DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. bei der Agentur für Arbeit

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, welche Erfahrungen Sie mit den Mitarbeitern der Agentur für Arbeit schon gemacht haben. Meine sind jedenfalls durchweg positiv. Mir sind bis jetzt dort nur Menschen begegnet, deren Höflichkeit ausgesucht, deren Erscheinungsbild ansprechend war und deren Ausdruck sich auf der Höhe der deutschen Grammatik befand. Geduldig wurden mir Formulare und bürokratische Verfahrensweisen erklärt, bis auch ich sie verstanden hatte. Man entschuldigte sich, falls ich länger als eine halbe Stunde warten musste und bot mir sogar Kaffee an. Das Klischee von Besuchen in Dienststellen dieser Art ist ja landläufig doch ein ganz anderes, auch in meinem Kopf: lange Warteschlangen, genervte Kunden, schreiende Babys auf den Gängen und sich streitende Familien mit Migrantionshintergrund. Niemand traut sich, sofern man erstmal eine Wartenummer bekommen hat, zum Rauchen oder auch nur aufs Klo zu gehen. Denn würde die Nummer aufgerufen, verlöre man zwangsläufig sein Anrecht auf das Gespräch. Dazu kommt die allgemein depressive Stimmung, die in den Gebäuden vorherrscht, denn niemand scheint ernsthaft damit zu rechnen, dass man wieder herausspaziert mit der Aussicht auf einen neuen Job. In meiner Branche schon mal gar nicht.

Gestern war es wieder soweit, ich musste bei der Arbeitsagentur persönlich vorstellig werden. Ich checkte mehrere Male vor dem Verlassen meiner Behausung, ob ich auch alle geforderten Unterlagen beisammen hatte. Die Sonne schien, die Temperaturen bewegten sich im zweistelligen Bereich. Der Kioskbetreiber am S-Bahnhof, bei dem ich immer meine Kippen hole und bei der Gelegenheit auch einen kurzen Schwatz halte, lud mich auf einen seiner ungenießbaren Kaffees ein. Ich nahm dankbar an und verschenkte den heißen Becher an den Punk auf dem Bahnsteig. Neben mir in der S-Bahn saßen drei junge Frauen in kurzen Hosen, engen T-Shirts und nackten Füßen in den Flip Flops. Ich wurde über die beste Currywurst, das lässigste Café, die hippste Liegewiese ausgefragt und ob das ‚Berghain‘ wirklich so ’schlimm‘ sei. Man war aus Sömmerda, einem kleinen Ort in Thüringen, nach Berlin gekommen und jetzt wollte man von einem Einheimischen aber mal die Wahrheit hören. Vor der Arbeitsagentur stand eine riesige Menschentraube und klatschte rhythmisch zu jazzigen Klängen. Eine offensichtlich französische Band gab ein Straßenkonzert. Es wurde getanzt und gelacht und der Hut, der nach jedem Titel rumgereicht wurde, füllte sich außer mit Münzen sogar mit ein paar 5-Euro-Scheinen. Zwischen den Liedern aßen die Musiker tatsächlich Baguette und tranken Milchkaffee – Klischee, Klischee, Klischee was biste schee. Warum sich die Franzosen gerade diesen Ort für ihren Auftritt ausgesucht hatten wird allerdings ihr Geheimnis bleiben.

Das Innere der Arbeitsagentur, das man sich gernals überheizt und muffig vorstellt, war angenehm temperiert. Wahrscheinlich hat man auch dort inzwischen den Zusammenhang zwischen angenehmem Raumklima und der Höhe des Stresslevels entdeckt. Ich meldete mich also an und war sogar 5 Minuten früher dran, als verabredet. Fünf Minuten vor der Zeit, ist die wahre Pünktlichkeit, wie man ja weiß. Eine Angestellte begrüßte mich lächelnd. Der nachfolgende Dialog ist zu 99% wörtlich zitiert, denn unmittelbar, nachdem ich meinen Termin absolviert hatte, habe ich ihn zu den Klängen der immer noch munter aufspielenden Franzosen aufgeschrieben.

Mitarbeiterin beim Arbeitsamt (sehr freundlich): „Einen wunderschönen Tag. Mein Name ist M…. Was kann ich denn für Sie tun?“

Ich: „Ja, Ihnen auch einen schönen Tag, Frau M…. Ich habe hier diese Papiere.“

Ich reichte ihr die Papiere und sah auf ihrer Referenzplakette, dass sie mit Vornamen Angelika hieß.

Mitarbeiterin: „Na, da wollen wir doch mal schauen.“

Lächelnd nimmt Angelika die Papiere entgegen und blättert routiniert darin herum. Dann stutzt sie und beendet den Ruhezustand ihres Computers.

Ich: „Fehlt was? Stimmt irgendwas nicht?“

Mitarbeiterin: „Nein, nein, alles in Ordnung. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich muss nur eben mal die Angaben prüfen.“

Sie klickte in einer affenartigen Geschwindigkeit über ihren Bildschirm, bis sie die entsprechende Seite gefunden hatte.

Mitarbeiterin: „Da haben wir es. Ach so!“

Ich: „Ja bitte?“

Mitarbeiterin (ein bisschen wehmütig): „Ich sehe gerade, Sie sind ja Akademiker in einem KÜNSTLICHEN Beruf, ist das richtig?“

Ich (verträumt): „Naja, der eine sagt so, der andere sagt so.“

Mitarbeiterin (schaut verständnislos): ?????

Ich (einlenkend): „Ja, Sie haben recht. Ihre Angaben stimmen.“

Mitarbeiterin (sichtlich erleichtert): „Na, dann ist ja gut. Die Akademiker mit KÜNSTLICHEN Berufe haben wir leider  ausgelagert. Da sollten Sie sich jetzt woanders melden, gar nicht weit von hier. Einfach um das Haus rum und auf der anderen Seite wieder rein. Da müssten Sie sich dann allerdings noch mal anmelden.“

Ich: „Aha, danke. Aber warum ist das denn jetzt ausgelagert und warum wusste ich davon nichts? Oder habe ich vielleicht eines Ihrer Schreiben, was der Allmächtige verhüten möge, nicht bekommen?“

Mitarbeiterin (irritiert): „Ja, also, warten Sie mal, das kann natürlich sein, dass….“

Sie klickte sich wieder durch eine Reihe von Dokumenten auf ihrem Bildschirm.

Mitarbeiterin: „Sie haben recht. Eigentlich sollte das Schreiben der neuen Zuständigkeit der KÜNSTLICHEN Berufe schon an Sie abgeschickt worden sein.“

Ich bewunderte den doppelten Gebrauch des Genitivs.

Ich: „Ach so, ich verstehe, dann schau ich noch mal bei mir im Briefkasten. Könnten Sie mir vielleicht eine Bescheinigung ausstellen, dass ich mich zum Termin gemeldet habe? Denn ich weiß nicht, ob ich das heute noch schaffe. Das wäre sehr freundlich.“

Mitarbeiterin (sinnierend): „Wissen Sie was? Wir machen das mal ausnahmsweise anders, denn ich kann nicht ausschließen, dass Ihnen das Schreiben der neuen Zuständigkeit der KÜNSTLICHEN Berufe nicht zugestellt worden ist.“

Meine Bewunderung wuchs noch weiter, denn eine doppelte Verneinung begegnet mir tatsächlich eher selten im Sprachgebrauch. LORIOT (sel.) hätte seine Freude daran gehabt.

Ich (gespannt): „Und das heißt jetzt was für mich?“

Mitarbeiterin (sich die Papiere wieder über den Tisch ziehend und dabei verschwörerisch die Stimme senkend): „Ich erledige das für Sie. Aber verraten Sie mich nicht.“

Ich (dankbar lächelnd): „Oh, vielen Dank. Und verraten werde ich Sie ganz bestimmt nicht, ich wüsste auch gar nicht an wen.“

Mitarbeiterin (zurücklächelnd): „Ach, die KÜNSTLICHEN Berufe sind immer so nett. Ich wollte ja auch mal KÜNSTLICH tätig sein in meiner Jugend und nun bin ich hier gelandet.“

Ich (verständnisvoll): „Und in ihrer Freizeit?“

Mitarbeiterin (während sie in Formulare schrieb und es kurz unterbrach, um mir zuzulächeln): „Ich mache Bauchtanz als Hobby. Wir treten auch auf und haben auch schon Preise gewonnen.“

Ich (ehrlich bewundernd): „Wie schön, herzlichen Glückwunsch.“

Mitarbeiterin (klagend und dabei ihre Arbeit fortsetzend): „Nur mein Mann interessiert sich gar nicht dafür. Er hat mich noch nicht EINMAL tanzen sehen.“

Ich (mitfühlend): „Wahrscheinlich schaut er lieber Fußball.“

Mitarbeiterin (ironisch): Ach, Sie kennen meinen Mann?“

Ich: „Natürlich nicht, Frau M…., aber ich bin auch ein Mann.“

Mitarbeiterin: „Wenn einem das Verständnis für das KÜNSTLICHE fehlt, weiß man das auch nicht zu schätzen.“

Ich (überzeugt): „In dieser Beziehung mache ich mir bei Ihnen da gar keine Sorgen.“

Mitarbeiterin: „Ich sage es ja immer wieder, die KÜNSTLICHEN Berufe, das sind schon ganz besondere Menschen.“

Damit drückte sie die Entertaste und lächelte mich an.

Mitarbeiterin: „Erledigt.“

Ich verabschiedete mich höflich von Angelika und trat hinaus in die Sonne. Die Franzosen spielten, wie gesagt, immer noch und ich war froh, künstlich zu sein, denn das bescherte mir heute einen freien Nachmittag.