Das Leben als Mensch: NEULICH ….. bei der Beerdigung des Deutschen Fernsehpreises

von danielanderson1502

Sehr geehrte, zahlenmäßig sehr kleine Trauergemeinde,

sehr geehrte Friedhofsangestellte,

sehr geehrte Totengräber,

sehr geehrte Friedhofszaungäste!

Eine Beerdigung ist sehr selten Anlass zur Freude. Gleichwohl haben wir es heute mit einem solchen Ereignis zu tun, ja, mit einem freudevollen, man möchte fast sagen, erlösendem Ereignis. Der Teure Tote, der heute in der Versenkung verschwindet, war, im Lichte der Scheinwerfer besehen, schon seit seiner Geburt zu einem langen Sterben verurteilt, das ihn jetzt nach nur wenigen Jahren eines verspotteten, bedeutungslosen und kümmerlichen Lebens, von seiner Qual erlöst hat. Über die Gründe mag man spekulieren können. Lag es am Proporzbestreben der Eltern, namentlich der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, die für den kleinen Bastard eine unglückliche Zweckehe mit privatwirtschaftlich betriebenen Sendern eingingen? In dieser Hochzeit ohne Segenssprüche und Gratulanten, bei der in den vergangenen Jahren auch schon mal solchen Missgeburten wie „Willkommen bei Mario Barth“ und andere „…tainment“ in der Genrebezeichnung führenden Absurditäten zu den Gästen gehören durften, hing von Anfang an der Haussegen schief. Nun ginge dies das Quotenvieh der Zuschauer ja eigentlich wenig an, wenn da nicht die Gebühr oder der Beitrag wäre, von dem das alles finanziert wurde bzw. die werbetreibende Industrie, die natürlich einen entsprechenden Mehrwert erhalten wollte. Das ganze müffelte allenthalben ein bisschen nach „Hollywood für ganz Arme“, obwohl sich unter den Preisträgern doch auch Perlen der deutschen Fernsehschaffens versammelten. Einer hatte sogar mal den Mut, sich dem Preis zu verweigern, weil er nicht in einer Reihe mit Exkrementen telemedialen – man verzeihe mir den Begriff – Ausscheißens stehen wollte.

Das bestellte, aufgespritzte und Push-up-geschnürte Schwenkfutter – Katzenberger, Pooth, Müller – taten, was von ihnen erwartet wurde – dümmlich in die Kameras lächeln, Kusshändchen verteilen und nicht müde werden zu betonen, wie aufregend und spannend doch so ein Event ist. Aufregung und Spannung hielten sich jedoch in Grenzen. Man bot größtenteils das uninspirierte Kopieren sonstiger Preisverleihungen der Medienbranche in aller Welt und da man nicht Willens (oder eben einfach nur unfähig) war, genügend Feuerwerk abzubrennen, durften es beim Rahmenprogramm eben nur ein paar Wunderkerzen sein. Aber ‚Gott Quote‘ regierte auch hier mit eiserner Hand durch, wie weiland Kanzler Schröder das Land mal durchregieren wollte. Ja, man wollte das Siechtum tatsächlich noch einmal aufhalten und verpasste dem Verstorbenen eine Rosskur, indem man zu schmerzhaften Amputationen schritt. Dass Kameraleute, Cutter, Komponisten, Kostümbildner und Ausstatter zum Erfolg einer Sendung beitragen, wurde kurzerhand ignoriert bzw. fand deren zynische Würdigung unter Ausschluss jener Öffentlichkeit statt, für die man dieses Kaperletheater doch aufführte. Schätzungsweise waren circa 50% der geladenen Gäste überhaupt nicht mit der Herstellung von Filmen und Sendungen beschäftigt, sondern einfach nur schmückendes Beiwerk und Schwenkfutter für die Kameras. Nachhaltigkeitseffekte für die Ausgezeichneten – Fehlanzeige. Oft schlossen sogar Preise, von denen man erwarten sollte, dass sie doch Türen öffnen könnten, die selben sofort, denn Fernsehen ist allgemein nicht der Platz für Herausragendes sondern eher für stabiles Mittelmaß. Dagegen gibt es ganz und gar nichts einzuwenden – ohne Breitensport keine Olympiamedaillen – aber niemand kann erwarten, dass man als Versehrter ein 100-Meter-Lauf-Finale gewinnen kann. Der Zuschauer wendet sich zornig gelangweilt ab, weil er seine Vorurteile bestätigt sieht. Wünschen wir dem Deutschen Fernsehpreis die Friedensruhe, die er verdient hat. Wünschen wir ihm eine gute Grabpflege, die daran gemahnt, die versendete Provinzialität und den ausgestrahlten Zynismus nicht vergessen zu lassen. Wünschen wir ihm aber auch einen würdigen Nachfolger.