DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich … in der Warteschleife

von danielanderson1502

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie den Briefkasten öffnen und eine unübersehbare Masse an Werbung darin finden, obwohl Ihr Briefkasten deutlich die Aufschrift KEINE WERBUNG trägt. Mich macht das rasend. Aber es gibt auch Werbebotschaften, die sich tarnen, in neutralen Umschlägen mit dem Logo des Strom-, Gas- oder TV-Anbieters, mit dem man einen Vertrag hat. Das betrachtet man dann doch schon mal genauer.

Ich finde im Briefkasten einen Werbeflyer meines Telefon- und Internetanbieters:

„Wechseln Sie jetzt zum günstigeren Tarif! Ihr Vorteil: schnellere Verbindungen und 36-monatige Tarifbindung. Handeln Sie schnell, denn dieses Angebot ist bis zum 15.03. begrenzt!“

Ich greife zum Telefon und rufe die Hotline an. Eine automatische Ansage meldet sich:

WILLKOMMEN BEI ….. ZUR ZEIT SIND ALLE UNSERE SERVICEMITARBEITER IM GESPRÄCH, BITTE HABEN SIE EINEN MOMENT GEDULD, DER NÄCHSTE FREIE MITARBEITER IST BEREITS FÜR SIE RESERVIERT. ZUR SICHERUNG UNSERER SERVICEQUALITÄT WERDEN EINZELNE GESPRÄCHE AUFGEZEICHNET. WENN SIE DAS NICHT MÖCHTEN, GEBEN SIE UNS BITTE ZU BEGINN DES GESPRÄCHS EINEN KURZEN HINWEIS.

Nach 12 Minuten, in denen sich diese Ansage mehrmals wiederholt:

Hotline: „Guten Tag! Hier ist ……, mein Name ist Baumann, was kann ich für Sie tun?“

Ich: „Ihnen auch einen guten Tag. Meine Name ist Anderson. Mein Vorname ist Daniel. Und Ihrer?

Hotline: „Mein Vorname?“

Ich: „Ja. Meinen kenne ich ja schon lange.“

Hotline (leises Kichern): „Evelyn.“

Ich: „Sehr schön, danke. Also, ich habe einen Flyer bekommen und wollte mich über einen Tarifwechsel erkundigen.“

Hotline: „Sehr schön, Herr Anderson, das ist gar kein Problem, darf ich Sie um ihre Kundennummer und ihr Kundenkennwort bitten?“

Ich: „Sehr gerne, meine Kundennummer lautet 123456789, mein Kennwort ist ‚Notrufsäule‘.“

Ich erinnere mich, dass, zu dem Zeitpunkt, als ich ein Kennwort festlegen sollte, mir dieser blöde Witz im Kopf rumschwirrte: „Was ist ein schwäbisches SOS-Schwein? Na, a Notrufsäule.“

Hotline: „Sehr schön, Herr Anderson, vielen Dank, ja das habe ich hier auch, Notrufsäule. Wenn wir noch kurz die Adressdaten abgleichen könnten? Wenn sie die nicht zur Hand haben, dann ist das gar kein Problem.“

Ich: „Bitte, ich habe meine Adressdaten zur Hand, weil ich weiß, wo ich wohne.“

Hotline: „Natürlich, selbstverständlich, Herr Anderson, das ist gar kein Problem.“

Ich: „Die Adresse ist Tieckstraße, Nummer 24, in 10115 Berlin.“

Hotline: „So, Herr Anderson, das ist korrekt.“

Ich: „Ja, da hab ich ja noch mal Glück gehabt.“

Hotline: „Das ist gar kein Problem, Herr Anderson, worum geht es denn?“

Ich: „Wie gesagt, ich habe einen Flyer von Ihnen im Briefkasten gefunden. Da geht es um einen Tarifwechsel.“

Hotline: „Oh, da sind Sie bei mir aber völlig falsch.“

Ich: „Aha.“

Hotline: „Das ist gar kein Problem, ich stell Sie einfach zu den Kollegen durch. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

Ich: „Ich könnte einen Kaffee gebrauchen.“

Hotline: „Damit kann ich leider nicht dienen, Herr Anderson, aber das ist gar kein Problem, ich stell Sie jetzt durch und wünsche ihnen noch einen schönen Tag.“

Ich: „Danke, ich Ihnen auch Frau Baumann.“

Hotline: „Vielen Dank, auf Wiederhören.“

Es folgt eine schreckliche Musik, die sich anhört wie ein Nokiaklingelton aus den 90zigern. Nach weiteren12 Minuten, schalte ich auf Freisprechen, setze mich an den Schreibtisch, checke meine Mails, beantworte die, die wichtig sind und beginne, ein Theaterstück zu entwerfen. Die Handlung spielt auf einem fernen Planeten, auf dem heterosexuelle Liebesbeziehungen verboten sind und unter schwerer Strafe stehen. Als ich das nächste Mal auf die Uhr sehe, sind bereits 52 Minuten vergangen. Die Heldin in meinem Stück, Evelynium, hat gerade der Antagonistin, Avalynium, einer ganz fiesen Schnepfe, einen Heiratsantrag gemacht. Ich denke noch, wie sie sich unterstehen kann so etwas zu tun. Hab ich ihr nicht gerade durch ihren langjährigen Freund, Hieronimusius – ein Mann mittleren Alters, sehr gut aussehend, hochintelligent und bescheiden, hilfsbereit, musisch gebildet und überhaupt rundrum ein Traum – meine Liebe erklären lassen? Und dann geht sie einfach hin und baut so einen Scheiß? Ich bin außer mir vor Wut.  Knacken im Telefon…

Hotline: „Guten Tag, sie sprechen Evelyn Baumann, was kann ich für Sie tun?“

Ich: „Frau Baumann! Hier ist Anderson noch mal, Sie wollten mich doch verbinden.“

Hotline: „Wenn Sie mir kurz ihre Kundennummer und ihr Kundenkennwort nennen könnten?“

Ich: „Aber die hab ich ihnen doch schon vor  mehreren Lichtjahren gegeben.“

Hotline: „Das ist gar kein Problem, Herr Anderson, worum geht es denn?“

Ich: „Auch das habe ich Ihnen doch bereits erzählt, es geht um einen Tarifwechsel. Und jetzt sagen Sie mir nicht, dass ich bei Ihnen falsch bin.“

Hotline: „Gar kein Problem, Herr Anderson, das haben wir gleich. Ich schau mal eben. Ich sehe hier eine Nummer im Display. Ist das die Nummer, von der Sie gerade anrufen“

Ich: „Hören Sie, Frau Baumann, Evelynium, ich gebe Ihnen jetzt noch mal alle Daten, können wir dann zum Grund meines Anrufs bei Ihnen kommen?“

Hotline. „Gar kein Problem, Herr Anderson, so machen wir das jetzt.“

(Ich gebe nochmals alle meine Daten durch.)

Hotline: „Sehr schön, Herr Anderson, vielen Dank für Ihre Geduld.“

Ich: „Bitte sehr, keine Ursache.“

Hotline: „Wie kann ich Ihnen also weiter helfen?“

Ich (mühsam beherrscht): „Es geht um einen Tarifwechsel.“

Hotline: „Sehr schön, das ist gar kein Problem, Herr Anderson, welchen Tarif nutzen Sie denn zur Zeit“

Ich: „Das weiß ich nicht, die Daten müssten Sie doch in ihrem System haben.“

Hotline: „Natürlich, einen Moment bitte, das ist gar kein Problem, das haben wir gleich, einen kleinen Augenblick bitte, Herr Anderson“

(Wieder die schreckliche Melodie. Ich beginne an meinem Theaterstück weiter zu schreiben. Das Paar durchlebt eben eine schwere Krise, weil Evelynium nun doch ihre Leidenschaft für mich entdeckt hat, ich jetzt aber nicht mehr will und daher Avalynium mal stecken lassen muss, was ihre verehrte Angetraute da so treibt. Mir kommt die Idee zu einem Essay unter dem Titel: „Wer hat Angst vor Frau Baumann“. Ich lasse mein Theaterstück liegen und beginne an dem Essay zu arbeiten. Nach weiteren 14 Minuten …. )

Hotline: „SO, Herr Anderson, das hat jetzt etwas länger gedauert, aber jetzt kann es losgehen. Sie wohnen in der Tieckstraße 24 in 10115 Berlin, ist das richtig.“

Ich (im kafkaesken Rausch): „Ja.“

Hotline: „Sehr schön, Herr Anderson, ich sehe ja gerade, dass Sie doch relativ häufig im Internet sind, da macht ein Tarifwechsel Sinn, Herr Anderson, haben Sie darüber schon mal nachgedacht?“

Ich (nehme ein Aspirin): „Deswegen rufe ich doch an.“

Hotline: „Das ist gar kein Problem, Herr Anderson, das haben wir gleich. Wollen Sie den neuen XXLplus Tarif oder lieber den ALLcomfort Tarif?“

Ich: „Keine Ahnung, auf dem Flyer, den ich von Ihnen bekommen habe, steht weder der eine noch der andere.“

Hotline: „Das ist gar kein Problem, Herr Anderson, was steht denn da?“

Ich: „Hier steht, dass der Tarif, den Sie mir anbieten wollen, FLAT50000plus heißt.“

Hotline: „Das ist gar kein Problem, Herr Anderson, da schaue ich gleich mal, ob der für Sie überhaupt verfügbar ist, einen Moment bitte.“

(Ja, ich wurde wieder mit der Nokiamelodie malträtiert. Nach einer weiteren Aspirin macht mein Essay gute Fortschritte. Ich stelle die Kaffeemaschine an und beginne danach die Wäsche aus der Waschmaschine zu holen und hänge sie auf. Nach weiteren 27 Minuten….)

Hotline: „So, Herr Anderson, jetzt habe ich alle Informationen mal für Sie zusammen getragen.“

Ich: „Schön.“

Hotline: „Ja, wir haben zur Zeit einen großen Andrang hier.“

Ich (mit schnell kürzer werdendem Geduldsfaden): „Wissen Sie eigentlich, Frau Baumann, wie lange wir jetzt schon telefonieren?“

Hotline: „Das ist gar kein Problem, Herr Anderson, das haben wir gleich.“

Ich: „Das würde mich sehr freuen.“

Hotline: „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass der annocierte Tarif in ihrem Einzugsbereich nicht verfügbar ist.“

Ich (als Kragenbär, dem derselbe droht zu platzen): „Wie bitte?“

Hotline: „Es tut mir leid, Herr Anderson, aber das ist gar kein Problem, ich könnte ihnen dafür aber den Highspeed32000 Tarif anbieten, da fahren Sie sogar noch besser. Allerdings müsste ich Sie da zu den Kollegen durchstellen.“

Ich: „Nein, danke, ich glaube, ich verzichte.“

Hotline: „Das tut mir sehr leid, Herr Anderson, falls Sie es sich doch noch mal überlegen möchten, können Sie jederzeit anrufen, das ist überhaupt kein Problem.“

Ich: „Nein, danke, das wird wohl mein letztes Gespräch mit Ihnen gewesen sein.“

Hotline: „Das ist gar kein Problem, Herr Anderson, kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

Ich: „Ja, könnten Sie mir den Mitschnitt unseres Gespräches schicken“

Hotline: „Das ist gar kein Problem, aber aus Gründen des Datenschutzes wird das wohl nicht möglich sein.“

Ich: „Ich verstehe.“

Hotline: „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag, Herr Anderson.“

Ich: „Danke, gleichfalls.

Hotline: „Ich könnte Ihnen allerdings noch einmal eine detailierte Tarifübersicht per Post schicken, das ist gar kein Prob….

(Ich konnte Frau Baumann nicht mehr aussprechen lassen und trennte die Verbindung. Falls in den nächsten 10 Jahren noch einmal jemand die Redewendung „Das ist gar kein Problem“ benutzt, werde ich wohl vor Gericht landen, weil ich denjenigen oder diejenige erst heiraten, dann sein oder ihr Leben zur Hölle und sie oder ihn schließlich das Auto anzünden werde.)