DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. Das Sterben der TV-Saurier 2013

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, für mich sind Abschiede eine zwiespältige Angelegenheit, zumal, wenn es sich um Abschiede im, oder besser gesagt, von Programmen im TV handelt. 2013 war ein Jahr vieler solcher Ereignisse – bei manchen handelt es sich tatsächlich um Verluste bei anderen wohl eher um Befreiungen. Vor allem traf es die Dinosaurier.

1.    Die Ziehung der Lottozahlen (ARD), die seit dem 4. September 1965 jeden Samstag live übertragen wurde – die für mich schmerzlichste Amputation. Ich bin mit dieser Sendung aufgewachsen, obwohl meine Kindheit in der DDR stattfand. Die Sendung markierte den Zeitpunkt, an dem ich Samstagabend ins Bett zu gehen hatte. Lange Zeit war die ‚Ziehung der Lottozahlen‘ spannender, freudevoller und amüsanter als das Hauptabendprogramm. Denn meine Großmutter sel. und ich versuchten, während sich die Trommel drehte, die nächste Zahl vorherzusagen. Wer traf oder am nächsten dran war, erhielt einen Strich auf einer von mir mit viel Buntstiftmalereien verzierten Liste. Wer am Ende des Schuljahres die meisten Striche hatte, durfte sich vom anderen etwas wünschen. Auf diese Art und Weise kam ich beispielsweise in den Besitz einer  Modelleisenbahn. Irgendwann kam ich dahinter, dass meine Oma die Liste zu meinen Gunsten manipulierte. Ich bin trotzdem kein Lottospieler geworden. Der Satz: „Der Aufsichtsbeamte hat sich vor der Sendung vom ordnungsgemäßen Zustand des Ziehungsgerätes und der neunundvierzig Kugeln überzeugt“ wird mir jedenfalls im deutschen Fernsehen fehlen.

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2.    Rosa Roth (ZDF) – auch sehr schmerzlich, denn hier feierten intelligente, spannende Unterhaltung und Anspruch an filmische Gestaltung eine immerwährende Hochzeit. Iris Berben war wenigstens ein- bis zweimal im Jahr nicht nervig und auch nicht die exaltierte Betroffenheitsschnepfe mit waidwundem Bambiblick, der ohnehin immer weniger zu ihrem Alter passte, sondern eine großartige, überragende Schauspielerin. Berbens Entscheidung, aufzuhören, weil man gehen soll, wenn es am Schönsten ist und damit der Reihe den Todesstoß zu versetzen, ist nach fast 20 Jahren nachvollziehbar, aber eben doch ein wirklicher Verlust.

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FOTO: STEPHANIE KULBACH/ZDF

3.   Forsthaus Falkenau und Der Landarzt (ZDF) – tut weniger weh als Platz 1 und 2, aber wenn Dinosaurier verschwinden, darf man ruhig ein Tränchen der Wehmut verdrücken. Die Einstellung der Serien erfolgte ohne wirkliche Not. Man fragt sich, ob der oft im Munde der Offiziellen beim ZDF geführte Satz, Altes müsse weg, um Platz für Neues zu schaffen, tatsächlich auch auf diese beiden Serien anzuwenden war. Mag sein, dass sich die beiden „Herren“ nach mehreren Umbesetzungen während der Laufzeit ein wenig zu kuschelig gebärdeten oder es oft zu gefühlig wurde, was Deutschland einig Fernsehvolk da präsentiert wurde. Aber es war für jeden, der es sah, ein Stück gefühlige, kuschlige Heimat mit einem Schuss ZDF-eigenem Eskapismus. Stattdessen überschwemmt der Sender uns mit SOKO-Leichen, deren Zuschauer im Übrigen auch nicht jünger sind als die der abgesetzten Serien. Hätte man nicht vielleicht hier etwas ‚ausdünnen‘ können und nicht aus Proporzgründen jedem Kuhdorf seine eigene Ermittlerbande spendieren sollen? Aber, um nicht ungerecht zu sein, beim selben Sender hat es auch Ein Fall für Zwei und Kommissar Stollberg erwischt – ein vielleicht ungeliebtes Kind, das vom Katzentisch – mehrere Sendeplatzverschiebungen – nun auch nach draußen entlassen wurde. ‚Ein Fall für Zwei‘ soll, laut Berichten des Senders, wieder auferstehen, aber mit dem alten Format nur noch wenig zu tun haben, bis auf die dramturgische Struktur und die Idee (Privatdetektiv hilft Rechtsanwalt). Also was völlig Neues. Sogar der Titel der Nachfolgeserie steht schon fest: ‚Ein Fall für Zwei‘. Gibt es wirklich ein Leben nach Matulla?

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Forsthaus Falknenau    (Foto: WAZ)

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Der Landarzt  (Foto: dpa)

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Ein Fall für Zwei bis 2013  (Foto:ZDF/Andrea Engelrein)

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Ein Fall für Zwei – ab 2014  (Foto: dpa)

4.   Polizeiruf 110 – mit Jaeckie Schwarz und Wolfgang Winkler (ARD). Klar, nach 17 Jahren muss irgendwann mal Schluss sein, denkt man, ehe die privaten Zipperlein der ‚Ost-Volksschauspieler‘ sich nicht mehr von Story, Kamera und Schnitt vertuschen lassen. Zwar haben Serien wie „Der Alte“ und „Derrick“ bewiesen, dass man als Kommissar noch mit weit über 70 jeder Art Verbrecher habhaft werden kann, aber der ‚Polizeiruf‘ war als östlicher Gegenentwurf zum westlichen ‚Tatort‘ dann doch mehr auf Aktion als auf ‚ältere Herren befragen psychologisch angeschlagene Täter‘ ausgerichtet. Zunehmende Kurzatmigkeit und das Eingeständnis Winklers, in der DDR als IM der Stasi zu Willen gewesen zu sein, haben der Popularität jedenfalls nicht geschadet. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach kamen aus Leipzig, wo dieser ‚Polizeiruf‘ produziert wurde, die klügsten, brisantesten Plots, was für mich den Schluss zulässt, dass es doch noch gescheite, kämpfende Redakteure gibt. Nun ist Schluss – irgendwie sehr schade.

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Polizeiruf 110  (Foto: dpa / Jens Wolf)

5.   Die Anrheiner / Ein Fall für die Anrheiner (WDR). Zwar wird die letzte Staffel der Regionalserie nächstes Jahr noch ausgestrahlt, aber die Produktion wurde bereits im August 2013 eingestellt. Meines Erachtens nach ein besonders abschreckendes Beispiel wie man Kontinuität aus geschmäcklerischen Gründen erst kaputtreden, dann kaputtsparen und schließlich komplett zerstören kann. Als Verantwortlicher muss mir ein Format nicht immer unbedingt gefallen, aber ich habe doch bitte ein Gespür dafür, ob etwas funktioniert, also authentisch ist und daher vom Zuschauer angenommen wird oder nicht. Nachdem die  Produktionsfirma Ziegler-Flim Köln auf Geheiß des Senders die Serie von der Familienunterhaltung auf Krimi getrimmt hat, wurde offenbar, dass das mit dem vorhandenen Budget nicht leistbar ist und man sich nur lächerlich machen konnte. Zwar hat man bei Ziegler-Film alles nur Menschenmögliche getan, um den Untergang des angeschlagenen Anrheinerdampfschiffes abzuwenden, aber gerade die Lächerlichkeit, die durch fehlende Mittel entstand, waren dann der Grund, der Serie den Garaus zu machen. Es wirkt wie ein Menetekel, dass die Schauspielerin der ‚Uschi Schmitz‘ – Hildegard Krekel – die Ausstrahlung der letzten Staffel nicht mehr erleben wird. Sie starb kurz vor ihrem 61. Geburtstag.

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Die Anrheiner / Ein Fall für die Anrheiner   (Foto: WDR/Melanie Grande)

(wird fortgesetzt)