘ ausgelebt. Wir mögen weit entfernt sein von indischen Verhältnissen – das ist aber noch lange kein Grund, gegen vermeintlich harmlose Übergriffigkeit Toleranz zu üben. Die Rapeculture blüht nach wie vor und mit dem Finger auf andere Kulturkreise zu zeigen und damit das, was in Deutschland passiert, zu relativieren, ist die Feigheit, die jeder sexuellen Gewalt eigen ist.

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(foto:dpa)

*http://www.spiegel.de/spiegel/annett-meiritz-ueber-die-frauenfeindlichkeit-in-der-piratenpartei-a-877558.html

*Ursula Kosser: HAMMELSPRÜNGE, Sex und Macht in der deutschen Politik, DuMont Buchverlag, Köln, 2012

*http://www.tagesspiegel.de/medien/bruederle-am-pranger-ein-herrenwitz-schlaegt-hohe-wellen/7684224.html

*http://www.taz.de/!108850/