DAS LEBEN ALS MENSCH. Neulich ….. Er steht nicht richtig.

von danielanderson1502

Die Morgen an Sonntagen sind eine großartige Erfindung. Man sollte einer Reihe von Menschen posthum den Friedensnobelpreis dafür verleihen, angefangen von den Erbauern des Turmes von Jericho, über Papst Gregor, dessen Kalender wir noch heute benutzen, bis hin zu Kepler und Genossen. Sonntagmorgen sind im Allgemeinen sehr friedlich, das Grundrauschen der Großstadt ist um ein paar Dezibel heruntergefahren, ein einzelnes Hundebellen irgendwo und das sanfte Schlurfen von Leuten, die in Badelatschen und Jogginghosen zum Bäcker gehen.

An so einem Sonntagmorgen saß ich sehr früh, also nach 10 Uhr, in meinem Stückchen Garten, den ich durch das bodentiefe Fenster meiner Schlafzimmertür betreten kann, trank Kaffee und hörte mit geschlossenen Augen dem Gras – oder vielmehr dem Unkraut – beim Wachsen zu.

Die Beschaulichkeit wurde jäh unterbrochen, als eine verzweifelte Frauenstimme die Großstadtidylle unterbrach:

„Er steht nicht richtig! Er steht nicht richtig, Herrgott noch mal!“

Ich fragte mich nur für einen Augenblick, was damit wohl gemeint sein könnte, gab es dann aber auf. Warum sollte mich so ein Ruf auch nur dazu bewegen, meine Augen zu öffnen. Das änderte sich, als der Bass eines Mannes antwortete:

„Ja, doch, er steht nicht richtig, dann musste eben mal selber machen, wenn er nicht richtig steht.“

Es schien, als kämen die Worte von der Straßenseite und würden durch meine geöffneten Fenster in meinen Garten getragen.

Jetzt ärgerte ich mich für einen Moment, dass mir solche Dialoge nicht einfielen und mir stattdessen die Realität zu Hilfe kommen musste. Wieso war ich nicht schon längst auf die Idee gekommen, eine absurde Kurzgeschichte mit dem Titel ‚Er steht nicht richtig‘ zu schreiben? Während ich noch darüber nachdachte, warum meine Fantasie so beschränkt mittelmäßig ist, entbrannte in der Etage über mir ein heftiger Streit zwischen dem Ehepaar, das diese Wohnung bewohnt.

„Wenn ich es dir doch sage, er steht nicht richtig“, schnauzte meine Nachbarin ihren Gatten an, „er knickt immer wieder ein.“

Die Antwort des Mannes war leider nur teilweise verständlich, es klang wie:

„… wenn du aber auch immer … nie kannst du … vorsichtiger … du musst ….“

Das konnte doch kein Zufall mehr sein, oder? Okay, der Frieden war dahin und ich ging in meine Küche, um mir noch einen Kaffee zu holen. Ich zwang mich, aus Gründen nicht neugierig erscheinen zu wollen, dazu, nicht aus dem Fenster zu sehen, um vielleicht dem ersten Dialog auf den Grund zu gehen. Vielmehr schnappte ich mir kurz entschlossen einen 5-Euro-Schein aus dem Portmonnaie, um mich auf den Weg zum Bäcker zu machen. Dabei könnte ich, ganz unverfänglich, vielleicht erfahren, wer oder was da nicht richtig steht.

Als ich aber die Haustür öffnete, befand ich mich allein auf der Straße. Unterwegs zur Bäckerei ‚Alpenstück‘ passierte ich einen Hochpaterrebalkon, auf eine Frau stöhnte, als sei der Leibhaftige hinter ihm her:

„Ach, ach, nein, ja, jetzt, nein … er steht nicht richtig.“

Ich blickte mich um und suchte mit wachsender Panik die versteckten Kameras, mit denen man mich offensichtlich in den Wahnsinn treiben wollte. Ich entdeckte an einem Hauseingang eine Überwachungskamera und näherte mich ihr so normal und unaufgeregt wie möglich. Einer plötzlichen Eingebung folgend, sprang ich auf die Kamera zu und schnitt eine Grimasse, die selbst Hitler, Stalin oder den ISIS-Kommandeur Al-Bagdadi erschreckt und alle drei zu Pazifisten gemacht hätte. Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass gerade in diesem Augenblick die Haustür von innen geöffnet wurde und eine sehr attraktive Frau in knappen Shorts und halbdurchsichtigem Top herauskam. Die beste Tochter von allen hätte nur ihren Blick gen Himmel gerollt: „Papa, du bist echt peinlich.“ Ja, verdammt, weiß ich, weiß ich. Aber, was, bitte schön, soll ich denn machen?

Als ich meine Brötchen bezahlte, das Stück zu 1,42€ wegen Bio und Berlin-Mitte, rief eine Frau aus der Backstube, dass es durch den ganzen Laden hallte:

„Steht, endlich!“

Ich hatte Mühe, nicht in hysterisches Gekicher auszubrechen, als ihr eine Männerstimme verhalten antwortete:

„Ja, aber nicht richtig.“

Dem Satz folge ein ohrenbetäubender Lärm, als bliese jemand die Trompeten von Jericho.

Fluchtartig verlies ich die Lokalität und rannte, so schnell es die Badeschlappen an meinen Füßen erlaubten, mir die Ohren zuhaltend, in Richtung meiner Behausung. Als ich die Wohnungstür aufschloss und deswegen die Hände von den Ohren nehmen musste, schimpfte jemand unterdrückt aus dem Kellergeschoss:

„Jetzt ist er abgebrochen. Ich hab dir gleich gesagt, er steht nicht richtig.“

Hatte ich nicht noch eben die friedlichen Sonntagmorgen in der Großstadt gepriesen? In meiner Wohnung schloss ich alle Fenster, ließ die Rollläden herunter und drehte das traurigste aller Lieder (BLACKBIRD – in der Version von Evan Wood) voll auf.

Wenig später drang durch die Musik die Wohnungsklingel an mein Ohr. Ich drehte Evan Wood den Hals um. Ich schleppte mich zur Tür und sah durch den Türspion meine Nachbarin von oben. Ich öffnete und sah in ihrem Blick, dass ich furchtbar aussehen musste. Aber sie riss sich zusammen:

„Guten Morgen. Können Sie mir vielleicht helfen, mein Mann ist ein bisschen minderbemittelt in diesen Dingen.“

Damit wies sie auf einen nagelneuen Wäscheständer, den sie vor meine Tür gestellt hatte:

„Er steht nicht richtig und knickt immer wieder ein. Und Sie können doch wahrscheinlich so was.“

Nun doch in das hysterische Gekicher ausbrechend, drehte ich eine Plastikfeststellmuffe die sich schlapp und nutzlos an das Aluminiumrohr schmiegte über das Gelenk:

„Jetzt steht er richtig“, prustete ich der verdutzten Frau ins Gesicht. Sie hatte soviel Mitgefühl, sich ein bedauerndes Lächeln abzuringen, als wollte sie sagen: ‚Sie sollten sich dringend in nervenärztliche Behandlung begeben.‘ Gerade als sie mit ihrem, nun richtig stehenden WäscheSTÄNDER, haha, nach oben entschwand, kam aus dem Keller das schwule Pärchen mit seinen Fahrrädern die Treppen hoch. Sie würdigten mich keines Blickes, denn sie waren nun in eine bittere Auseinandersetzung vertieft, die sich um den abgebrochenen FahrradSTÄNDER, haha, drehte. Die Welt liegt im Fieber, jawohl, im Fieber.

Zurück in meiner Wohnung nahm ich eine kalte Dusche und öffnete wieder alle Fenster. Als ich die zur Straße aufstieß, sah ich zwei Männer und eine Frau aufgeregt um einem Kleinbus herumspringen, wobei die Frau unentwegt insistierte:

„Nun sag du doch mal, der steht doch nicht richtig. Wie soll ich denn da wieder rauskommen.“

Es gibt doch noch eine Gerechtigkeit, es gibt doch noch einen gnädigen, verzeihenden HERRN. Und mir ist er erschienen, dem Himmel sei Dank.

Später am Tag wollte ich mich mit einem Freund auf einen Kaffee treffen. Als ich an der Bäckerei ‚Alpenstück‘ vorbei kam, waren mehrere, schwitzende Männer eines Notdienstes gerade dabei, einen kleinen, betagten und demolierten Backautomaten in einen Transporter zu verladen. Ein Mann im Kittel und mit Klemmbrett unterm Arm beaufsichtige die Arbeit. Einer der Angestellten der Bäckerei stellte sich neben ihn. Der Kittel fragte leichthin:

„Wie konnte das denn passieren?“

„Stand nicht richtig, das Ding. Sandy wollte noch Bierdeckel drunterschieben, aber da ist es passiert.“

Mein gemurmeltes Dankgebet wurde vom Text eines Verladers überlagert:

„Steht, nur noch das Gummiding drüber und festzurren.“

Mein Freund, dem ich die Sonntagmorgengeschichten ‚Er steht nicht richtig‘ atemlos erzählte, er studiert seit Neuestem wieder Philosophie an einer Fernuni und will sogar noch promovieren, hatte mir regungslos zugehört. Dann schaute er mir tief in die Augen und legte mir, was er sonst niemals tat, beschwichtigend die Hand auf die Schulter:

„Mein Freund, du musst dringend mal Urlaub machen.“

Als ich später am Abend nach Hause lief, kam ich an dem stöhnenden Balkon vorbei. Eine jetzt ganz und gar nicht mehr hysterische, sondern einschmeichelnde Stimme schwappte zu mir auf die Straße:

„Wir hätten die Yukapalme niemals auf diesen baufälligen Hocker stellen dürfen.“

„Stimmt, mein Mauseschwänzchen, konnte ja nicht richtig stehen.“

Nun, war ich endgültig versöhnt mit mir, der Welt, dem ganzen Universum und mit allem, was nicht richtig steht.

Ich beschloss, mich noch auf eine Zigarette in den kleinen Park am Nordbahnhof zu setzen. Nach drei Zügen hörte ich ein Rascheln zwischen den frisch angepflanzten Büschen hinter der Bank. Ein kleines, sehr leises Wispern umfing mich wie eine wundervolle Umarmung:

„Süßer, er steht nicht ri ….“

Wie ich nach Hause kam, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, dass Sonntage eine wunderbare Erfindung sind.