ABREIBUNG FÜR HERMANIS IN ZEITEN DER ANGST

von danielanderson1502

Ja, verdammt, wir leben in sonderbaren Zeiten.

Es sind Zeiten der Angst.

‚Besorgte‘ Bürger sind ‚besorgt‘, und haben nichts weiter als Angst, weil sich ihnen keiner erklären will. Linke haben Angst vor den Rechten und die Rechten haben Angst vor den Linken – beide tarnen ihre Angst mit Gewalt gegen alles und jeden, der ihre Ansichten nicht teilt. Die Mitte, falls es sowas überhaupt noch gibt, hat Angst vor allen Seiten. Muslime haben Angst davor, grundlos stigamtisiert zu werden. Juden empfinden Angst vor Muslimen und deren latentem Judenhass, der auch in der bürgerlich deutschen Gesellschaft als allgemeiner Konsens von ganz weit rechts bis ganz weit nach links lauert. Christen haben Angst, Athetisten haben Angst, und alle zusammen haben Angst vor DAESH.

Als Künstler oder Intellektueller und auch die, die sich dafür halten, hat man heute eine Art Treueschwur auf irgendwie links zu leisten, weil man dahin zu gehören hat. Auch das ist Konsenz, und man ist sich der Tatsache bewusst, dass man bei Strafe von Liebesentzug, der für einen quasi das existenzielle Aus bedeutet, bestraft wird. Und selbst, wenn man vielleicht leise, feine Zweifel haben sollte, an dem, was da gerade als Willkommenskultur wie eine Weltmeisterschaft um Kriegsflüchtlingsherzen zelebriert wird, wird man aus Angst, Keile von den Vereinigten Streitkräften des Feuilletons zu kriegen und von der obersten Heeresleitung der Medien in ‚Pack‘-Nähe gerückt zu werden, der politisch korrekten Einheitsmeinung folgen. Sollte es doch jemand wagen, aus der Reihe zu tanzen, kriegt er eine ordentliche Abreibung.

Mein Kollege Alvis Hermanis musste schmerzliche Bekanntschaft mit diesem Verfahren machen, nachdem er seine Inszenierung am Hamburger Thalia-Theater mit der Begründung abgesagt hat, dass er die Politik des Hauses nicht mittragen kann . Anlass war das Flüchtlingsprojekt des Theaters, und Hermanis wollte sich nicht diesem Geist eines ‚refugee welcom centers‘ unterordnen. Er schrieb einen Brief an die Intendanz. Kein Brief, der für eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit bestimmt war. Hermanis wählte den Weg, der vernünftig und angemessen schien. Er machte keine Staatsaffäre daraus, er schob keine medienwirksame Welle vor sich her, er war besonnen. Ich teile seine Meinung ganz und gar nicht, dass man sich vor Flüchtlingen ’schützen‘ müsste, weil damit quasi ‚französischen Zuständen‘ Tür und Tor geöffnet würden. Ich teile aber seine Meinung, dass ein Theater kein ‚Flüchtlingsprojekt‘ braucht, um Solidarität zu zeigen. Meiner Meinung nach weckt das falsche Hoffnungen, es ist eine Tür, die sich zwangsläufig wieder schließen muss.

Ich gestehe Hermanis das Recht zu, seine Meinung zu haben, auch dann, wenn sie, wie in diesem Fall, nicht meine eigene ist. Ich würde dem Kollegen mein Bedauern ausdrücken, dass mein Theater mit ihm einen Künstler von Rang verloren hat. Ich hätte mich als Intendant, der so einen Brief bekommt und dem etwas an dem Kollegen liegt, vielleicht auf den Weg zu ihm gemacht, wäre mit ihm einen trinken gegangen und hätte versucht die Politik meines Hauses zu erklären. Ich hätte das Telefon in die Hand nehmen können, wenn mir Paris zu weit gewesen wäre. Aber ich hätte, in der Hoffnung einen Konsens zu finden, das Gespräch gesucht und auch gefunden – egal, was dabei herausgekommen wäre. Vielleicht hat Joachim Lux es ja auch getan. Der Intendant des Thalia-Theaters hat jedoch augenscheinlich einen anderen Weg gewählt. Was auch immer ihn bewogen haben mag, einen an ihn gerichteten Brief von Hermanis in die Öffentlichkeit zu entlassen, es hätte ihm als sehr klugen Menschen, der er ist, klar sein müssen, dass er damit in diesen Zeiten der Angst zumindest dem Ruf des Kollegen schadet, ja, ihn vielleicht sogar zerstört. Hätte Hermanis wirklich seine Meinung öffentlich machen wollen, hätte er sicherlich einen anderen Weg beschreiten können, als einen Brief an Lux zu schreiben. Die Viralität, die die Pressemitteilung über die Gründe der Absage erreichte, war gar nicht so erstaunlich, wie es vielleicht den Anschein hat. Denn, wie gesagt, wir leben in Zeiten der Angst. Es brachen Shitstürme los, plötzlich hatte  man einen am Kragen, G’tt sei Dank. Und man selbst konnte sich und seine eventuellen Zweifel – angesichts des Zynismus, der den von Krieg traumatisierten Menschen staatlich verordnet entgegenschlägt, indem man sie erst einlädt und dann, wie in Berlin, tagelang in Regen und Kälte warten lässt – hinter einer ordentlichen Portion Entrüstung verbergen.

Ein bisschen fühlt man sich als gelernter DDR-Bürger bei alldem daran erinnert, wie das dort gehandhabt wurde. Eine weltanschauliche Deutungshoheit wird bis zum Rufmord durchgesetzt. Man wird öffentlich vorgeführt. Man bekommt die Instrumente gezeigt, in der Hoffnung, dass sich nur kein anderer wagen sollte, der politisch unkorrekten Meinung zu folgen, denn dann würde man schon sehen, was man davon hat. In der DDR übernahmen diesen Job die Staatsbürgerkundelehrer in der Schule, die Parteisekretäre in den Betrieben – begleitet von IM’s – und irgendwann gesamtgesellschaftlich auch die hauptamtlichen STASIisten. Robert Havemann, Freya Klier, Bärbel Bohley, Wolf Biermann und noch eine ganze Reihe anderer haben das – manchmal bis an den Rand der physischen Vernichtung – erleben dürfen. Vertrauen in jemanden zu haben und ihm seine Meinung zu sagen, war ein Luxus, den man sich eigentlich nicht leisten konnte.

Klar, Hermanis hätte sich auch einfach nur krank melden können, seine Inszenierung wäre eben aus diesen Gründen abgesagt worden und kein Hahn hätte danach gekräht. Nun befinden wir uns stattdessen in einer Massenhahnhaltung und das Krähen fängt ganz gewaltig an zu nerven. Hermanis wollte seinen Arbeitgeber nicht belügen, daher hat er diesen Brief an geschrieben. Hätte der Intendant das Vertrauen, dass Hermanis ihm damit bewiesen hat, so desavouieren müssen, indem er die Gründe für die Absage öffentlich macht? Nein, hätte er sicherlich nicht. Warum hat er es dennoch getan? Vielleicht aus Angst?

Ja, verdammt, wir leben in sonderbaren Zeiten.

Es sind Zeiten der Angst.