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Nachtschicht-Albtraum-große Schauspieler

Das Leben als Mensch: Neulich …. im Theater

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zweite Überschrift Nachtschicht von Daniel Anderson im Theater Tiefrot in Köln am 12.10.2013 (Premiere 11.10-page-001

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Je mehr man in einen Text eindringt, je länger man nach einer Theateraufführung wartet, desto problematischer wird es, einen Text über sie zu schreiben. Aber nach den rund neunzig Minuten NACHTSCHICHT von Daniel Anderson im Theater TIEFROT in Köln, demnächst in Berlin und noch einmal in Köln zu sehen (?) war ich sprachlos, sprachlos wegen der berührten Assoziationsfelder, sprachlos wegen hervorragender Darsteller und auch sprachlos wegen eines Stücks und einer Inszenierung – ganz schwer zu trennen an diesem Abend Text, an dem wohl bis zum letzten Augenblick gefeilt worden ist und Inszenierung, die ich hervorragend einstufe, weil die Darsteller in den Vordergrund treten, der inhaltliche Spannungsbogen zu leben beginnt, die Darsteller im Rahmen der Bühne brillieren…..
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Daniel Andersson (Jahrgang 1968) ist nun wahrlich kein Unbekannter in der deutschen Film- und Fernsehszene, als Blogger im Internet und auch als Leiter der Berliner Theaterbrigade ,unterwegs‘, er hat mit Nachtschicht ein Kammerspiel geschrieben…

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DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. Solidarität

Ich weiß nicht, welche Erfahrungen Sie mit Solidarität gemacht haben, meine sind fast ausschließlich eher mau, um nicht zu sagen, eiskalt. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich halte mich für einen solidarischen Menschen. Braucht jemand mal schnell eine Castingszene („Oh Gott, der Dreh ist schon übermorgen, hast Du da nicht ein kleines Script für zwei Personen auf Deinem Computer, dass Du mir zur Verfügung stellen kannst?“), braucht jemand ganz dringend einen Cutter für eine Bewerbungsvideo („Du, kann ich eben bei Dir vorbeikommen, Du hast doch Final Cut und Pro Tools, oder?“), Pressetexte („Ich weiß einfach nicht mehr weiter, ich soll den Text auf 10 Zeilen einer Normseite kürzen, aber ich schaff nur 12.“), Türenöffnen („Du kennst doch den X, Y, Z, meinst Du, Du könntest mir mal einen Kontakt dahin machen?“), Exposés („Ich hab hier einen Roman geschrieben und denke, dass das ein guter Film werden könnte, kannste das nicht mal lesen und mir was dazu schreiben?“). Die Reihe ließe sich beliebig lange fortsetzen.

Seltsamerweise habe ich seit Längerem das Gefühl, dass es sich bei alldem um eine Einbahnstraße handelt. Bis jetzt war ich der Meinung, dass das viel beschworene Universum das schon irgendwie regeln wird, klar, das Karmakonto ist doch gut gefüllt, mir kann nichts passieren – aber, denkste. Weit gefehlt, Herr Doktor, sehr weit sogar. Die Solidarität unter den Kreativen und denen, die sich dafür halten, reicht oft nicht mal vom Sessel bis zum Telefon. Selbst, wenn man jemanden einlädt an einem Projekt teilzunehmen und dafür rote Teppiche ausrollt, ist es vielmehr eine Sache des Glücks. Ganz zu schweigen davon, dass, sollte man jemandem etwas wirklich schenken und eine Möglichkeit eröffnen, sich zu präsentieren, man immer das Gefühl hat, jemanden zum „Jagen tragen“ zu müssen. Und: ich rede noch gar nicht davon, mal jemanden um Hilfe zu bitten – es hagelt Absagen, oder es rauscht nur Schweigen im kreativen Wald. Und, ehrlich gesagt, ich weiß nicht, woran das eigentlich liegt. Vielleicht daran, dass der ‚Wind des Geldverdienenmüssens‘ sich zum Sturm ausgewachsen hat? Vielleicht daran, dass die Ellenbogen spitzer und ruppiger werden müssen? Vielleicht aber auch daran, dass die Kreativen am Ende gar nicht so kreativ sind, wie sie immer tun? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin ratlos. Das Hilfsbereitsein zahlt sich nicht aus, falls man selbst mal darauf angewiesen ist. Der Wert der Aktie ‚Solidarität‘ ist ins Bodenlose gesunken wie die facebook-Papiere an der NYSE.

Ebenso wichtig wie diese Feststellung, ist die Konsequenz daraus. Gibt’s denn überhaupt eine. Wenn ja, könnte es doch nur die sein, sich selbst zu verweigern, wie weiland Kollege Nietzsche und sich in den Elfenbeinturm zurück zu ziehen – leb wohl, Du grausame Welt?! Oder sollte man dem keine Bedeutung beimessen und weiterhin am Guten, Wahren und Schönen festhalten, um so von den allermeisten Kollegen heimlich als ‚treudoof‘ abgestempelt zu werden?

Der Nimbus der Unnahbarkeit ist noch immer ein Garant dafür, als besonders kreativ und künstlerisch zu gelten. Unter unendlichen Schmerzen sollst Du Dein Werk gebären und auch niemandem dabei helfen, denn sonst ist es nichts wert. Und, bitte, Schreien beim Geburtsvorgang nicht vergessen, damit es die ganze Welt hört. Sollte es tatsächlich so sein, dass die Einsamkeit des „sich-selbst- ungeheuer-wichtig-nehmens“ erst die wirkliche Anerkennung hervorbringt? Es gruselt mich bei dieser Vorstellung.

Aber nicht nur, wenn es um Hilfe bei einem Projekt geht, auch einfache Freundschaftsdienste werden zwar immer vehementer eingefordert, aber man erntet fast schon Missachtung und Geringschätzung, wenn man sich mit Freuden darauf einlässt. Mir kommt die Geschichte von Ephraim Kishon in den Sinn, in der er erzählt, dass er einem Freund Geld geliehen hat und der, weil er es nicht zurückzahlen kann, ihn mit Verachtung und Entzug der Freundschaft bestraft. Ist es tatsächlich so?

Und: es gibt dann doch hin und wieder Ausnahmen, die zwar nur die Regel bestätigen, jedoch die kleinen Fünkchen sind, die in einer ansonsten dunklen Wüste ein Stück des Weges beleuchten. Mein Freund Uli beispielsweise, der einfach mal durch die halbe Stadt fährt, um den Mitschnitt einer Lesung möglich zu machen oder Marcel, der, weil es ihm selbst gute Energie macht. Die Hoffnung stirbt zuletzt, lautet eine berühmte Sentenz aus Römer 8,24 und man mag entgegnen, ja, aber Hoffnung ist etwas für Leute, denen Informationen fehlen. Sind dann diese ‚fehlenden Informationen‘ die, die das Füllhorn des Egoismus‘ der meisten über den Hoffenden ausschütten würden?

Mein schon allseits bekannter Nachbar mit Migrationshintergrund, Mahmud (Türsteher, Lebenskünstler, Sohn, Versicherungsnehmer) meint dazu: „Weißt du, Daniel, einziges Verlässlichkeit ist von Familie, und auch da nur manchesmal.“ 

DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. Berliner Hinterhofhaus.

Ich weiß nicht, ob Sie Berliner Hinterhöfe kennen oder vielleicht selbst in einem wohnen. Wenn, dann werden Sie wissen, wovon ich rede. Diese Art zu leben, gibt es in keiner anderen Stadt Deutschlands. Natürlich existieren Hinterhöfe auch in so ziemlich jeder anderen Stadt Deutschlands, aber in Berlin sind sie Lebensgefühl, woanders nur Ärgernis. Immer hängt ein Duft von Bratkartoffeln und Sauerkraut zwischen den Hausfassaden und durch die offenen Fenster nimmt jeder am Leben des anderen irgendwie Anteil. Da scheppert schon mal verheerende Weltmusik am Sonntagmorgen oder die 4er-WG feiert mit House zwei Tage durch. Weltmusik und Elektro liefern sich ein lustiges Duell.

Die überforderte, alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern klappert zu nachtschlafender Zeit so laut mit Abwasch, dass der ewige Junggeselle einen Stock höher mit dem Besenstil auf den Fußboden haut. Das weckt die Kinder und die Frau und der Junggeselle belegen sich durch die geöffneten Fenster mit Verbalinjurien. Dazu bellt irgendwo ein Hund und das Pärchen im Dachgeschoss hat so heftigen Sex, dass alle anderen Hausbewohner Beifall klatschen.

Berliner Hinterhöfe sind mehr als nur die Überbleibsel eines boomenden Kapitalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Art und Weise sogenannte ‚Zinsburgen‘ für das Industrieproletariat zu errichten, hat sich im Laufe der letzten 120 Jahre von reinem Zweckbau zu einem Lebensgefühl entwickelt. In beiden Teilen Berlins – ja, es gibt immer noch diese gedankliche Trennung zwischen Ost und West – wird der Hinterhof nur noch zu einem geringen Prozentsatz von Proletariern bewohnt. Meist sind es heute Studenten, Alternative, Gesellschaftsverweigerer und Migranten.  Millieustudienbetreiber Zille – Sie wissen schon, der mit den drallen Zeichnungen – würde heute Bilder von Partys und Liebesakten, von lautstarken Familienstreitereien, penetranten Kirchenglocken, unentwegt klingelnden Handys, bizarre Weltmusik, die sich scheppernd zwischen den Häusern fängt und türkischen, russischen, albanischen oder arabischen Sprachfetzen zeichnen, denen man auf dem Hinterhof durch weit geöffnete Fenster akustisch begegnet. Auf vielen Hinterhöfen steht ein alter Baum und es hat den Anschein, als seien die Gemäuer seiner Zeit um die diesen Baum herum gebaut worden. Das Gegenteil ist natürlich der Fall.

Meine erste eigene Wohnung befand sich auf einem zweiten Hinterhof im Prenzlauer Berg. Bröckelnde Fassade mit Resten von Einschusslöchern aus dem letzten Krieg. Reste von Gehwegplatten aus der Zeit des Erbauens des Hauses, über die man bei Regen einigermaßen trockenen Fußes ins Haus gelangen konnte. Trat man bei dem Balanceakt fehl, versank man bis zum Knöchel im Schlamm. Zweiter Stock, ein Zimmer, Küche ohne Spüle (dafür mit Ausguss), Toilette halbe Treppe tiefer, knarrzende, kackbraun gestrichene Dielen mit so großen Lücken, dass man schon mal mit dem kleinen Zeh sehr schmerzhaft darin hängen bleiben konnte. In der Küche lag verschossenes, brüchiges Linoleum, das Reste eines verheerenden Musters zeigte. Kohleofen, natürlich, und da der Keller immer fünf Zentimeter unter Wasser stand, musste ich die Braunkohlebriketts erst in der Küche trocknen, ehe ich sie verfeuern konnte. Angeliefert wurde die Kohle immer von zwei schweigsamen Männern, deren Haut durch das jahrelange Kohleschleppen eine dunkelgraue Färbung angenommen hatte. Ich erinnere mich, dass sie stets erloschene Zigarrenstumpen zwischen den Zähnen hielten. Nach jedem Sack, den sie auf Boden kippten, nahmen sie ihre Stumpen aus dem Mund und spuckten schwarzbraunen Schleim auf die Kohle. Für zwei Kurze und ’ne Molle ließen sie sich manchmal überreden, die Kohlen in den Keller zu tragen. Meistens jedoch wurde sie jedoch einfach in den Schlamm gekippt und ich musste sie Eimer für Eimer mit Gummistiefeln an den Füßen in mein Kellerabteil tragen.

Meine Wohnung hatte schlecht schließende Doppelfenster, durch die sich kein Sonnenstrahl verirren konnte, dafür aber zog es wie Hechtsuppe. Selbst im Sommer fror man in dieser Behausung. Die Stromleitung in der Küche war so marode, dass man entweder einen Kühlschrank oder ein Radio betreiben konnte, beides gleichzeitig hatte raus springende Sicherungen zur Folge. Ich verzichtete damals auf den Kühlschrank, zum einen aus pekuniären Gründen, zum anderen, weil sich unter dem Küchenfenster ein Schrank mit Mauerdurchbruch befand, in dem Lebensmittel auch in der warmen Jahreszeit mindestens drei Tage frisch blieben. Im Winter fror allerdings regelmäßig die Milch ein, der Käse wurde von lustigen Eiskristallen bewohnt und die Butter erstarrte zu einem dimantharten Klotz, den man gut und gerne als Schlagwaffe hätte nutzen können. Körperpflege kostete Überwindung und sehr gute Vorbereitung, denn, um warmes Wasser zu haben, musste man einen Topf oder Kessel auf einer Gasflamme erhitzen.

Eine ganze Reihe von ‚ersten Malen‘ fand in dieser Wohnung statt: erstes Mal renovieren, erstes Mal alleine kochen, erstes Mal Wasserrohrbruch, DAS erste Mal, erstes Mal Wäschewaschen und Fensterputzen, erstes Mal nicht wissen, welcher Wochentag gerade ist, erstes Mal einer fetten Ratte begegnen, erstes Mal die Haustreppe wischen müssen (in Schwaben nennt man das heute noch ‚Kehrwoche‘). Ich kannte alle Leute im Haus mit Vornamen und meine Nachbarin, Gisela Lehmann (eine üppige Mittfünfzigerin, U-Bahn-Fahrerin, die jeden Sonntag Sauerkraut mit unendlich viel Knoblauch kochte und deren spitze Schreie beim Vögeln auch nicht mit lauter Musik zu übertönen waren) hatte einen Notfallschlüssel zu meiner Wohnung. Überhaupt, die Gerüche, die durch das Treppenhaus zogen: billiges Parfüm, gemischt mit Toilettengestank, der aus den Kabuffs auf den Treppenabsätzen zog, Bohnerwachs, die obligatorischen Bratkartoffeln und verrottende Windeln. Ausgelassene Nächte wechselten sich in meiner Wohnung mit der sonntäglichen Tristesse von Braunkohlegeruch, verstopften Klos und Stromausfällen ab. Eine seltsame Zeit im Leben, die man sehr leicht, sehr romantisch zu verklären versucht ist.

Der Hinterhof, in den ich nach ein paar Jahren ‚Tingeln durch die Weltgeschichte‘, wie meine Oma das nannte, nach Berlin zurückkehrte, unterschied sich nur graduell von meinem ersten. Herausgeputzte Hausfassade, ein abschließbares Müllhaus, ein Fahrradständer, blütenweiß gestrichene Fenster, ein volkskünstlerisch gestaltetes Schild mit dem euphemistischen Schriftzug ‚Gartenhaus‘ über dem Eingang und ein kleineres mit der obligatorischen Aufschrift ‚Ballspielen verboten. Der Eigentümer‘ daneben. Meine neue Wohnung hatte abgezogene Dielen, ein Badezimmer mit Gasterme, die alle Räume tatsächlich angenehm aufheizen konnte und eine innen liegende Toilette. Die Stimmung allerdings auf meinem neuen Hinterhof war dieselbe – jeder nahm am Leben des anderen akustischen Anteil. Die Gerüche unterschieden sich zwar, denn die Gewürze waren nun international und die Klos verströmten ihr Odem nicht mehr in den Hausflur. Aber es war immer noch so, dass man sehr schnell in die Lebensrituale der Nachbarn eingeweiht wurde. Wann wurde gefeiert, wann hatten sie Sex, wann wurde der Fernseher eingeschaltet, wann war es Zeit zu streiten und sich wieder zu versöhnen.

Über mir lebte eine türkische Großfamilie. Ich habe niemals herausgefunden, wie viele Personen tatsächlich dazu gehörten. Während ich sie sonst über mir nur türkisch sprechen hörte, unterhielten sie sich, sobald sie Wohnung verließen, in deutsch. Der Vater nannte sein Frau immer nur „Frau“ mit dem Personalpronomen „Du“ davor und einem Komma dazwischen, also: „Du, Frau.“

Das Punker-Pärchen neben mir (ja, so was gibt’s auch immer noch), hatte niemals was zu essen im Kühlschrank und schnorrten sich deshalb durch die Wohnungen. Dafür führten sie Hunde spazieren, putzten Fenster und übernahmen das Müllpressen. Felix kam gerne auch zur Sportschau, während Manuela was zu kiffen besorgte.

Auf der gegenüberliegenden Seite wohnte eine albanische Familie, deren Frau jeden Samstag die Federbetten zum Lüften auf die Fensterbretter der Wohnung hievte. Dabei schimpfte sie ca. eine Stunde so lautstark mit ihrem Mann, bis das türkische Familienoberhaupt sich für alle anderen Hausbewohner erbarmte. Er lehnte sich aus dem Fenster und rief mit seinem sonoren Organ: „Eh, Albaner-Kanack, hast deine Frau nich in Griff, oder was?“ Das rollende „R“ verlieh diesem Ausruf jenen Nachdruck, der von diesem Moment an bis in alle Zeiten Ruhe bescherte.

Unter mir wohnten Hansi und Inge Schmutzler, ein Paar, dass schon seit 50 Jahren in diesem Haus lebte. Hansi war sein ganzes Berufsleben bei der BVG Bus gefahren, während Inge, als es noch an jeder Ecke eine Post gab, am Schalter arbeitete. Die beiden betrieben in ihrer Wohnung eine Kanarienvogelzucht und besserten so ihre Rente auf. Wenn Christian Morgenstern meinte, dass alle Möwen so aussähen, als ob sie Emma hießen, dann kann ich inzwischen behaupten, dass alle Kanarievögel so aussehen, als ob sie Hansi hießen. Hansi Schmutzlers Hobby war sein SUV, den er einmal pro Woche aus der Garage, die sich drei Straßen weiter befand, in den Hinterhof fuhr und dort wusch. Inge assistierte ihm mit Akkusauger, feuchten Innenraumtüchern und Lederpflegespray. Danach fuhr man zum Kaffeetrinken und Kirschtorteessen an den Wannsee.

In der Erdgeschosswohnung wurde ein privates Bordell betrieben. Der diskrete Schriftzug an der Klingel, ‚Modelle‘, wies Kunden den Weg zu ‚Chantal‘ und ‚Madeleine‘, die in Wirklichkeit Gerlinde und Brigitte hießen. Die beiden fütterten zwischen ihren Terminen regelmäßig eine streunende Katze. Als ebendiese Katze ein mittelschweres Massaker unter den Kanarienvögeln von Hansi und Inge anrichtete, waren die Tage von Chantal/Gerline und Madelein/Brigitte im Haus gezählt. Die frei werdenden Räume rissen Hansi und Inge an sich und bauten ihre Kanarienvogelzucht weiter aus. Das Zschilpen der Vögel wurde irgendwann zum beherrschenden, immerwährenden Geräusch am Tag.

Es gab die unvermeidliche WG, deren Partys immer noch ein ganzes Wochenende dauerten und es gab das lesbische Pärchen, das noch traditioneller war als Hansi und Inge. Nur am Tag des Christopher-Street-Day sah man die beiden in schriller Verkleidung über den Hof stolzieren.

Es gab immer noch die alleinerziehende Mutter mit den drei Kindern. Bei den Begegnungen mit ihr musste ich unwillkürlich an den Silly-Song „So ’ne kleine Frau‘ denken, denn genauso so muss sie sich Tamara Danz  vorgestellt haben.

Und es gab den älteren Herren, der im Treppenhaus seinen Hut lüftete, wenn man ihm begegnete. So stellte man sich wahrscheinlich früher den ‚bösen Onkel‘ vor.

Die ‚Verhuschte‘, wie die Hansi sie nannte, lebte im Dachgeschoss. Ein Frau von unbestimmbarem Alter, deren Namen niemand kannte. Sie huschte tatsächlich immer über den Hof, als sei jemand hinter ihr her. Aus purer Neugier stieg ich mal in den letzten Stock, um an ihrem Klingelschild zu lesen. Aber da stand nur „CvW“. Bis heute weiß ich nicht, was das zu bedeuten hatte.

Heute wohne ich in einem Neubau in Mitte, Erdgeschoss mit eigenem Garten, den ich von meinem Schlafzimmer aus betreten kann und dessen Verwilderung ein ständiges Ärgernis zu sein scheint. Ich finde schon mal anonyme Zettel im Briefkasten: „Wie wäre es mal mit Rasenmähen.“ Auch hier existiert ein Hof, der sich an meinen Garten anschließt, aber das Areal wird nicht von Seitenflügel oder Quergebäude begrenzt. Bis auf meinen schon bekannten Nachbarn mit Migrationshintergrund aus dem dritten Stock kenne ich niemanden in diesem Haus. Die geöffneten Fenster meines jetzigen Hauses, geben das Leben dahinter nicht preis, es verfliegt ungehört. Auf dem Hof herrscht eine seltsame Fremdheit, obwohl er oft mit Bobby-cars und den entsetzen Rufen der Mütter malträtiert wird, wenn ein Kind sich in die von der Hausverwaltung angelegte Blumenrabbate verirrt. Aber das sind dann auch schon die einzigen Schallereignisse. Die Kinder scheinen sich nur in gemäßigter Lautstärke zu verständigen, als hätten ihre Stimmen Filzpantoffeln an.

Am vergangenen ‚Herrentag‘ versammelten sich zehn Männer mit einem 50-Liter-Fass Bier, einem Elekrogrill und einem Ghettoblaster aus den 90zigern auf dem Hof. Es gab deutsches Liedgut, zotiges Lachen und Bratwurst mit Kartoffelsalat. Als das Fass geschlachtet und die Bratwürste vertilgt waren, begann man selbst zu singen: ‚Oh, wie ist das schön, oh wie ist das schön.‘ Schließlich tauchten auch ein paar Frauen mit heruntergezogenen Mundwinkeln auf, um ihre betrunken schwankenden Männer abzuholen und sicher nach Hause zu geleiten. Man hörte Worte wie, ‚Schätzchen‘, ‚Mäuschen‘ und ‚Mutti‘. Die Anwesenheit der Frauen löste bei den Männern offensichtlich Stress aus, denn Lachen und Singen erstarben. Zwei Frauen stellten sich vor mein Gartenzugang und begannen, sich zu unterhalten:

„Det müssten wir och mal machen am Muttertach. Einfach mal abhauen und eenen heben jehen.“

„Da würden die Herren der Schöpfung mal echt blöde aus die Wäsche glotzen.“

„Aber loofen würde trotzdem nischte mehr.“

„Wat meinste?“

„Weeßt schon, von wegen Bett und so.“

Es folgte verhaltenes, bitteres Gekicher.

Manchmal könnte ich mir den Hinterhof und die seltsame Nähe, die er erzeugen kann, zurückwünschen, denn da lief immer irgendwas.

DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. bei der Agentur für Arbeit

Ich weiß nicht, welche Erfahrungen Sie mit den Mitarbeitern der Agentur für Arbeit schon gemacht haben. Meine sind jedenfalls durchweg positiv. Mir sind bis jetzt dort nur Menschen begegnet, deren Höflichkeit ausgesucht, deren Erscheinungsbild ansprechend war und deren Ausdruck sich auf der Höhe der deutschen Grammatik befand. Geduldig wurden mir Formulare und bürokratische Verfahrensweisen erklärt, bis auch ich sie verstanden hatte. Man entschuldigte sich, falls ich länger als eine halbe Stunde warten musste und bot mir sogar Kaffee an. Das Klischee von Besuchen in Dienststellen dieser Art ist ja landläufig doch ein ganz anderes, auch in meinem Kopf: lange Warteschlangen, genervte Kunden, schreiende Babys auf den Gängen und sich streitende Familien mit Migrantionshintergrund. Niemand traut sich, sofern man erstmal eine Wartenummer bekommen hat, zum Rauchen oder auch nur aufs Klo zu gehen. Denn würde die Nummer aufgerufen, verlöre man zwangsläufig sein Anrecht auf das Gespräch. Dazu kommt die allgemein depressive Stimmung, die in den Gebäuden vorherrscht, denn niemand scheint ernsthaft damit zu rechnen, dass man wieder herausspaziert mit der Aussicht auf einen neuen Job. In meiner Branche schon mal gar nicht.

Gestern war es wieder soweit, ich musste bei der Arbeitsagentur persönlich vorstellig werden. Ich checkte mehrere Male vor dem Verlassen meiner Behausung, ob ich auch alle geforderten Unterlagen beisammen hatte. Die Sonne schien, die Temperaturen bewegten sich im zweistelligen Bereich. Der Kioskbetreiber am S-Bahnhof, bei dem ich immer meine Kippen hole und bei der Gelegenheit auch einen kurzen Schwatz halte, lud mich auf einen seiner ungenießbaren Kaffees ein. Ich nahm dankbar an und verschenkte den heißen Becher an den Punk auf dem Bahnsteig. Neben mir in der S-Bahn saßen drei junge Frauen in kurzen Hosen, engen T-Shirts und nackten Füßen in den Flip Flops. Ich wurde über die beste Currywurst, das lässigste Café, die hippste Liegewiese ausgefragt und ob das ‚Berghain‘ wirklich so ’schlimm‘ sei. Man war aus Sömmerda, einem kleinen Ort in Thüringen, nach Berlin gekommen und jetzt wollte man von einem Einheimischen aber mal die Wahrheit hören. Vor der Arbeitsagentur stand eine riesige Menschentraube und klatschte rhythmisch zu jazzigen Klängen. Eine offensichtlich französische Band gab ein Straßenkonzert. Es wurde getanzt und gelacht und der Hut, der nach jedem Titel rumgereicht wurde, füllte sich außer mit Münzen sogar mit ein paar 5-Euro-Scheinen. Zwischen den Liedern aßen die Musiker tatsächlich Baguette und tranken Milchkaffee – Klischee, Klischee, Klischee was biste schee. Warum sich die Franzosen gerade diesen Ort für ihren Auftritt ausgesucht hatten wird allerdings ihr Geheimnis bleiben.

Das Innere der Arbeitsagentur, das man sich gernals überheizt und muffig vorstellt, war angenehm temperiert. Wahrscheinlich hat man auch dort inzwischen den Zusammenhang zwischen angenehmem Raumklima und der Höhe des Stresslevels entdeckt. Ich meldete mich also an und war sogar 5 Minuten früher dran, als verabredet. Fünf Minuten vor der Zeit, ist die wahre Pünktlichkeit, wie man ja weiß. Eine Angestellte begrüßte mich lächelnd. Der nachfolgende Dialog ist zu 99% wörtlich zitiert, denn unmittelbar, nachdem ich meinen Termin absolviert hatte, habe ich ihn zu den Klängen der immer noch munter aufspielenden Franzosen aufgeschrieben.

Mitarbeiterin beim Arbeitsamt (sehr freundlich): „Einen wunderschönen Tag. Mein Name ist M…. Was kann ich denn für Sie tun?“

Ich: „Ja, Ihnen auch einen schönen Tag, Frau M…. Ich habe hier diese Papiere.“

Ich reichte ihr die Papiere und sah auf ihrer Referenzplakette, dass sie mit Vornamen Angelika hieß.

Mitarbeiterin: „Na, da wollen wir doch mal schauen.“

Lächelnd nimmt Angelika die Papiere entgegen und blättert routiniert darin herum. Dann stutzt sie und beendet den Ruhezustand ihres Computers.

Ich: „Fehlt was? Stimmt irgendwas nicht?“

Mitarbeiterin: „Nein, nein, alles in Ordnung. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich muss nur eben mal die Angaben prüfen.“

Sie klickte in einer affenartigen Geschwindigkeit über ihren Bildschirm, bis sie die entsprechende Seite gefunden hatte.

Mitarbeiterin: „Da haben wir es. Ach so!“

Ich: „Ja bitte?“

Mitarbeiterin (ein bisschen wehmütig): „Ich sehe gerade, Sie sind ja Akademiker in einem KÜNSTLICHEN Beruf, ist das richtig?“

Ich (verträumt): „Naja, der eine sagt so, der andere sagt so.“

Mitarbeiterin (schaut verständnislos): ?????

Ich (einlenkend): „Ja, Sie haben recht. Ihre Angaben stimmen.“

Mitarbeiterin (sichtlich erleichtert): „Na, dann ist ja gut. Die Akademiker mit KÜNSTLICHEN Berufe haben wir leider  ausgelagert. Da sollten Sie sich jetzt woanders melden, gar nicht weit von hier. Einfach um das Haus rum und auf der anderen Seite wieder rein. Da müssten Sie sich dann allerdings noch mal anmelden.“

Ich: „Aha, danke. Aber warum ist das denn jetzt ausgelagert und warum wusste ich davon nichts? Oder habe ich vielleicht eines Ihrer Schreiben, was der Allmächtige verhüten möge, nicht bekommen?“

Mitarbeiterin (irritiert): „Ja, also, warten Sie mal, das kann natürlich sein, dass….“

Sie klickte sich wieder durch eine Reihe von Dokumenten auf ihrem Bildschirm.

Mitarbeiterin: „Sie haben recht. Eigentlich sollte das Schreiben der neuen Zuständigkeit der KÜNSTLICHEN Berufe schon an Sie abgeschickt worden sein.“

Ich bewunderte den doppelten Gebrauch des Genitivs.

Ich: „Ach so, ich verstehe, dann schau ich noch mal bei mir im Briefkasten. Könnten Sie mir vielleicht eine Bescheinigung ausstellen, dass ich mich zum Termin gemeldet habe? Denn ich weiß nicht, ob ich das heute noch schaffe. Das wäre sehr freundlich.“

Mitarbeiterin (sinnierend): „Wissen Sie was? Wir machen das mal ausnahmsweise anders, denn ich kann nicht ausschließen, dass Ihnen das Schreiben der neuen Zuständigkeit der KÜNSTLICHEN Berufe nicht zugestellt worden ist.“

Meine Bewunderung wuchs noch weiter, denn eine doppelte Verneinung begegnet mir tatsächlich eher selten im Sprachgebrauch. LORIOT (sel.) hätte seine Freude daran gehabt.

Ich (gespannt): „Und das heißt jetzt was für mich?“

Mitarbeiterin (sich die Papiere wieder über den Tisch ziehend und dabei verschwörerisch die Stimme senkend): „Ich erledige das für Sie. Aber verraten Sie mich nicht.“

Ich (dankbar lächelnd): „Oh, vielen Dank. Und verraten werde ich Sie ganz bestimmt nicht, ich wüsste auch gar nicht an wen.“

Mitarbeiterin (zurücklächelnd): „Ach, die KÜNSTLICHEN Berufe sind immer so nett. Ich wollte ja auch mal KÜNSTLICH tätig sein in meiner Jugend und nun bin ich hier gelandet.“

Ich (verständnisvoll): „Und in ihrer Freizeit?“

Mitarbeiterin (während sie in Formulare schrieb und es kurz unterbrach, um mir zuzulächeln): „Ich mache Bauchtanz als Hobby. Wir treten auch auf und haben auch schon Preise gewonnen.“

Ich (ehrlich bewundernd): „Wie schön, herzlichen Glückwunsch.“

Mitarbeiterin (klagend und dabei ihre Arbeit fortsetzend): „Nur mein Mann interessiert sich gar nicht dafür. Er hat mich noch nicht EINMAL tanzen sehen.“

Ich (mitfühlend): „Wahrscheinlich schaut er lieber Fußball.“

Mitarbeiterin (ironisch): Ach, Sie kennen meinen Mann?“

Ich: „Natürlich nicht, Frau M…., aber ich bin auch ein Mann.“

Mitarbeiterin: „Wenn einem das Verständnis für das KÜNSTLICHE fehlt, weiß man das auch nicht zu schätzen.“

Ich (überzeugt): „In dieser Beziehung mache ich mir bei Ihnen da gar keine Sorgen.“

Mitarbeiterin: „Ich sage es ja immer wieder, die KÜNSTLICHEN Berufe, das sind schon ganz besondere Menschen.“

Damit drückte sie die Entertaste und lächelte mich an.

Mitarbeiterin: „Erledigt.“

Ich verabschiedete mich höflich von Angelika und trat hinaus in die Sonne. Die Franzosen spielten, wie gesagt, immer noch und ich war froh, künstlich zu sein, denn das bescherte mir heute einen freien Nachmittag.

DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. beim Strahlkotzen.

Ich kotze im Strahl! Dieser Strahl möge bitte die deutschen Filmförderungsstrukturen treffen und sie darin ersaufen lassen!

Hätte das deutsche Förderkino lebendige Eingeweide, man könnte in einem MRT lustige Krebsmetastasen in allen möglichen Farben, mal entsätigt, mal auch ganz schwarz/weiß sehen und immer tummeln sich dieselben Schauspieler auf dem Tanzplatz des Magnetfeldes!

Und wenn noch ein bisschen Kotze übrig bleibt, so möchte ich bitte auch gleich die sogenannte ‚Berliner Schule‘ in Richtung Gully spülen. Wer, bitte, soll sich diesen unemotionalen, verkopften Bockmist wie „Gold“ (Arslan) noch weiter anschauen? Mal von Petzolds „Barbara“ und „Die innere Sicherheit“ in Teilen abgesehen, wird uns von diesen Leuten ständig ein überalimentiertes Kino zugemutet, dass nicht in der Lage ist, Emotionen auszulösen, nein, man versucht sie sogar tunlichst zu vermeiden. Stattdessen werden wir stundenlang mit zynischer Bedeutungsschwangerei malträtiert. Man wünscht sich nur noch, dass es bitte möglichst schnell vorbei geht und man nach der Vorstellung nicht von irgendwem gefragt wird, wie man denn das Werk fand. Denn dann würde sich die ganze Wut über den Film und angesichts der anderen 300, andächtig im Betstuhl des Kinosessels verharrenden Zuschauer wirklich in einem Strahl Kotze entladen müssen.

Überhaupt – Liebe und Emotion scheinen in spektakulär mit Millionen geförderten deutschen Produktionen dieser Provinience Ekelkategorien zu sein, bloß nicht in den Verdacht kommen, dass man versucht hätte, so was aufkommen zu lassen  – Gott bewahre. Ich darf weder Mitleid noch Verachtung oder irgendeine Art von Empathie mit den Figuren spüren, die mir gefühlte Ewigkeiten zugemutet werden.

Ich liebe das Kino! Ich will, dass es mich gut unterhält UND in ein Dilemma stürzt, ich will Lachen UND Weinen, ich will in meinem Oberstübchen gefordert werden UND mein Herz soll sich zusammenkrampfen vor Gefühl. Ich gehe schon aus Solidarität in jeden deutschen Film und zahle gern an der Kasse meinen Obolus. Ich mag den so beschimpften Mainstream tausendmal mehr, weil sich hier, wie in den Geschichten von Lukas und Spielberg beispielsweise, zeigt, dass Ahnung von Dramaturgie, intelligentem Storytelling und Schauspiel(er)führung in der Lage ist, den Zuschauer am Schopf der Seele zu packen und ihn ordentlich durchzuschütteln. Die Raffinesse des Mythos und die Lakonik in den Geschichten von Antonioni, Godard, Casavetes oder auch Tarantino, Coppola, Emmerich und Dresen entlassen mich mit einem anderen GEFÜHL als Wut über überintellektualisierten, tonnenschweren Dumpfsinn aus dem Kinosaal. Und, sorry, die Filme der eben genannten Kollegen waren in der Lage, mit Anspruch viel Geld einzuspielen.

Ich lasse mich ab jetzt nicht mehr länger verarschen. Ich werde nicht mehr in diese Filme gehen, die mich seit 10 und mehr Jahren unendlich ärgern, nicht mal mehr aus Solidarität. Auch die Zeit, die man im Kino verbringt, ist Lebenszeit. Der Unterschied zwischen Filmen wie „Gold“ und beispielsweise „Schutzengel“ (Till Schweiger) ist der, dass Schweiger in seinem Bubble-Gum-Kino tatsächlich authentisch ist – viel Unterhaltung mit ein bisschen Message. Das ist okay, das ist ehrlich, das will nicht mehr sein, als es ist, das macht Spaß, hin und wieder soll laut gelacht werden und der Kitsch, der über die Leinwand wabert, darf zu Tränen rühren. In Filmen wie „Gold“ bleibt vor lauter unterschwelliger Message die Unterhaltung mal definitiv auf der Strecke, exekutiert von lauter Überambitionen und Scheinheiligkeit. Handlungsarmut wird zum Qualitätsmerkmal stilisiert und wer weint, ist ein Versager. Das Zuschauen wird zur Qual, die als Intensität missgedeutet wird.

Nein, ich hab die Schnauze gestrichen voll von diesem Zynismus der kompletten Spaßbefreiung, bei dem ich, vom riesengroßen Nichts geschlaucht, aus dem Kino wanke und weder irgendwie tief in meiner Seele ‚angefasst‘ wurde, noch mir irgendwas klarer geworden ist meiner Existenz. Ist es tatsächlich zuviel verlangt, zum Geier, dass ein Film seine Zuschauer ernst nimmt?

Die Konformität des Fernsehens, die Massenware, der uns wöchentlich überschwemmenden Flut aus Pilcher- und Lindströmerei, aus Hubschraubereinstellungen rund um das Traumschiff, aus endlosen Morden in den SOKOs und Tatorten (Deutschland ist ein wirklich gefährliches Pflaster scheinbar) ist dagegen lebensecht und zumindest über sehr weite Strecken handwerklich gut gemacht. Dagegen sind die Filme der ‚Berliner Schule‘ sehr viel näher an der ’scripted reality‘ (Berlin  – Tag und Nacht), nur das hier nichtssagende Anschreierei durch nichtssagendes Nichtssagen ersetzt wird und Binsenweisheiten zu Ideen gedrechselt werden.

Wo sind solche großartigen (Kunst-)Filme wie „Die Finanzen des Großherzogs Radikant Film“ (Linz) oder „Novemberkind“ (Schwochow), die mit einer wirklich eigenen Stimme SPRECHEN und sich nicht in der Publikumsquälerei der Stummheit ergehen, im Wettbewerb einer Berlinale? Filme, die in der Lage wären, tatsächlich Aufmerksamkeit zu generieren, auch international. Ja, es gibt mit Sicherheit solche Filme jedes Jahr wieder, nur werden sie offensichtlich totgeschwiegen. Und wieso treibt man mit Hilfe des bürgerlichen Feuilletons der Süddeutschen und der Frankfurter Rundschau, sowie dem Förderwahnsinn Regisseure wie eben jenen Christian Schwochow in die Arme solcher öden und brechend klischeehaften Fernsehproduktionen wie „Der Turm“? Schwochow macht jetzt mal „Tatort“, wie man hört, prima, sehr schön, wieder einer weniger im Kino. Und wieder mehr Platz für Filme der ‚Berliner Schule‘, aber ich verweigere mich ab jetzt einem Kino, dessen höchstes Glück zu sein scheint, mich nicht zu respektieren.

DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. „Du Judensau! Verpiss Dich!“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie sich mal so richtig fremdschämen können, dass es nur so eine Art hat. Meine Ohren fangen an zu glühen und über meine Waden läuft eine Gänsehaut, kleine Schauer laufen über meinen Rücken und meine Hände werden kalt wie die Tatzen von Knut selig.

Da verlangt das ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) von Schauspielern, die in Produktionen dieser öffentlich-rechtlichen Anstalt mitgewirkt haben, 500€ dafür, dass die Schauspieler einen einminütigen Ausschnitt der Produktion für ihr Demoband verwenden dürfen. Ins Netz stellen darf man dann diesen Ausschnitt trotzdem nicht, da die Lizenz auf Deutschland beschränkt ist. Man glaubt sich doch tatsächlich im falschen Film, in einer kafkaesken Glosse gefangen, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Da werden nicht nur meine Ohren rot.

https://www.facebook.com/www.bffs.de

Oder die Ankündigung, dass Stefan Raab das Kanzlerkandidatenduell moderieren soll. Welche Pillen hat wer denn da genommen, um auf so eine Idee zu kommen? Warum nicht gleich Angela und Peer vom 10er springen lassen und wer den besten Bauchklatscher hinlegt, hat gewonnen, oder noch besser: eine Runde Kandidatenboxen vielleicht mit Joe Kelly, Elton und Mario Barth in der Jury. Alternativ könnten Angela und Peer auch im Dschungel ausgesetzt werden und man lässt sie leicht bekleidet Känguruhoden fressen.

Oder der schweizerische Nahrungsmittelmulti Nestlè und sein zynischer, respektloser, menschenverachtender Umgang mit natürlichen Ressourcen wie Trinkwasser.

http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Dokufilm-uebt-massiv-Kritik-an-Nestle/story/31103319

Und dann auch noch unser geliebter Amazon-Onlineshop, wo wir zum „Geiz-ist-geil-Preis“ allen möglichen und unmöglichen Scheißdreck jagen können. Und weil das so ist, schuften Zeitarbeiter unter Bedingungen, die ähnlich sind wie die Verhältnisse, derentwegen der Kommunismus als Ideologie in der Weltgeschichte auftauchte. Und hier darf man sich auch ruhig mal persönlich und nicht fremdschämen. Denn wir alle machen uns keine Gedanken darüber, wieso eigentlich die Sachen bei Amazon, bei Aldi, Lidl, Zalando, KiK etc. so verdammt billig sind. Wo wird denn da gespart? Eine Antwort gibt’s hier:

http://www.ardmediathek.de/das-erste/reportage-dokumentation/ausgeliefert-leiharbeiter-bei-amazon?documentId=13402260

Und noch eine gibt’s hier:

http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/markencheck/sendungen/apple-100.html

Wir alle müssten uns schämen, denn wir alle sind die modernen Sklavenhalter, wenn wir ohne nachzudenken den Turbokapitalisten ihren Müll abkaufen. Wir machen mit unserer Naivität Sklavenarbeit möglich.

Und ganz manchmal schäme ich mich fremd für einen Menschen, der mir von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, für seinen Hass, für seine Dummheit, für den Körpergeruch, den er so penetrant verströmt. Und gleichzeitig bekomme ich Angst, dass es in Deutschland für Menschen wie mich nun doch langsam wieder nicht mehr sicher ist. Ich wartete auf dem Flughafen Berlin-Tegel auf 4 Touristen aus Israel und stand mit meinem Schild „Holyday Aviation Israel“ in der Hand vor dem Ankunftsgate. Ein paar Meter weiter wartete eine offensichtlich muslimische Großfamilie auf Angehörige, die mit der selben Maschine landen sollten. Aufmerksam wurde ich auf die Familie, weil sie sich plötzlich sehr laut in meine Richtung unterhielten und mit Blicken und Fingern auf mich zeigten. Schließlich löste sich ein junger Mann aus der Gruppe, nahm einer Frau ein Kleinkind aus den Armen und kam zu mir. Er stellte sich wenige Zentimeter vor mich, sodass ich seinem penetranten Schweißgeruch riechen musste und sagte in gebrochenem Deutsch die schönen Sätze, die wie aus einer längst vergangen geglaubten Zeit in mein Gesicht zu wehen schienen: „Du seien eine Judensau! Verpissen Dir!“ Mein Adrenalinspiegel stieg augenblicklich so hoch wie vor meinem ersten Bungee-Sprung. Meine Hand in der Manteltasche ballte sich unwillkürlich zu einer Faust und mir wurde plötzlich klar, wie man sich fühlen muss, wenn Kinder als menschliche Schutzschilde missbraucht werden. „Wie bitte?“, sagte ich so ruhig wie möglich. Und der Mann entblödete sich tatsächlich nicht, seine Tirade näher zu erklären: „Dasse da iste nichte Israel, dasse iste Palästina.“ Dabei klopfte er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mein Schild. Die Scham, die ich angesichts dieses Ausfalls empfand, die Wut über soviel Dummheit und seine Ausdünstungen, raubten mir für einen Moment den Atem. Dann versuchte ich ein Lächeln, was mir auch ganz gut gelang: „Mein Freund, es heißt nicht ‚Du seien Judensau! Verpissen Dir‘ sondern ‚Du Judensau! Verpiss Dich‘, Inschala, Allahu Akbar.“

Der Mann glotzte mich völlig verständnislos aus nervös zitternden Augen an. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit verstand, dass ich auf seine Kosten einen Witz gemacht hatte, begannen seine Kiefer zu mahlen und seine Hand umklammerte das Kind auf seinem Arm vor Wut so fest, dass es anfing zu schreien. Die Mutter kam herbeigeeilt und zog Mann und Kind von mir weg in sichere Entfernung – für wen der Sicherheitsabstand gedacht war, ob für mich oder für ihn mit Kind, konnte ich nicht wirklich erkennen.

Schma Israel!

DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. die Hämorriden am Arsch der deutschen Zivilgesellschaft.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Ihnen das Thema ‚Hämorriden‘ begegnet. Es ist unangenehm, sicherlich, man spricht eigentlich nicht darüber, auch das, und niemand gibt gern öffentlich zu Protokoll, dass er welche hat – es sei denn, er wird dazu gezwungen. Der bundesdeutschen Demokratie geht es da nicht anders. Inzwischen sieht sie sich einem ganzen Potpurie an Hämorriden an ihrem Arsch gegenüber – allerdings hat sich das Jucken in Schmerz und Brennen verwandelt, als hätte man reines Capsaicin geschluckt.

Die Doktorschummelei der demokratischen Politiker (Karl Theodor zu Gutenberg, Silvana Koch-Mehrin, Margarita Mathiopoulos, Jorgo Chatzimarkakis, Bernd Althusmann, Matthias Pröfrock und jetzt auch noch die ’sterbende‘ Schavan) erscheint schon fast harmlos gegenüber der faschistischen Mordserie des ‚NSU‘. Das jahrelange Kratzen des Verfassungsschutzes an der falschen Arschseite forderte nicht nur Todesopfer unter deutschen Staatsbürgern mit Migrationshintergrund sondern letztendlich auch in den Reihen der Polizei – Michèle Kiesewetter starb durch gezielte Schüsse der Terrorzelle. Es konnte einfach nicht sein, dass sich am After des so hochgelobten deutschen Demokratievolkskörpers eine derartige Blutbeule befinden sollte.

Dass das tatsächlich so ist, bewies die Leipziger Staatsanwaltschaft im Jahr 2011.(1)

Oder Claudia Roth, ja, die von den GRÜNEN, auch sie eine besondere Blüte im bunten Hämorridenstrauß. Nicht nur, dass sie sich bei einem Treffen mit den Mullahs im Iran nicht entblödete, tatsächlich mit Kopftuch zu erscheinen und so allen Frauen im Gottesstaat, die für das Recht kämpfen, sich nicht mit religiösen Insignien schmücken zu müssen, ins Gesicht schlug. Sie fordert darüber hinaus ein ‚Umdenken in der Bewertung des Iran‘ und outete sich damit als Fan des Dummkopfes Chamberlain, der 1938 der Rotzbremse gestattete die Tschechoslowakei dem Dritten Reich einzuverleiben, anstatt ihm mal eins in die Fresse zu geben oder in den Arsch zu treten. Die Ergebnisse dieser Politik sind hinreichend bekannt. Nein, Roth ist außerdem Duzfreundin des iranischen Massenmörders(2) Ali-Reza Sheik-Attar(3) im Gewand eines Botschafters. Sie ist eine gnadenlose und gnadenlos dumme Stellvertreterin des iranischen Geheimdienstes in Deutschland. Mahmud „Adolf“ Achmadinejadh wird ihr, angesichts ihrer Verdienste bei der Verfolgung kritischer Iraner, sicherlich bald den „Iranorden der Dankbarkeit“ (den gibt es tatsächlich) verleihen können.

Apropos, als jüngstes Mitglied in der Versammlung der Hämorriden hat sich der Kollege Frank Drieschner in diesen erlauchten Kreis geschrieben. Mit seinem Artikel „Wer hasst da wen?“ (http://www.zeit.de/2012/02/augstein-antisemitismus-vorwurf), geschrieben zur Verteidigung einer weiteren Hämorride, Jakob Augstein, liefert er ein Paradebeispiel an Dummheit ab. Aber ja, mein G*tt, Drieschner befindet sich ja in guter Gesellschaft. Eine antisemitische Verschwörungstheorie mit einer anderen antisemitischen Verschwörungstheorie zu untermauern nötigt zumindest Respekt über soviel Chuzpe ab.

Auch Herr Brüderle von den Turboirren der FDP hat sich zu einem besonderen Hämorridenexemplar gemausert(4). In dessen Gefolge bilden sich weniger auffällige, dafür aber nicht weniger gefährliche Beulen am deutschen Volksafter. Zur Wortführerin der stammtischelnden Unterstützer und Begründerin der ‚Bewegung des AnBrüderlns‘ hat sich ironischerweise eine Frau, Birgit Kelle, mit einem drolligen Artikel unter dem launigen Titel „Dann mach doch die Bluse zu“(5) aufgeschwungen. Wäre ihr Geschreibsel nicht so dumpf populistisch, es wäre nicht mehr als einen Lacher wert. Frau Kelle war Chefradakteurin der christlich-fundamentalistischen Monatszeitung VERS1 und ist im Vorstand des Vereins New Women For Europe(6), der beratenden Status im Europäischen Parlament hat. Birgit Kelle vertritt die Ansicht, dass Frauen, die sich für ein konventionelles und traditionelles Familienleben entscheiden, gesellschaftlich benachteiligt werden. Darüber hinaus verlangt sie, laut der Kathpädiaseite, eine Emanzipation, „die das Frausein und die Mutterrolle gleichermaßen wertschätzt.“(7) Angesichts ihres ‚Bluse-zu-Artikels‘ und ihres konsequenten Eintretens für die ‚Herdprämie‘ scheint es jedoch viel eher so zu sein, als dass für Birgit Kelle ‚Frausein‘ und ‚Mutterrolle‘ identisch sind. Wer brav zuhause bleibt muss sich natürlich nur dem alltäglichen Sexismus des eigenen Mannes aussetzen und nicht dem solcher Lichtgestalten wie Herrn Brüderle. Wer schön brav im trauten Heim bleibt, dem kann auch nichts passieren. In diesem Zusammenhang erscheinen dann auch die homophoben Äußerungen der Kollegin Kelle in der Sendung „Hart aber fair“(8) vom 03.12.2012 nur als logische Fortsetzung dieser Denkstrukturen.

Gemeinsam ist allen diesen Beuteln schwarzen Bluts am Arsch der Demokratie, dass sie sich in schöner faschistoider Tradition eines fundamentalistischen Klischees bedienen. Man vertauscht einfach argumentativ Täter und Opfer, wie es die katholische Glaubenskongregation viele Jahrhunderte hindurch vorgemacht hat und schon kann das ganz normale Leben voller Ressentiments gegen alles, was nicht Mittelmaß ist, weiterleben. Dieser ideologische Ansatz hat letztendlich zum Aghet bei den Armeniern und zum Holocaust der Juden geführt. Nein, nein, soweit wollen wir doch hier aber nicht gehen. Bleiben wir lieber beim Bild der Hämorride. Die Tatsache, dass sich Menschen wie die Betreiberin des Blogs mutterseelenalleinerziehend.de(9), Maike von Wegen, gegen die Verharmlosung in der Sexismusdebatte wehren und dafür Shitstürmen und persönlichen Drohungen ausgesetzt ist, oder die Tatsache, dass Carsten G. die Hakenkreuztätowierung eines Fußballers fotografiert und ins Netz gestellt hat und dafür von der deutschen Gerichtsbarkeit bestraft werden soll, zeigt nur zu deutlich, dass es mehr denn je mutige Menschen braucht. Ab und zu ist die Demokratie zum Arzt der Zivilcourage zu schicken, damit die Hämorriden aus Faschismus, Sexismus und Rassismus aufgestochen werden.

(1) http://www.taz.de/!109697/

(2) http://freeirannow.wordpress.com/2009/10/26/offener-brief-an-bundnis-90die-grunen/

(3) http://www.steinhoefel.de/blog/2013/02/claudia-roth-und-der-massenmorder.html

(4) https://menschenlebenblog.wordpress.com/2013/01/25/das-leben-als-mensch-neulich-der-herrenwitz-und-deutschlands-rapeculture/

(5) http://www.freiewelt.net/blog-4951/dann-mach-doch-die-bluse-zu%21.html

(6) http://www.newwomenforeurope.org/About_us.htm

(7) http://www.kathpedia.com/index.php?title=Birgit_Kelle

(8) http://www.ardmediathek.de/das-erste/hart-aber-fair/20-59-uhr-papa-papa-kind-homo-ehe-ohne-grenzen-die?documentId=12665814

(9) http://www.mutterseelenalleinerziehend.de

DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. der Herrenwitz und Deutschlands Rapeculture.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn sie von einem sogenannten „Herrenwitz“ beschossen werden. Die Geschichte des Herrenwitzes, in Anlehnung an eine vor vielen Jahren produzierte Werbekampagne, ist eine Geschichte von Missverständnissen. Für die einen ist der Herrenwitz unverzichtbares Kulturgut und gleichzeitig eine Art Initiationsritus – wer nicht lacht, erhält keinen Zugang zum erlauchten Kreis der Eingeweihten, wer beim Anblick der Instrumente zuckt, ist nicht würdig. Diese, zu Sprache gewordene Geschmacklosigkeit, die in der Lage ist, eine Mischung aus Alkohol (vorzugsweise Bier), nebenbei losgelassenen Fürzen (mit hohen Anteil an Carbonylsulfit und Buttersäure) und abgestandenen Ausdünstungen von Achselnässe (nach eines langen Tages Sitzungsmarathon) auf meine Geruchsnerven zu projizieren, bringt mich an den Rand des Kotzens. Wahrscheinlich ist es mir daher nie gelungen, die höheren Weihen einer wie auch immer karrierefördernden Gemeinschaft zu empfangen. Gilt der gerissene „Herrenwitz“ bei Männern, die das 25. Lebensjahr noch nicht überschritten haben, allgemein als zu belächelnde Machoattitüde (man übt das gesellschaftliche Klischee der ‚Mannwerdung‘ ein), ist er bei jenen, die sich jenseits der 60 befinden, meistens Ausdruck von überbordender Machtgeilheit und der daraus resultierenden sexuellen Gier. Er zeugt von Hormonüberschuss, ist hilfloser, ideologischer Reflex auf den Feminismus und offenbart damit eine tief sitzende Angst vor einem, in der modernen Gesellschaft möglichen Matriarchat.

Macht ein Politiker einen „Herrenwitz“ gegenüber eine deutlich jüngeren Journalistin, wie jüngst der turboirre, näselliberale Spitzenmann Brüderle, könnte das doppeltes Kalkül sein. Brüderle ist sicherlich (noch) nicht so verkalkt, dass er nicht damit rechnen müsste, dass das die Journalistin benutzen wird, um eine nette und zugleich haarsträubende Story daraus zu stricken. Andererseits ist das vielleicht genau die Absicht, die dahinter steht. Schlechte Presse ist besser als gar keine. Die Metaebene: „Dem Hühnchen hab ich’s gegeben und oute mich stellvertretend für Millionen anderen meiner Altersklasse als ‚Brüderle im Geiste'“. Die sexuelle Konnotation verschafft dem Kandidaten ein ‚menschliches‘ Antlitz – meine Güte, man wird doch noch mal einen Witz machen dürfen, er ist doch auch nur ein Mensch. Der Blowjob Lewinsky/Clinton hat schließlich auch niemandes Karriere geschadet, im Gegenteil, nicht mal der anschließende Meineid war dazu imstande. Und so wird es wahrscheinlich auch in diesem Fall kommen. Brüderle, der über den Busen der  stern-Journalistin das Urteil fällte, dass er doch gut ein Dirndl ausfüllen könnte, wird als fleischgewordener Herrenwitz in die Politikgeschichte eingehen – was Frau Angelika dazu sagt, ist eine Sache der Eheleute. Laura Himmelreich, die mit der frechen, provokanten Frage, ob er, Brüderle nicht zu alt sei, um als ‚Lichtgestalt‘ der FDP zu fungieren, wird mit dem Vorfall einen Karriereschub erfahren, der sie vielleicht in bis noch nicht geahnte Gefilde führt. Sie könnte Brüderles Biografin werden, Kolumnen über Herrenwitze schreiben oder gutdotierte Vorträge in feministischen Zirkeln halten.

Die Metametaebene bleibt natürlich bei allem nicht verborgen, sondern drängelt sich machtvoll an die Oberfläche. Unbequeme Journalistinnen sollen denunziert, beleidigt, gemobbt, ausgeschaltet werden. Diskreditierungen sind an der Tagesordnung und sind ein deutliches Signal an andere aus der Zunft, sich nicht den Mächtigen anzulegen. Der Sexismus gegenüber (kritischen) Journalistinnen hat eine lange Tradition in der Bundesrepublik. In ihrem Buch „Hammelsprünge“ beschreibt Ursula Kosser den sexistischen Umgang mit Journalistinnen im Bonn der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Sie beschreibt das ‚Treibhaus‘ des Parlaments- und Politikbetriebes sehr scharfsinnig, als ein Zusammentreffen, wo „die alteingesessenen Bonner Machos …. alles taten, um den jungen Hennen das Gefieder zu stutzen.“

Aber nicht nur etablierte Alt-Politiker scheinen Sexismus im langjährigen Repertoire zu haben. Auch bei einigen Internetfaschisten der ‚Piraten‘ gehört es offenbar dazu, Journalistinnen, die kritisch berichten, beispielsweise als ‚Prostituierte‘ zu bezeichnen, wie die Journalistin Annette Meiritz zu berichten weiß. Ist das eigentlich was genetisches, dass bei Politikern öfters mal der vordere Stirnlappen versagt?

Was übrigbleibt, ist, dass bei allem tatsächlich dieser faule Geruch und die Bitternis, dass es immer noch in diesem politischen Muff möglich ist, so realitätsfern und zynisch zu sein. Politik ist ein schmutziges, stinkendes Geschäft und leider nicht nur ein schlechter Herrenwitz.

Darüber hinaus werden schon wieder Täter- und Opferrollen verwechselt. Das scheint der deutschen Seele irgendwie immanent zu sein. ‚Was zieht die Schnalle sich auch so aufreizend an, da muss sie sich ja nicht wundern, wenn ihr einer an die Wäsche geht….Was müssen die Saujuden auch uns Deutschen soviel Schaden zufügen wie die Ratten und anderes Ungeziefer, da müssen sie sich ja nicht wundern, wenn man sie ein bisschen vergast.‘

Die andere Seite der Diskussion – ab wann wird eindeutig die Schwelle des ‚Anflirtens‘ überschritten und wo beginnt die sexuelle Übergriffigkeit. Dass die Gesellschaft in Deutschland so sensibilisiert ist, wie sie nunmal ist, darf ruhig als gut und richtig bezeichnet werden. Auch wenn Internetseiten wie beispielsweise die sektenartige ‚Mädchenmannschaft‘ regelmäßig über das Ziel hinausschießen und einfach in Bausch und Bogen sämtliche Interaktionen, die von Männern ausgehen, als unangemessen und respektlos und übergriffig deklassiert werden, scheint jedoch die Glaubwürdigkeitshürde in Deutschland sehr hoch zu hängen. Immer noch haben es Opfer mit dem Klischee zu tun, dass sie die Übergriffe möglicherweise  durch unangemessene Kleidung provoziert hätten. So werden Opfer regelmäßig auch in der bundesdeutschen Wirklichkeit des Jahres 2013 zu Tätern. Das Problem ist tatsächlich ein gesamtgesellschaftliches, in dem es um die Frage von wirklicher Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau geht, von der wir noch meilenweit entfernt sind. Der ideologische Gegenreflex ist in diesem Zusammenhang wenig verwunderlich. Das, was die arbeitsteilige Gesellschaft durch ungleiche Löhne und ungleiche Karrierechancen psychologisch vorlebt, dass sich Männer durch intelligente, selbstbewusste Frauen in ihrem Mannsein (so, wie sie es verstehen) bedroht sehen, wird konkret dieser Basis ‚privat‘ ausgelebt. Wir mögen weit entfernt sein von indischen Verhältnissen – das ist aber noch lange kein Grund, gegen vermeintlich harmlose Übergriffigkeit Toleranz zu üben. Die Rapeculture blüht nach wie vor und mit dem Finger auf andere Kulturkreise zu zeigen und damit das, was in Deutschland passiert, zu relativieren, ist die Feigheit, die jeder sexuellen Gewalt eigen ist.

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(foto:dpa)

*http://www.spiegel.de/spiegel/annett-meiritz-ueber-die-frauenfeindlichkeit-in-der-piratenpartei-a-877558.html

*Ursula Kosser: HAMMELSPRÜNGE, Sex und Macht in der deutschen Politik, DuMont Buchverlag, Köln, 2012

*http://www.tagesspiegel.de/medien/bruederle-am-pranger-ein-herrenwitz-schlaegt-hohe-wellen/7684224.html

*http://www.taz.de/!108850/

DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich …… meine Liste der 10 besten E-Gitarrensolisten.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn sie ein gutes Gitarrensolo hören. Ich für meinen Teil bin gerne mal bereit, dabei auszurasten.

Während längerer Autofahrten macht das besonders viel Spaß. So hörte ich mal auf einer Fahrt von München nach Berlin Ted Nugent STRANGLEHOLD als Endlosschleife. Herrlich – das Lenkrad darf ohne Gnade als Gitarrenersatz missbraucht werden. Klar, Luftgitarre zu spielen wäre auch ein bisschen gefährlich. Und wenn man das Solo ‚draufhat‘, blubbert man eben mal den Bass die nächsten 80 Kilometer.

Ich habe die Gitarristen in den verschiedenen Bands, in denen ich als Tieftonzupfer dilletieren durfte, immer für ihr Können verehrt und gleichzeitig für ihr Ego gehasst. Auch untereinander sind Gitarristen eher Arschlöcher, die immer glauben, man würde sie nicht ernst genug nehmen. Vor allem Basser haben unter ihrem derben Humor zu leiden: „Ey, weißte was man sieht, wenn man beim Basser den Schädel aufklappt? Die Füße!“ Rasend komisch. Oder haben Sie schon mal beispielsweise zwei Gitarristen aus zwei verschiedenen Bands erlebt, wenn sie bei gemeinsamen Gigs aufeinandertreffen? Sie fallen sich in die Arme, klopfen sich auf die Schultern, machen sich Komplimente, lachen laut über die Basser und die anderen Hirnis in ihrer Band, kurz, sie sind die besten Freunde. Aber kaum sind sie wieder außer Hörweite sagt der erste solche Sachen wie: „Ich fünf Jahre länger im Geschäft, dem spiel ich noch dreimal den Arsch ab“, und der andere murmelt: „Bin ja mal gespannt, ob er wieder den Pokal von seinem letzten Luftgitarrenwettbewerb auf seinen Marshall stellt.“

Ja, wie gesagt, man kann sie hassen, diese Spezies. Schließlich kriegen die immer die Spots, das Gejohle und die Mädels ab. Niemand interessiert sich für den Trottel am Bass oder den Drummer, der eh immer versteckt hinter seinem auffälligen Arbeitsgerät hockt, das nur mal ganz am Rande bemerkt. Aber jedes Mal konnten mich die Kollegen mit ihren Solos versöhnen, mit dieser Verve, mit dieser Liebe für das Instrument, mit diesem Versunkensein, mit diesem ‚Ganz-bei-sich-sein‘. Nun ja, dass sie immer mit irgendwelchen Groupies verschwanden, ohne ihre Biere zu bezahlen – Schwamm drüber.

Diese Liste bedarf keiner Erklärung und man möchte eigentlich auch nicht mit irgendwelchem Gewäsch über die Historie der E-Gitarre gelangweilt werden. Vielmehr sollte man sich einfach an dem unfassbaren Können, an der Musikalität und der Passion dieser Gitarristen erfreuen und sich im besten Fall eine Gänsehaut verpassen lassen. Los gehts.

Meine Damen und Herren, the best of the best.

10. Angus Young (AC/DC) THUNDERSTRUCK

09. Derek St. Holmes (Ted Nugent) STRANGLEHOLD

08. Prince PURPLE RAIN

07.  Alvin Lee (Ten Years After)  LOVE LIKE A MAN

06. Gary Rossington & Mark Matejka (Lynyrd Skynyrd / Lynard Skynard)  FREE BIRD

05. Eric Clapton / Georg Harrison (The Beatles)  WHILE MY GUITAR GENNTLY WEEPS

04. Eric Clapton LAYLA

03. Brian May RESURRECTION

02. Jimmy Page (Led Zepplin) ROCK ‚N ROLL

01. Ritchie Blackmore (Deep Purple) CHILD IN TIME

DAS LEBEN ALS MENSCH: Neulich ….. im ‚Paradies Liebe‘ oder ‚So geht Ficken, Alter‘

Als ich vor ein paar Jahren ehrenamtlich eine Gruppe Migranten auf den Einstufungstest A1 (Deutsch als Fremdsprache) vorbereitete, musste ich zu den Kursen immer an einem Hort für Grundschüler vorbei. Eines Tages beobachtete ich eine Szene, an die ich mich bei Ulrich Seidls „Paradies Liebe“ erinnerte. Ein etwa 7- jähriger Junge warf sich auf ein gleichaltriges Mädchen und bewegte seinen Unterkörper so auf seiner Mitschülerin, als wäre er auf einer Hüpfburg unterwegs. Dazu blickte er zu seinem Kumpel, der interessiert danebenstand und schrie ihm den schönen deutschen Hauptsatz „So geht Ficken, Alter“ entgegen.

Der Film, den man dem Publikum als ’sozialkritischen Blick‘, gar als ‚Meisterwerk‘ verkaufen will, ist weder das eine noch das andere. Vielmehr ist es ein nicht mal fröhlich vor sich hin dilletierendes Stück, sensationsgeil, pathetisch und rassistisch. Selbst die an sich guten Schauspielerleistungen brechen unter der Last der Klischees zusammen wie das berühmte Kartenhaus.

Ich denke, okay, ich MUSS ins Kino, es ist ein deutschsprachiger Film, das MUSS ich unterstützen, das gehört sich so für jemanden, der in Deutschland auch in dieser Branche arbeitet. Als ich aus dem Kino wieder herauskomme, ist mir klar, dass ich mir diese Solidaritätsbekundungen in Zukunft schenken werde.

Die Story: Teresa, eine Frau, die ihre sogenannten ‚besten Jahre‘ hinter sich hat, entledigt sich ihrer halbwüchsigen Tochter bei einer Verwandten, um das mit der Liebe – gemeint ist Sex – in einem Keniaurlaub nochmal zu probieren. Ihre Freundin, die sich schon mal kräftig assimiliert hat – das erkennt man an den folkloristisch geflochtenen Haaren und dem Geständnis, dass sie bereits einen Boyfriend hat, der ganz genau weiß, wo es lang geht – was nichts anderes heißt, als dass das Objekt der Begierde einfach nur ein prima Ficker ist, weiht Teresa am Strand des Ozeans ein. Endlich muss Frau nicht mehr diesem ganzen Scheiß hinterherjagen, den nichtnutzigen Faltencremes, nichtsnutzigen Botox-Anwendungen, nichtsnutzigen Haarkuren und Fake-Diäts. Und Frau bekommt trotzdem, was sie will und das ist, wie wir inzwischen alle hinlänglich begriffen haben, Sex. Ja, das ist es was die Frau eigentlich will. Haben die Bandenmachos mit Migrantionshintergrund und die Möchtegern-Gangsterrapper also doch recht mit ihren Texten. Wenn selbst ein Intellektueller wie Seidl das so eindrucksvoll bestätigt, muss ja wohl was dran sein.
Was folgt, ist das Bemühen Teresas, auch so einen Stecher abzukriegen und wenn sie ihn bezahlen muss. Und, wirklich, Auftritt junger, farbiger Mann mit einem umwerfenden Lächeln, einer Haut wie schwarzes Elfenbein und unergründlichen Augen – das fleischgewordene Klischee eines African Gigolos, der auf den schönen Namen Munga hört, zumindest klingt er in Teresas Ohren so schön. Dazwischen gibts bildgewaltige Montagen, die jedem anthropologischen Beitrag auf Discovery alle Ehre machen würden: schlimm, diese Zustände da unten, jede Menge Slums und Armut, Dreck, verwahrloste Kinder und alles, was man sich sonst noch so vorstellen kann in seinem bequemen, mitteleuropäischen Kinosessel.
Also, Munga besorgt es Teresa mal ordentlich und die Glückseeligkeit ist über sie gekommen. Tja, so geht Ficken. Das ist, ohne Witz, fast schon so was wie die Moral des Films. Und das macht mich wütend, genauso wütend wie mich die Unsäglichkeit des alternierenden Machwerks „Die weiße Massai“ gemacht hat. Garniert wird der ganze Kladderadatsch durch Kneipenszenen, in denen Stammtischwitze gerissen werden, bei denen das Publikum im Saal kurz vor dem Szenenapplaus stand. Bravo, Herr Seidl, gut gemacht.
Es kommt schließlich, wie es kommen muss, Munga ist mitnichten der Single, als der er sich ausgegeben hat oder wie Teresa vermutet haben mag, sondern natürlich verheiratet und Vater eines liebreizenden Kindes. Macht nichts, kommt eben der nächste, auch gut. So machen es die weißen Kerle zuhause doch auch ihr ganzes Leben lang. Und um diese fundamentale Erkenntnis, die es wert ist, in Stein gemeißelt und vom Berge Sinai herab unters Volk getragen zu werden, gibts am Ende des Films dann noch eine erstklassige Orgie. Die einschlägigen Produktionsgesellschaften aus dem Porno-Valley in der Nachbarschaft von Hollywood können sich schon mal warm anziehen. Das Storytelling befindet sich nicht erst jetzt auf dem Niveau nachmittäglichen Anschreifernsehens einer scripted realitiy oder, wie man ja auch inzwischen sagt, eines real dramas.

Die Frage bleibt, welche Gesellschaft soll hier kritisiert werden? Ein Europa, dass Afrika immer noch in kolonialer Abhängigkeit hält und als Botschafter Frauen wie Teresa ins ‚Herz der Finsternis‘ schickt? Oder der Machismo der Afrikanischen Männer, die mit der Masche der verkäuflichen Liebe es den Europäern heimzahlen wollen, dabei aber ihre Frauen genauso behandeln wie die Männer, von denen Teresa und Co. die Schnauze so gestrichen voll haben? Rassistsiche Resentiments und sexistisches Allerlei bescheren uns einen bunten Strauß ‚ausgelutschter‘ (oder sollte man sagen: ‚ausgeblasener‘) Klischees. Nochmal, Bravo, Herr Seidl. Gesellschaftskritik, nein danke, da liest man dann doch besser ein Sachbuch.

Michael Winterbottom hat vor ein paar Jahren mit „9 Songs“ tatsächlich einen Liebesfilm gedreht, der in seiner Leichtigkeit und Explizitheit mehr über selbstbewusste und selbstbestimmter Sexualität von Frauen zu erzählen weiß, als es Seidl mit seinem Paradies schon von der konzeptionellen Anlage her jemals in der Lage wäre. In dieser Reihe befindet sich auch ‚Wolke 9‘ von Andreas Dresen, der fernab der Sensationslüsternheit des ‚Paradies:Liebe‘ auf Sex im Alter die ehrlichsten, ungeschminktesten und somit auch schönsten Blicke wagt, wenn auch in einem anderen Sujet. Der Gang in die Videothek lohnt sich in diesen Fällen mehr als der Weg ins Kino.