WIE SCHADE, DASS SIE KEINE FRAU SIND, KOLLEGE ANDERSON

von danielanderson1502

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Ja, das finde ich auch sehr bedauernswert, dachte ich nach dem Gespräch mit dem jungen, agilen Filmproduzenten aus Hamburg. Viele meiner Kollegen werden ähnlich absurde Geschichten auf Lager haben, und auch ich habe darüber hinaus schon eine erkleckliche Anzahl haarsträubender Anekdoten in meinem Berufsleben in dieser Richtung sammeln dürfen. Jedoch war diese hier, ja, ich darf sagen, ein ganz besonderer Höhepunkt. Aber schön, der Reihe nach.

Vor einigen Jahren hatte ich eine Idee, eine Filmidee. Ich wollte einen Film machen, der der Frage nachgeht, was Glück ist. Vielleicht auf den ersten Blick nicht besonders originell, wie ich zugeben muss, da doch die meisten Filme und Geschichten um dieses Thema kreisen. Auslöser war aber eine Begebenheit aus meiner DDR-Kindheit, die ich teilweise im thüringischen Jena verbrachte. Die Begebenheit drehte sich vorderhand um nicht existente Unterhosen, weshalb die Geschichte auch „Der Unterhosenstreik“ heißen sollte, aber eigentlich ging es darum, was Glück bedeutet, wenn man keine Unterhosen zu kaufen bekommt. Dann ist die erfolgreiche Jagd nach diesem Kleidungsstück nämlich schon ein unfassbares Glück.

Tatsächlich ging mir das Exposé leicht von der Hand. Es sollte ein Film über Frauen werden, da ich auch innerhalb meiner Familie erleben durfte, dass Frauen in der DDR etwas ganz besonderes waren. DDR-Frauen brachten es meiner Erfahrung nach dazu, Beruf, Kinder, Familie, gesellschaftliches Engagement und privaten Glücksanspruch miteinander auf eine ganz wunderbare Weise zu verbinden. Nicht, dass das real-sozialistische Leben ganz besonders nett zu Frauen gewesen wäre, aber der Marxismus-Leninismus machte einiges mehr möglich, als es vielleicht heute für Frauen der Fall ist. Ich bitte, mich nicht falsch zu verstehen – ich wollte mit dem Film keine Tränen über das Ableben der DDR vergießen, ganz im Gegenteil. Ich fand aber, dass in Filmen über die DDR, die nach 1989 im wiedervereinten Deutschland entstanden, der stinknormale Alltag unterrepräsentiert war. Der Glücksanspruch der Helden dieser Filme drehte sich entweder um Flucht, um deutsch-deutsche Trennung oder glorifizierte Stasi-Täter. Was ich wollte, war das Leben dreier Frauen erzählen, die sich im DDR-Leben eingerichtet hatten, deren Welt nicht von der Sehnsucht nach der großen weiten Welt bestimmt war und deren Schicksal durch einen Mangel an Unterhosen für immer mit einander verknüpft sein würde. „DER UNTERHOSENSTREIK“ – das klang in meinem Inneren nach Komödie und nach Tragödie, weshalb ich gerne für meinen Stoff das Genre der Dramödie reklamierte. Und genau besehen, können Unterhosen tatsächlich Komödie, Drama oder eben beides zugleich sein, nicht wahr? Und, ja, ich wollte einen Heimatfilm machen. Unbedingt einen Heimatfilm.

Nachdem ich mehrere Fassungen des Exposés geschrieben und eine kluge Frau als Dramaturgin dafür begeistert hatte, gelang es mir einen freien Producer für meinen Filmstoff zu interessieren. Da die thüringische Stadt Jena quasi eine vierte Hauptrolle spielte, schlug mir der Producer eine kleine Filmproduktion in eben jenem Bundesland vor. Während ich das Treatment und die erste Fassung des Drehbuchs schrieb und mich mehrere Nächte mit den Förderunterlagen herumschlug, unternahm die Filmproduktion den Anlauf, einen großen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ins Boot zu holen. Alles klang sehr vielversprechend, denn auch die Stadt Jena war zu jeglicher Unterstützung bereit, man freute sich ‚ein zweites Loch in den Arsch‘, wie der Kulturreferent nicht müde wurde zu betonen, weil ‚hier wurde noch nie irgendwas von Belang‘ gedreht. Ich traf mich mit potentiellen Hauptdarstellerinnen, eine Szenenbildnerin, die das Buch gelesen hatte, brannte lichterloh, wildfremde Menschen aus der Branche, die von dem Projekt gehört hatten, bewarben sich um Mitarbeit. Ich schwebte und war der Meinung, dass jetzt absolut nichts mehr schief gehen konnte. Nach weiteren zwei Jahren und sieben Drehbuchfassungen später bekam die Hauptabteilungsleitung ‚Fernsehfilm/Kino-Koproduktion‘ des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders das Konvolut auf den Tisch. Ich weiß nicht, was wirklich passiert ist, aber mir wurde berichtet, dass man geschäumt hätte, was immer das auch heißen mag. Kolportiert sind ein paar Sätze wie: „Sowas hat es nicht gegeben“ und „Das ist Verunglimpfung der Arbeiterklasse in der DDR“. Ob diese Texte wirklich gesprochen wurden, vermag ich nicht zu sagen, aber das ändert nichts am Ergebnis. In Abwandlung eines berühmtes Ausspruches von Jewgeni Jewtuschenko möchte man sagen: „Ein gestraucheltes Projekt muss man totschießen wie ein gestraucheltes Pferd.“ Ich schoss. Mit zitterndem Abzugsfinger und mit Tränen in den Augen.

Schnitt. Bei einem meiner zahlreichen Umzüge fiel mir immer mal wieder das Drehbuch, letzte Fassung, in die Hände und ein tiefes Seufzen entrang sich jedes Mal meiner Brust. Schließlich entschloss ich mich, noch einen Anlauf zu machen, ich fand den Stoff zu schön, um ihn im Keller der aufsteigenden Feuchte preiszugeben. Zu den 40 Exemplaren, die ich per Einschreiben verschickte, erhielt ich ganze drei Eingangsbestätigungen, die aber auch sofort betonten, dass man wenig bis gar keine Chancen sähe. Ungefähr die Hälfte kam ungelesen mit dem Vermerk ‚Annahme verweigert‘ zurück. Schon nach 14 Monaten meldete sich per Mail ein Produzent aus Hamburg.

„Hallo Kollege Daniel Anderson,

ich habe das Buch lesen lassen und es interessiert mich. Ihre Vita ist ja ganz ordentlich, auch wenn das alles nur Serien sind. Kommen Sie doch bei Gelegenheit mal nach Hamburg, dann reden wir darüber.

Mit besten Grüßen von der Waterkant,

XY.“

Heureka, das war doch mal was. N8n ja, Hamburg war nicht gerade Thüringen, wo das Buch am besten aufgehoben gewesen wäre, aber, was soll’s. Spatz – Hand, Taube – Dach. Ich mailte sofort zurück und bat um einen konkreten Termin. Vier Monate später erhielt ich einen Vorschlag für ein Treffen, der weitere sechs Monate in der Zukunft lag. Was ist schon Zeit, wenn man Glück hat?

Gestern war es nun soweit. Ich wurde in einem netten Büro mit Hafenblick und Kaffee, der wie verbranntes Schweinefleisch  schmeckte, empfangen. Ein gestresster XY. gab mir fahrig die Hand:

„Wir haben 30 Minuten, dann hab ich Termin beim Sender.“

Mir wurde ein Stuhl angewiesen und eine Zeitung vor die Nase gelegt. Es war ausgerechnet die Sonntagsausgabe des Berliner Tagesspiegel. Im Kulturteil war der Artikel „Eine Frage von Heimat – Das deutsche Kino kreist immer noch um sich selbst. Es braucht Input von außen …“ angemarkert. Leuchtendes Orange.

„Lesen Sie mal schnell, ich muss nur kurz was mit Angelika klären“, sagte XY. und entfleuchte. Angelika war offensichtlich seine Sekretärin oder Assistentin oder wer auch immer.

Ich tat, wie mir geheißen und las. In dem Artikel wurde versucht, den Nachweis zu führen, dass das ‚Fack ju Göthe‘ – Phänomen ein Armutszeugnis für den deutschen Film wäre, und wir tatsächlich wesentlich mehr ausländische Filmemacher bräuchten und diese auch dringend gefördert werden müssten. Es fielen in dem Artikel viele Namen von türkischen, tunesischen und irakischen Kollegen, deren von deutschen Filmförderanstalten geförderte Filme sich mit den Problemen und den Beziehungen der Autoren zu ihrer Heimat auseinandersetzten. Soleen Yussef, eine irakische Kollegin, wurde mit ihrem Film ‚Haus ohne Dach‘ ausführlich vorgestellt. In diesem Film geht es um eine kurdische Familie, die nach dem Tod des Vaters zwischen Deutschland und Irak zerrissen wird. Während die Mutter zurückkehren will, denken die Kinder gar nicht daran ihre Existenz in Deutschland so ohne weiteres aufzugeben. Interessant, wie ich fand, war aber intellektuell nicht in der Lage, eine Verbindung zu meinem Drehbuch herzustellen.

Als XY. nach 20 Minuten wieder erschien, („Wir haben noch 10 Minuten“) sah er mich herausfordernd an:

„Also, was sagen Sie?“

„Nun, was sagen SIE?“, antwortete ich lauernd.

„Um es kurz zu machen, Kollege Anderson, ja, Sie können schreiben, hab ich mir sagen lassen, Ihre Figuren in dem Buch sollen scharf und außerordentliche Tiefe haben, und sicher können Sie auch Regie führen, wenn man den Gerüchten in der Branche glauben schenken darf …“

„Das klingt nach einen ‚Aber'“, unterbrach ich die Stille.

„Richtig, da gibt’s ein ‚Aber‘. Ich will nicht den Teufel an die Wand malen. Verstehen Sie mich mal nicht falsch. Sie sind nicht mehr der Jüngste, Ihre besten Jahre liegen hinter Ihnen, da brauchen wir uns nichts vorzumachen, seien wir mal ehrlich. Sie sind kein Flüchtling, nicht mal Ausländer.“

Dem konnte ich nicht widersprechen, das alles bin ich nicht und es wird mir in diesem Leben aller Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr vergönnt sein, Flüchtling oder Ausländer in Deutschland zu werden. Okay, kein Problem.

„Um auf den Artikel hier zurückzukommen, den Sie mir so schön präsentiert haben, mein ‚UNTERHOSENSTREIK‘ ist doch auch ein Heimatfilm und meine Helden sind Frauen und …“

XY. hob die Hand, um mich zu unterbrechen: „Ich sagte ja schon, dass man mir gesagt hat, dass Ihr Drehbuch wundervoll ist, aber, und das ist das Hauptproblem, Sie sind eben nicht nur alt, Sie sind auch noch ein Mann und noch dazu ein weißer Mann, also Durchschnitt, nichts, wovon wir nicht schon genug hätten“.

Noch zwei Minuten, bis XY los musste. Er stand schon mal vorsichtshalber auf und zog sich das Jackett an.

„Und um mir das zu sagen, haben Sie mich aus Berlin hier antanzen lassen? Mit Verlaub, Herr XY, das ist wirklich respektlos.“

XY. war nicht im Geringsten irritiert, nein, ein gütiges Lächeln umspielte seine Lippen, die übrigens von einem perfekt in Form gestutzten Hipsterbart umrahmt wurden.

„Ach, nehmen Sie das nicht persönlich, aber wie schade, dass Sie keine Frau, Kollege Anderson, dann könnten wir es trotz Ihres Alters versuchen. Aber wissen Sie was? Machen Sie einen Roman draus und wenn der gut läuft, dann haben wir jedes Argument in der Hand, um gefördert zu werden.“

Auf der Rückfahrt nach Berlin zuckte mir der Gedanke durch den Kopf, mein Gefährt gegen einen Brückenpfeiler zu lenken. Ich verwarf den Gedanken wieder und rief stattdessen meinen Freund T. an.

„Schreib’s auf, Kisch“, lachte T. „Warum machst du nicht wirklich einen Roman draus?“

Ja, warum eigentlich nicht.