DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. Berliner Hinterhofhaus.

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, ob Sie Berliner Hinterhöfe kennen oder vielleicht selbst in einem wohnen. Wenn, dann werden Sie wissen, wovon ich rede. Diese Art zu leben, gibt es in keiner anderen Stadt Deutschlands. Natürlich existieren Hinterhöfe auch in so ziemlich jeder anderen Stadt Deutschlands, aber in Berlin sind sie Lebensgefühl, woanders nur Ärgernis. Immer hängt ein Duft von Bratkartoffeln und Sauerkraut zwischen den Hausfassaden und durch die offenen Fenster nimmt jeder am Leben des anderen irgendwie Anteil. Da scheppert schon mal verheerende Weltmusik am Sonntagmorgen oder die 4er-WG feiert mit House zwei Tage durch. Weltmusik und Elektro liefern sich ein lustiges Duell.

Die überforderte, alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern klappert zu nachtschlafender Zeit so laut mit Abwasch, dass der ewige Junggeselle einen Stock höher mit dem Besenstil auf den Fußboden haut. Das weckt die Kinder und die Frau und der Junggeselle belegen sich durch die geöffneten Fenster mit Verbalinjurien. Dazu bellt irgendwo ein Hund und das Pärchen im Dachgeschoss hat so heftigen Sex, dass alle anderen Hausbewohner Beifall klatschen.

Berliner Hinterhöfe sind mehr als nur die Überbleibsel eines boomenden Kapitalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Art und Weise sogenannte ‚Zinsburgen‘ für das Industrieproletariat zu errichten, hat sich im Laufe der letzten 120 Jahre von reinem Zweckbau zu einem Lebensgefühl entwickelt. In beiden Teilen Berlins – ja, es gibt immer noch diese gedankliche Trennung zwischen Ost und West – wird der Hinterhof nur noch zu einem geringen Prozentsatz von Proletariern bewohnt. Meist sind es heute Studenten, Alternative, Gesellschaftsverweigerer und Migranten.  Millieustudienbetreiber Zille – Sie wissen schon, der mit den drallen Zeichnungen – würde heute Bilder von Partys und Liebesakten, von lautstarken Familienstreitereien, penetranten Kirchenglocken, unentwegt klingelnden Handys, bizarre Weltmusik, die sich scheppernd zwischen den Häusern fängt und türkischen, russischen, albanischen oder arabischen Sprachfetzen zeichnen, denen man auf dem Hinterhof durch weit geöffnete Fenster akustisch begegnet. Auf vielen Hinterhöfen steht ein alter Baum und es hat den Anschein, als seien die Gemäuer seiner Zeit um die diesen Baum herum gebaut worden. Das Gegenteil ist natürlich der Fall.

Meine erste eigene Wohnung befand sich auf einem zweiten Hinterhof im Prenzlauer Berg. Bröckelnde Fassade mit Resten von Einschusslöchern aus dem letzten Krieg. Reste von Gehwegplatten aus der Zeit des Erbauens des Hauses, über die man bei Regen einigermaßen trockenen Fußes ins Haus gelangen konnte. Trat man bei dem Balanceakt fehl, versank man bis zum Knöchel im Schlamm. Zweiter Stock, ein Zimmer, Küche ohne Spüle (dafür mit Ausguss), Toilette halbe Treppe tiefer, knarrzende, kackbraun gestrichene Dielen mit so großen Lücken, dass man schon mal mit dem kleinen Zeh sehr schmerzhaft darin hängen bleiben konnte. In der Küche lag verschossenes, brüchiges Linoleum, das Reste eines verheerenden Musters zeigte. Kohleofen, natürlich, und da der Keller immer fünf Zentimeter unter Wasser stand, musste ich die Braunkohlebriketts erst in der Küche trocknen, ehe ich sie verfeuern konnte. Angeliefert wurde die Kohle immer von zwei schweigsamen Männern, deren Haut durch das jahrelange Kohleschleppen eine dunkelgraue Färbung angenommen hatte. Ich erinnere mich, dass sie stets erloschene Zigarrenstumpen zwischen den Zähnen hielten. Nach jedem Sack, den sie auf Boden kippten, nahmen sie ihre Stumpen aus dem Mund und spuckten schwarzbraunen Schleim auf die Kohle. Für zwei Kurze und ’ne Molle ließen sie sich manchmal überreden, die Kohlen in den Keller zu tragen. Meistens jedoch wurde sie jedoch einfach in den Schlamm gekippt und ich musste sie Eimer für Eimer mit Gummistiefeln an den Füßen in mein Kellerabteil tragen.

Meine Wohnung hatte schlecht schließende Doppelfenster, durch die sich kein Sonnenstrahl verirren konnte, dafür aber zog es wie Hechtsuppe. Selbst im Sommer fror man in dieser Behausung. Die Stromleitung in der Küche war so marode, dass man entweder einen Kühlschrank oder ein Radio betreiben konnte, beides gleichzeitig hatte raus springende Sicherungen zur Folge. Ich verzichtete damals auf den Kühlschrank, zum einen aus pekuniären Gründen, zum anderen, weil sich unter dem Küchenfenster ein Schrank mit Mauerdurchbruch befand, in dem Lebensmittel auch in der warmen Jahreszeit mindestens drei Tage frisch blieben. Im Winter fror allerdings regelmäßig die Milch ein, der Käse wurde von lustigen Eiskristallen bewohnt und die Butter erstarrte zu einem dimantharten Klotz, den man gut und gerne als Schlagwaffe hätte nutzen können. Körperpflege kostete Überwindung und sehr gute Vorbereitung, denn, um warmes Wasser zu haben, musste man einen Topf oder Kessel auf einer Gasflamme erhitzen.

Eine ganze Reihe von ‚ersten Malen‘ fand in dieser Wohnung statt: erstes Mal renovieren, erstes Mal alleine kochen, erstes Mal Wasserrohrbruch, DAS erste Mal, erstes Mal Wäschewaschen und Fensterputzen, erstes Mal nicht wissen, welcher Wochentag gerade ist, erstes Mal einer fetten Ratte begegnen, erstes Mal die Haustreppe wischen müssen (in Schwaben nennt man das heute noch ‚Kehrwoche‘). Ich kannte alle Leute im Haus mit Vornamen und meine Nachbarin, Gisela Lehmann (eine üppige Mittfünfzigerin, U-Bahn-Fahrerin, die jeden Sonntag Sauerkraut mit unendlich viel Knoblauch kochte und deren spitze Schreie beim Vögeln auch nicht mit lauter Musik zu übertönen waren) hatte einen Notfallschlüssel zu meiner Wohnung. Überhaupt, die Gerüche, die durch das Treppenhaus zogen: billiges Parfüm, gemischt mit Toilettengestank, der aus den Kabuffs auf den Treppenabsätzen zog, Bohnerwachs, die obligatorischen Bratkartoffeln und verrottende Windeln. Ausgelassene Nächte wechselten sich in meiner Wohnung mit der sonntäglichen Tristesse von Braunkohlegeruch, verstopften Klos und Stromausfällen ab. Eine seltsame Zeit im Leben, die man sehr leicht, sehr romantisch zu verklären versucht ist.

Der Hinterhof, in den ich nach ein paar Jahren ‚Tingeln durch die Weltgeschichte‘, wie meine Oma das nannte, nach Berlin zurückkehrte, unterschied sich nur graduell von meinem ersten. Herausgeputzte Hausfassade, ein abschließbares Müllhaus, ein Fahrradständer, blütenweiß gestrichene Fenster, ein volkskünstlerisch gestaltetes Schild mit dem euphemistischen Schriftzug ‚Gartenhaus‘ über dem Eingang und ein kleineres mit der obligatorischen Aufschrift ‚Ballspielen verboten. Der Eigentümer‘ daneben. Meine neue Wohnung hatte abgezogene Dielen, ein Badezimmer mit Gasterme, die alle Räume tatsächlich angenehm aufheizen konnte und eine innen liegende Toilette. Die Stimmung allerdings auf meinem neuen Hinterhof war dieselbe – jeder nahm am Leben des anderen akustischen Anteil. Die Gerüche unterschieden sich zwar, denn die Gewürze waren nun international und die Klos verströmten ihr Odem nicht mehr in den Hausflur. Aber es war immer noch so, dass man sehr schnell in die Lebensrituale der Nachbarn eingeweiht wurde. Wann wurde gefeiert, wann hatten sie Sex, wann wurde der Fernseher eingeschaltet, wann war es Zeit zu streiten und sich wieder zu versöhnen.

Über mir lebte eine türkische Großfamilie. Ich habe niemals herausgefunden, wie viele Personen tatsächlich dazu gehörten. Während ich sie sonst über mir nur türkisch sprechen hörte, unterhielten sie sich, sobald sie Wohnung verließen, in deutsch. Der Vater nannte sein Frau immer nur „Frau“ mit dem Personalpronomen „Du“ davor und einem Komma dazwischen, also: „Du, Frau.“

Das Punker-Pärchen neben mir (ja, so was gibt’s auch immer noch), hatte niemals was zu essen im Kühlschrank und schnorrten sich deshalb durch die Wohnungen. Dafür führten sie Hunde spazieren, putzten Fenster und übernahmen das Müllpressen. Felix kam gerne auch zur Sportschau, während Manuela was zu kiffen besorgte.

Auf der gegenüberliegenden Seite wohnte eine albanische Familie, deren Frau jeden Samstag die Federbetten zum Lüften auf die Fensterbretter der Wohnung hievte. Dabei schimpfte sie ca. eine Stunde so lautstark mit ihrem Mann, bis das türkische Familienoberhaupt sich für alle anderen Hausbewohner erbarmte. Er lehnte sich aus dem Fenster und rief mit seinem sonoren Organ: „Eh, Albaner-Kanack, hast deine Frau nich in Griff, oder was?“ Das rollende „R“ verlieh diesem Ausruf jenen Nachdruck, der von diesem Moment an bis in alle Zeiten Ruhe bescherte.

Unter mir wohnten Hansi und Inge Schmutzler, ein Paar, dass schon seit 50 Jahren in diesem Haus lebte. Hansi war sein ganzes Berufsleben bei der BVG Bus gefahren, während Inge, als es noch an jeder Ecke eine Post gab, am Schalter arbeitete. Die beiden betrieben in ihrer Wohnung eine Kanarienvogelzucht und besserten so ihre Rente auf. Wenn Christian Morgenstern meinte, dass alle Möwen so aussähen, als ob sie Emma hießen, dann kann ich inzwischen behaupten, dass alle Kanarievögel so aussehen, als ob sie Hansi hießen. Hansi Schmutzlers Hobby war sein SUV, den er einmal pro Woche aus der Garage, die sich drei Straßen weiter befand, in den Hinterhof fuhr und dort wusch. Inge assistierte ihm mit Akkusauger, feuchten Innenraumtüchern und Lederpflegespray. Danach fuhr man zum Kaffeetrinken und Kirschtorteessen an den Wannsee.

In der Erdgeschosswohnung wurde ein privates Bordell betrieben. Der diskrete Schriftzug an der Klingel, ‚Modelle‘, wies Kunden den Weg zu ‚Chantal‘ und ‚Madeleine‘, die in Wirklichkeit Gerlinde und Brigitte hießen. Die beiden fütterten zwischen ihren Terminen regelmäßig eine streunende Katze. Als ebendiese Katze ein mittelschweres Massaker unter den Kanarienvögeln von Hansi und Inge anrichtete, waren die Tage von Chantal/Gerline und Madelein/Brigitte im Haus gezählt. Die frei werdenden Räume rissen Hansi und Inge an sich und bauten ihre Kanarienvogelzucht weiter aus. Das Zschilpen der Vögel wurde irgendwann zum beherrschenden, immerwährenden Geräusch am Tag.

Es gab die unvermeidliche WG, deren Partys immer noch ein ganzes Wochenende dauerten und es gab das lesbische Pärchen, das noch traditioneller war als Hansi und Inge. Nur am Tag des Christopher-Street-Day sah man die beiden in schriller Verkleidung über den Hof stolzieren.

Es gab immer noch die alleinerziehende Mutter mit den drei Kindern. Bei den Begegnungen mit ihr musste ich unwillkürlich an den Silly-Song „So ’ne kleine Frau‘ denken, denn genauso so muss sie sich Tamara Danz  vorgestellt haben.

Und es gab den älteren Herren, der im Treppenhaus seinen Hut lüftete, wenn man ihm begegnete. So stellte man sich wahrscheinlich früher den ‚bösen Onkel‘ vor.

Die ‚Verhuschte‘, wie die Hansi sie nannte, lebte im Dachgeschoss. Ein Frau von unbestimmbarem Alter, deren Namen niemand kannte. Sie huschte tatsächlich immer über den Hof, als sei jemand hinter ihr her. Aus purer Neugier stieg ich mal in den letzten Stock, um an ihrem Klingelschild zu lesen. Aber da stand nur „CvW“. Bis heute weiß ich nicht, was das zu bedeuten hatte.

Heute wohne ich in einem Neubau in Mitte, Erdgeschoss mit eigenem Garten, den ich von meinem Schlafzimmer aus betreten kann und dessen Verwilderung ein ständiges Ärgernis zu sein scheint. Ich finde schon mal anonyme Zettel im Briefkasten: „Wie wäre es mal mit Rasenmähen.“ Auch hier existiert ein Hof, der sich an meinen Garten anschließt, aber das Areal wird nicht von Seitenflügel oder Quergebäude begrenzt. Bis auf meinen schon bekannten Nachbarn mit Migrationshintergrund aus dem dritten Stock kenne ich niemanden in diesem Haus. Die geöffneten Fenster meines jetzigen Hauses, geben das Leben dahinter nicht preis, es verfliegt ungehört. Auf dem Hof herrscht eine seltsame Fremdheit, obwohl er oft mit Bobby-cars und den entsetzen Rufen der Mütter malträtiert wird, wenn ein Kind sich in die von der Hausverwaltung angelegte Blumenrabbate verirrt. Aber das sind dann auch schon die einzigen Schallereignisse. Die Kinder scheinen sich nur in gemäßigter Lautstärke zu verständigen, als hätten ihre Stimmen Filzpantoffeln an.

Am vergangenen ‚Herrentag‘ versammelten sich zehn Männer mit einem 50-Liter-Fass Bier, einem Elekrogrill und einem Ghettoblaster aus den 90zigern auf dem Hof. Es gab deutsches Liedgut, zotiges Lachen und Bratwurst mit Kartoffelsalat. Als das Fass geschlachtet und die Bratwürste vertilgt waren, begann man selbst zu singen: ‚Oh, wie ist das schön, oh wie ist das schön.‘ Schließlich tauchten auch ein paar Frauen mit heruntergezogenen Mundwinkeln auf, um ihre betrunken schwankenden Männer abzuholen und sicher nach Hause zu geleiten. Man hörte Worte wie, ‚Schätzchen‘, ‚Mäuschen‘ und ‚Mutti‘. Die Anwesenheit der Frauen löste bei den Männern offensichtlich Stress aus, denn Lachen und Singen erstarben. Zwei Frauen stellten sich vor mein Gartenzugang und begannen, sich zu unterhalten:

„Det müssten wir och mal machen am Muttertach. Einfach mal abhauen und eenen heben jehen.“

„Da würden die Herren der Schöpfung mal echt blöde aus die Wäsche glotzen.“

„Aber loofen würde trotzdem nischte mehr.“

„Wat meinste?“

„Weeßt schon, von wegen Bett und so.“

Es folgte verhaltenes, bitteres Gekicher.

Manchmal könnte ich mir den Hinterhof und die seltsame Nähe, die er erzeugen kann, zurückwünschen, denn da lief immer irgendwas.